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Künstler-Portraits
Karla Kiesenthal, Malerin und Fotokünstlerin PDF Drucken E-Mail
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Wednesday, 6. December 2006
Autoren:
Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann


Karla Kiesenthal

Malerin und Fotokünstlerin



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(Foto: Privat)



1.Wie bist du zu „deiner Kunst" gekommen?
Über viele Umwege und vor allem durch ständiges Experimentieren und Weiterlernen.

2.Wann hast du dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass?

Daran kann ich mich nicht erinnern, aber ich weiß, dass ich bereits im Vorschulalter viel gemalt und gezeichnet habe. Eine Zeit lang habe ich mit Buntstiften Blumen mit Gesichtern gezeichnet. Meine Malleidenschaft zog sich auch durch die gesamte Schulzeit. Es existiert ein einziges erhaltenes Bild von einem Grashüpfer aus der Quinta am Gymnasium, das wahrscheinlich nur deshalb überlebt hat, weil meine Eltern es für 's Kinderzimmer gerahmt hatten. Auf dieses Kinderphantasieprodukt eines flotten Hüpfers mit grotesken Proportionen bin ich sogar heute noch ein wenig stolz, obwohl mir immer stärker dämmert, dass ich mich da unbewusst womöglich selbst gemalt haben könnte.



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(© Karla Kiesenthal. Alle Rechte vorbehalten.)





3.Hast du künstlerische Vorbilder?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, als Maler hat Paul Klee den größten Einfluss auf mich gehabt, nachdem ich im Alter von etwa 18 Jahren eine Ausstellung im Duisburger Lehmbruck-Museum gesehen hatte. Später habe ich mich auch sehr für Victor Vasarely interessiert und die gesamte Op-Art. Ich schwanke sogar bis heute zwischen Grafik und Malerei bzw. grafisch stark abgegrenzten und weichen ineinander fließenden Formen.

4.Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, Konzert besucht?)

Das, was mich nicht angerührt hat, lasse ich weg. Die wichtigsten Bücher aus diesem Jahr waren für mich „Vincent" von Joey Goebel, „Die Schatten und der Regen" von Hakan Nesser und „Vindings Spiel" von Ketil Bjornstad. An den letzen Film kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Vielleicht liegt das daran, dass ich nach „Dogville" keinen mehr gesehen habe, der mich mehr mitgenommen hat (das ist hier durchaus doppeldeutig zu verstehen.) An das letzte Theaterstück erinnere ich mich besser. Das war „Ithaka" von Botho Strauss am Krefelder Stadttheater. Die letzte Ausstellung war die von Hans Binn, einem befreundeten Düsseldorfer Maler. Es gäbe da auch noch ein paar Konzerte, aber ich muss ja schließlich nicht alles von mir preisgeben. ;-)

5.Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt?

Meine geheimen Tagebücher habe ich noch nicht veröffentlicht, aber meine Bilder habe ich durchaus schon ausgestellt. Was, wann und wo kann man auf www.kiesenthal.de im Internet nachlesen.

6.Wie dringend brauchst du Feedback?

Nicht wirklich dringend, da ich in erster Linie das male oder fotografiere, was mir selbst gefällt. Feedback kommt zum Teil durch die Ausstellungen, aber auch durch Freunde, unter denen es auch einige gibt, die selbst künstlerisch aktiv sind. Ich freue mich natürlich über jedes Feedback, vor allem, weil es so oft positiv ausfällt. ;-)

7.Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?

Ziemlich verschmutzen. Da halte ich es mit Picasso: "Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.".

8.Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen" Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du anfängst zu malen?

Ich arbeite am liebsten zu Hause, weil ich Leben und Arbeiten schlecht trennen kann. Im schätze alle Inspirationsmöglichkeiten insbesondere das kreative Chaos in meiner Wohnung um mich herum. Bestimmte Rituale brauche ich nicht, aber eine möglichst störungsfreie Zeit, da ich ungern aus einem Prozess herausgerissen werde, der sich am besten als Floating charakterisieren lässt.

9.Kannst du von deiner Kunst leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Schön wär 's. Das können eh nur die wenigsten Künstler, die ich kenne. Aber ich muss meinen Lebensunterhalt nicht mehr selbst verdienen, sondern lebe auf Grund meines früheren Hauptberufes als Sozialpädagogin inzwischen von einer bescheidenen aber sicheren EU-Rente.


10.Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

Ja, auf jeden Fall. Etwas Talent scheint genetischen Ursprungs zu sein. Mein Großvater väterlicherseits war Goldschmied, dessen Frau war handwerklich ebenfalls sehr begabt und hat wunderschöne Handarbeiten hinterlassen. Sie waren bereits gestorben bevor ich geboren worden bin, aber da sie den größten Teil ihres Besitzes durch den Krieg retten konnten und mein Vater ihr einziger Sohn war, bin ich in einer Atmosphäre aufgewachsen, die stark durch ihren kulturellen Geschmack und ihre musischen Interessen geprägt war.

11.Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?

Es gibt kaum etwas, was mich nicht inspiriert. Ich bin da wie ein Schwamm, der alles aufsaugt. Ich kenne im Grunde keine Schaffenskrisen auf Grund von Mangel an Ideen. Aber die Sache hat auch einen Nachteil. Irgendwann muss ich eine Wahl treffen, eine Thematik besonders aufgreifen, sonst würde ich mich verzetteln. Man muss sehr diszipliniert sein, um im ‚kreativen Chaos' den Orientierungsfaden nicht zu verlieren.

12.In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/hinderlich für deine Kunst?

Ich bin im europäischen Kulturkreis aufgewachsen, was ich keineswegs bereue. Old Europe kann auf gute künstlerische Wurzeln zurückblicken, aber die Kunst anderer Kulturkreise, die ich hauptsächlich durch Reisen kennengelernt habe, interessiert und inspiriert mich fast genauso stark.

13.Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

Cool, engherzig, geltungssüchtig, geldgeil und mutlos.

14.Gibt es drei „Dinge", die du überhaupt nicht kannst?

Unter den vielen Dingen, die ich nicht kann, gibt es bestimmt drei, die ich überhaupt nicht kann, nur wollen mir die im Augenblick absolut nicht einfallen. Ich hab' mein Pulver schon bei Frage 13 total verschossen. ;-)

15.Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?

Ich habe eigentlich nur einen großen Traum u. z. möchte ich weiterhin noch eine gute Zeit mit all den lieben Menschen verbringen, die mir freundschaftlich verbunden sind, neue interessante Menschen kennenlernen, Erfahrungen teilen und austauschen - essen, trinken, sprechen, spielen, lieben, lachen ...

16.Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch, welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?
Die Bremer Stadtmusikanten: „Etwas Besseres als den Tod finden wir überall."

Fragen zum Thema „Kunst" (allgemein):

1.Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?

Qualität ist für mich unzweifelhaft, obwohl ich dem Erklärungszwang nicht standhalten könnte, wenn mich jemand fragen würde, woran sich Qualität im Allgemeinen festmachen lässt. Ich könnte demnach lediglich beschreiben, was für mich persönlich Qualität ausmacht. Da ist der ästhetische Gehalt für mich ein sehr entscheidendes Kriterium für ein gutes Bild. Ein Kunstwerk darf selbstverständlich verblüffen, es darf auch schockieren, aufklären, zum Nachdenken anregen und viele andere Dinge tun, aber es darf m.E. niemals hässlich sein.

Ein Musiker muss die Klaviatur seines Instrumentes natürlich technisch beherrschen, um gut spielen zu können. Auch ein Maler muss seine Mittel beherrschen, um gute Bilder malen zu können. Für das Handwerk selbst gibt es aus meiner Sicht durchaus objektive Kriterien. Aber rühren alle technisch perfekt vorgetragenen Musikstücke und handwerklich überragend ausgeführten Bilder auch an die Seele? Qualität kann stumm und kalt sein, wenn sie nicht das Herz des Gegenübers erreicht.


2.Was fehlt in der Kunst oder der Kunst? Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs"?

Das größte Problem im modernen Kunstbetrieb ist, dass die meisten Menschen sich - verkürzt gesagt - vom Markt und vom Feuilleton ihren Geschmack bestimmen lassen. Viele Menschen wissen nicht, wie sich das anfühlt, wenn ein Bild zu ihnen spricht oder trauen ihrer Selbstwahrnehmung nicht. Sie kaufen das, was andere ihnen als gut suggerieren oder nehmen den Marktwert eines Künstlers als Anhaltspunkt. Die schlimmste Entwicklung ist die, dass die Produkte der bildenden Künste zu Anlagevermögen verkommen sind.

Dem modernen Komponisten Helmut Lachenmann werden die Worte zugeschrieben:
„Kunst gibt sich dort zu erkennen, wo wir über das ästhetisch-sinnliche Erlebnis an unsere Möglichkeiten als geistbegabte Geschöpfe erinnert werden. Kunst hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun, an unsere Grenzen zu gehen. Es mutet dem Menschen eine gewisse Anstrengung zu, nämlich die, über seinen Horizont hinauszublicken."

Es gibt in diesem Kunstbetrieb viel zu wenige Menschen, die das tatsächlich wagen und das Selbstbewusstsein aufbringen, ihrem eigenen Gefühl auch bei der Kaufentscheidung zu trauen. Menschen, die Kunst als Anlagevermögen kaufen, müssen damit rechnen, dass die nächste Mode irgendwann ihr teures Bild zu Abfall erklärt. Der Rubel muss schließlich rollen und der rollt nur, wenn Bewegung im Markt ist. An der Börse oder beim Pferderennen ist es nicht anders. So lange das gute Schätzchen Sieg um Sieg erringt, macht die Euphorie blind für die Tatsache, dass nebenan schon der neue Gaul aufgebaut wird.

Früher hat im Bereich der Kunst ein Menschenleben nicht ausgereicht, um das zu bemerken. Aber die Verwertungszeiträume werden immer kürzer und so manches aktuell hoch gelobte Bild wird der derzeit stolze Besitzer eines Tages klammheimlich zum Sondermüll tragen. Welche Werke tatsächlich so viel sinnlich-ästhetische Grenzen sprengende Kraft besitzen, dass sie die Zeitmoden unangefochten überdauern, wird auf längere Sicht hin ganz bestimmt nicht der Markt entscheiden, sondern im Kunstwerk selbst begründet sein. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Was stark ist, wird Wurzeln schlagen."


3.Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?

Ich habe durch den Uschtrin-Newsletter von der Existenz des „Verstärkers" erfahren. Es gibt sicherlich jede Menge ähnlicher Projekte online und offline, aber ich bin selbst viel zu sehr mit dem Selbermachen von Kunst beschäftigt, dass ich kaum Zeit habe, über Kunst und Kultur zu lesen. Meine Zeit und meine Kraft waren lange Zeit durch andere Umstände und Pflichten stark gebunden, so dass ich in den letzten Jahren wenig dazu gekommen bin, künstlerisch zu arbeiten. Da hat sich viel Energie angestaut, die erst einmal wieder abfließen muss. Irgendwann kommt auch wieder eine Zeit, wo ich das, was um mich herum passiert, wieder verstärkt in den Fokus nehmen werde. Auch eine künstlerische Dampfwalze muss irgendwann zum Auftanken wieder ins Depot. ;-)



Karla, vielen Dank für dieses Interview!
Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann



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