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Kowalski Geschichten
Wie dunkel schmeckt die Nacht? PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Saturday, 7. October 2006
Wie dunkel schmeckt die Nacht?
 
 
Es ist dunkel draußen. Und Dunkelheit macht erst mal Angst. Nein, normalerweise natürlich nicht, aber jetzt ist nicht normalerweise. Kowalski sitzt auf der Bettkante. Vor dem Fenster bewegen sich die Blätter des Holunderbeerbaumes im Wind. Es ist ziemlich windig. Sie bewegen sich also auch ziemlich heftig. Für Kowalski sind das kleine Geister, weil er sie nicht als sich bewegende Blätter einordnen kann. Sein Kopf kann es nicht. Sein Kopf macht daraus kleine Geister. Kleine Geister, die unaufhörlich hin- und hertanzen. Links-zwo-drei. Er fühlt sich bedroht. Er fühlt, dass da draußen jemand vor dem Fenster steht. Das ist natürlich Blödsinn, aber er fühlt es trotzdem. Der Wecker tickt.
Kowalski möchte sich die Decke über den Kopf ziehen, aber wenn er sich hinlegt und genau dies tut und die Augen schließt, wird alles noch schlimmer. Mal abgesehen davon, dass er nicht mehr liegen kann. Er wüsste überhaupt keine Position, in der sein Körper auch nur halbwegs entspannt liegen könnte. Keine.
Kowalski sitzt auf der Bettkante. Der Wecker tickt. Unendlich langsam vergehen die Minuten. Er raucht. Alle 15 Minuten eine Zigarette, und er versucht, immer dann abzuaschen, wenn der Sekundenzeiger auf der 5 ist. Er bildet sich ein, dass das gut klappt, auch wenn er den Zeiger in der Dunkelheit gar nicht erkennen kann, aber schließlich sitzt er schon seit Stunden so. Er hat den Takt im Bauch. Glaubt er.
Wenn draußen ein Auto vorbeifährt, befürchtet er, dass sie ihn holen. Er weiß nicht, wer sie sind, er befürchtet nur, dass sie ihn holen könnten. Einfach so hier weg. Dieser Gedanke macht noch mehr Angst. Ungefähr alle sieben Minuten fährt draußen ein Auto vorbei. Das ist viel, dafür, dass es mitten in der Nacht ist. Aber vielleicht ja auch nicht, was weiß er schon? Zumindest nicht, wie viele Autos sonst nachts vor seinem Fenster lang fahren. Sonst schläft er nämlich nachts. Der Wecker tickt und sein Rücken schmerzt. Er kann auch nicht mehr sitzen. Aber was dann?
Die Geister vor dem Fenster bekommen Unterstützung von den Gespenstern aus den Heizungsrohren. Die summen und natürlich hört Kowalski die Heizungsrohre nicht summen, sondern für ihn sind es Stimmen. Die sprechen. Im Takt und in Versen. Manchmal versteht er, was die Rohre sagen, meist aber nicht. Wenn er es versteht, hört er Reime.

Der Buddha ruft. Kowalski sieht die Umrisse der Figur auf dem Schreibtisch. Nein, das tut er natürlich nicht, denn der Buddha ist gerade einmal vier Zentimeter hoch und bronzefarben. Er kann ihn in der Dunkelheit also genauso wenig erkennen wie den Zeiger der Uhr. Macht nichts, der Buddha ruft trotzdem. Im Einklang mit dem Weckerticken und den Bewegungen der Geister vor dem Fenster. Kowalski möchte aufstehen und hingehen, sich an den Schreibtisch setzen, den Computer anstellen – irgendwas schreiben, zum Thema „Rhythmus“ zum Beispiel. Davon könnte er nämlich schon seit Stunden ein Lied singen! Rhythmus ist das, was ihn momentan noch am Leben hält. Oder vielleicht eher die Regelmäßigkeit. Auch wenn es sich dabei um Geister und Stimmen und Zigaretten und Abaschen und vorbeifahrende Autos handelt. Aber das geht nicht. Schreiben. Denn zum einen kann er nicht laufen. Ach, was heißt laufen, er kann nicht einmal aufstehen, seine Beine knicken sofort ein. Elektrolytenmangel, er weiß. Aber selbst wenn er aufstehen könnte, er könnte gar nicht tippen. Nicht, weil er nicht richtig sehen kann, das wäre nicht so schlimm, denn er kann blind tippen, sondern weil auch die Motorik in seinen Fingern nicht funktioniert. Er würde die einzelnen Tasten der Tastatur nicht treffen, nicht einmal im Ein-Finger-Suchsystem. Nicht einmal das. Noch nicht, das wird noch zwei Tage dauern, zwei lange Tage. Und zwei noch längere Nächte.
Der Buddha ruft trotzdem. Der Wecker tickt und draußen ist es dunkel.

Einmal versucht Kowalski es doch, bis ins Wohnzimmer zu kommen. Er lässt sich rücklings von der Bettkante gleiten und robbt dann auf seinem Hintern bis zur Couch. Zieht sich mit den Armen Zentimeterweise über das Parkett, die Beine hilflos hinterher. Er schafft es, sich auf das Sofa zu hieven. Aber auch im Wohnzimmer ruft der Buddha. Der oben vom Bücherregal. Diese Figur ist größer, bestimmt zwanzig Zentimeter hoch, und Kowalski kann die Umrisse tatsächlich erkennen, weil durch die Fenster das Licht der Straßenlaterne hereinscheint. Die Rosenbüsche vorm Haus sind noch schlimmer als der Holunderbeerbaum, denn Rosenbüsche sind nicht nur Geister sondern Geister mit Gesichtern. Jede aufgeblühte Knospe ist eine kleine Fratze, die genauso blöde grinst wie der Buddha auf dem Regal. Jedes Mal, wenn eine Windbö die Blüten bewegt, reißen sie ihre Mäuler auf und grinsen. Und dieser Buddha spricht auch zu ihm, wie die Heizungsrohre. Selbst hier hört er den Wecker ticken. Es ist 2 Uhr nachts und die Rosenblüten bewegen sich im Wind. „Schöne Scheiße, in die du dich da reingeritten hast, Kowalski“, sagt der Buddha. Und er sagt es auch nicht nur einfach, es ist eher ein monotoner Singsang. „Aber das kennst du ja, ist ja nicht das erste Mal. Da musst du jetzt einfach wieder durch.“ „Ach nee“, denkt Kowalski und wundert sich, dass er überhaupt in der Lage ist zu denken, „wenn ich das schon höre, ´da musst du jetzt wieder durch´“, und wundert sich kein bisschen, dass er anscheinend die Worte des Buddhas nicht nur tatsächlich hört sondern sogar bereit ist, ihm zu antworten, „wenn ich es nur irgendwie schaffen könnte, bis morgen früh wieder ein paar Schritte zu laufen, dann würde ich Punkt 6 Uhr am Kiosk stehen. Irgendwann wird diese gottverdammte Nacht doch vorüber sein.“ „Du machst dir was vor“, mahnt der Buddha, der dabei aber nicht aufhört zu grinsen. „Wenn du morgen früh nachkippst, zögerst du doch alles nur noch weiter raus.“ „Mir doch egal“, denkt Kowalski und zündet sich eine neue Zigarette an, obwohl er hier vorm Sofa gar keinen Aschenbecher stehen hat. „Ich will nur, dass es vorbei ist. Noch mal halte ich das sowieso nicht aus. Noch mal will ich das nicht mehr aushalten. Schluss. Punkt.“

Aber Kowalski wäre nicht Kowalski, wenn er es nicht aushielte. Jedenfalls geht er am nächsten Morgen nicht zum Kiosk. Kann er gar nicht. Aber er schafft es vom Wohnzimmer bis zum Bad, auf gleiche Art wie nachts von der Bettkante zum Sofa. Zentimeter für Zentimeter.
Literweise Wasser trinkt er dort; schließlich weiß Kowalski, wie er den Sprit wieder aus den Knochen bekommt. Bis der Buddha endlich aufhört zu rufen. Grinsen tut dieser aber immer noch. Auch der Wecker tickt immer weiter.
Draußen wird es langsam hell.



 
Heike Hartmann-Heesch