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Filmkritiken
Film: Hilary & Jackie, (Regie: Arnand Tucker) PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Tuesday, 31. October 2006

hiljack.jpg„Anbei übrigens die dramatische Umgestaltung der Doku über Jacqueline du Pré. Hoffe, du kennst sie noch nicht und kannst was damit anfangen.“ Mit diesen Worten auf einem Kärtchen erreichte mich ein Päckchen meines guten alten Freundes Dirk. Und ich musste erst einmal stutzen, denn: Im ersten Moment rief weder der Name Jacqueline du Pré (Dirk hat ja so Recht, wenn er mich immer mal wieder als „Kunstbanausin“ betitelt!) noch die Erinnerung an eine Doku bei mir etwas wach. Auch nicht ein Blick auf das Video-Cover von „Hilary & Jackie“ mit der Titel-Unterschrift „Die wahre Liebe von zwei Schwestern, die alles teilten: Liebe, Leidenschaft und einen Mann“ half mir zunächst weiter, erst als ich, unten rechts auf dem Cover, ganz klein, eine junge Frau mit Cello wahrnahm, begann der Groschen zu fallen. Natürlich, Jacqueline du Pré, die Jackie du Pré, die große englische Cellistin. (Die Dokumentation über ihr Leben hatte ich im vergangenen Jahr von Dirk zum Geburtstag bekommen ... und bislang, er möge es mir verzeihen, nicht angeschaut. Aber ich habe es inzwischen ja nachgeholt.)

 

Während die Doku ihrer Lebensgeschichte und ihrem künstlerischem Werdegang nachgeht, den Schwerpunkt aber auf ihr besonderes Verhältnis zu Edward Elgars Cello-Konzert (das Ende des Films bildet die komplette Aufführung des Cello-Konzerts von Elgar mit dem New Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim) legt, stellt „Hilary & Jackie“ die hoch emotionale, explosive und sehr widersprüchliche Beziehung zwischen den beiden Schwestern in den Mittelpunkt. Es gelingt Regisseur Arnand Tucker in großen, ausdrucksstarken Bildern, das Leben der beiden in ihren Extremen, zwischen Wahnsinn und Leidenschaft, zwischen grandiosen Triumphen und erschütternden Niederlagen zu zeigen. Und auch, wenn der Film zum Teil auf dem Buch „A Genius in the Family“ (später neu betitelt als „Hilary & Jackie“) von Hilary und Piers du Pré basiert, war es immer Tuckers Intention, die Beziehung der beiden Schwestern aus beider Blickwinkeln zu zeigen: „We wanted to create a sense of what it felt like to be Jackie, what it felt like to be Hilary [...] The most difficult thing was to come up with a shape for the screenplay that allowed us to engage with Hilary´s sadness, but celebrate Jackie´s brilliance as well. People have canonised Jacqueline du Pré, yet she was not simply a happy, beautiful person who made sublime music. Her music has everything in it: pain, loss, terror, all the things we fear.” (Arnand Tucker in UK Press Release)

 

Und eigentlich ist die Geschichte von Hilary und Jackie recht schnell erzählt: Unzertrennlich in ihrer Kindheit, wachsen die beiden wohlbehütet im London der 50er Jahre auf. Beide zeigen früh außergewöhnliches musikalisches Talent (Hilary für Flöte, Jackie für Cello), aber nur Jackie entscheidet sich für ein Leben für die Musik: Früh beginnen ihre internationalen Auftritte, und der immer enorm enge Kontakt zu ihrer Familie reduziert sich radikal (im Film sehr schön dargestellt in einer Szene, in der die Familie zuhause endlich langerwartete Post von Jackie bekommt, doch alles, was Jackies Päckchen enthält, ist Schmutzwäsche...). Hilary heiratet schließlich ihre erste große Liebe, Kiffer Finzi, einen jungen Dirigenten, zieht aufs Land und beginnt ein Leben mit Ehemann und Kindern, während Jackie als Cellistin Weltkarriere macht. Und trotz ihrer Verlobung und späteren Hochzeit mit dem hochtalentierten Pianisten und Dirigenten Daniel Barenboim 1967, die die Welt als „fairy tale love story“ feiert (das TIME Magazine schrieb darüber „Thus began one of the most remarkable relationships, personal as well as professional, that music has known since the days of Clara and Robert Schumann“), fordert Jackies Erfolg seinen Tribut: Sie fühlt sich einsam, immer müde, ungeliebt und leidet unter der Rastlosigkeit ihres Berufes, und ihr Unmut äußert sich in immer wiederkehrenden Wutausbrüchen, sodass sie oft selbst glaubt, wahnsinnig zu werden. Sie bricht eine Welttournee ab und flüchtet sich in verzweifelter Suche nach Wärme und Bestärkung zu Hilary und ihrer Familie in die Einsamkeit des Landlebens und bittet dort Hilary um einen ungewöhnlichen „Beweis“ ihrer schwesterlichen Liebe. (Hier der Bezug zum Untertitel auf dem Cover: zwei Schwestern, die alles teilten: Liebe, Leidenschaft und einen ...). Aber auch hier fühlt Jackie sich abgelehnt, und zurück auf Tournee (und bei ihrem Ehemann), bemerkt sie zum ersten Mal, dass sie ihr Gefühl in den Fingern verliert und sich ihre Arme wie Blei anfühlen. 1973 wird bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert, 1987 schließlich stirbt sie, nur 42-jährig.

 

Ich vermag nicht zu beurteilen, inwieweit insbesondere die Dreierbeziehung Hilary-Jackie-Kiffer oder die Beziehung Jacqueline-Daniel biografisch realitätsgetreu wiedergegeben oder dramatisch vielleicht doch zu sehr ausgeschmückt wurden und damit zum einen das Verhältnis der „wirklichen“ Jacqueline zur Filmfigur problematisch wird, zum anderen aber auch das Verhältnis der Schwestern zueinander fragwürdig macht. Allerdings erzählt der Film denjenigen, die nie im Leben von Jacqueline du Pré gehört haben, tatsächlich eine traurig-schöne Geschichte und lebt im Wesentlichen von der grandiosen Musik und den beachtlichen schauspielerischen Leistungen von Emily Watson („Die Asche meiner Mutter“) als Jacqueline, Rachel Griffith („Die Hochzeit meines besten Freundes“) als Hilary und auch James Frain („Elisabeth“) als Daniel Barenboim und David Morrissey („Waterland“) als Kiffer Finzi.

 Ein berührender Film in schönen Bildern für einen ruhigen Abend auf der Couch, nicht nur für Liebhaber klassischer Musik – und besonders für Leute, denen ein Happy End nach gerade einem rührenden Film zuwider ist. 

§       „Hilary & Jackie“, Universal Pictures Video, 2000

§         - Hilary und Piers du Pré, “Hilary und Jackie”, Ballantine Books 1998, ISBN 0-345-43271-1

§        “Jacqueline du Pré and the Elgar Cello Concerto“, Teldec Video, 1990