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Künstler-Portraits
Porträt: Matthias Fehlberg, Gitarrist PDF Drucken E-Mail
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Saturday, 16. December 2006
Autoren:
Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann


Matthias Fehlberg, Gitarrist
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(Foto: W.A. Gogolin)

1. Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?           

Im zarten Alter von 14 Jahren schleppte ein Freund eine Gitarre an, klimperte darauf einen e-moll Akkord und ich …war hin und weg. Gitarre…cool, aber auch noch selbst spielen…? 

2. Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass? 

Bei mir war es zwar keine „Geschichte“, aber übertragen wir das auf das erste Stückchen Gitarre: Geschrammel und Gedudel …als ich dann irgendwann die Bluesskala entdeckte und Solos spielen konnte, war ich in plötzlich recht schnell in einer Band, dort schrieb ich meinen ersten Song.  

3. Hast du künstlerische Vorbilder? 

Rory Gallager war der Größte …perfekt im Stil, technisch versiert und als Mensch sympathisch, aber leider in den Sumpf des Alkohols abgeglitten, das Durchschnittsschicksal eines Musikers.Natürlich James Marschall Hendrix…ein Autodidakt, der die Gitarre völlig neu definierte und Geräusche und Sounds aus ihr herausbrachte, die revolutionär waren. Das Publikum applaudierte auch nicht …es war zu sprachlos, um in die Hände zu klatschen (zu hören auf  „Woodstock“).Dann (es wurde ruhiger) Ry Cooder …der Übervater der Slidegitarre.Diverse Songwriter und heute …Chris Rea…der Mann, der auf seine alten Tage den Blues entdeckte und seine blaue Seele pflegt. Stimme, Stil, Inhalt der Texte…ganz groß. 

4. Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung besucht?) 

Zuletzt gelesen hab ich eine Weitererzählung der Schatzinsel (geschrieben seinerzeit von Robert Louis Stevenson), heute von einem Schweden neu erzählt. Dann, als politisch Interessierter, die Memoiren von Henry Kissinger, etwas umfangreicher, aber sehr interessant. Watergate ist für viele nur noch die Wildwasserbahn in Disney-Land…was so nicht stimmt, echt.Als letzten Film habe ich wieder mit den Tränen gekämpft bei „Mathilde, die Geschichte einer großen Liebe“…kann man nicht beschreiben… Armut, Krieg, Menschlichkeit…und Liebe.  Die letzte Ausstellung war Caspar David Friedrich gewidmet. Dem Maler der Romantik, mit den Bildern von Landschaften im 18 . Jahrhundert… 

5. Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Deine Werke ausgestellt?

Buch, leider nein, aber was nicht ist…Öffentlichkeit …ja, seit 2003. Meine „Werke“ sind Töne, die im Raum verklingen, meine Öffentlichkeit sind die Lesungen. Wobei ich mich als Teil dieser verstehe. Dann wird es im nächsten Jahr zwei neue CDs geben. Eine mit älteren Sachen, zusammen mit einer Band und ein in Arbeit befindliches Album nur mit Gitarre, zu dem ich im Januar einen Studiotermin habe. 

 

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(die Neue!!!)

 

6. Wie dringend brauchst du Feedback?

Ich werde bis zum Rest meiner Tage Gitarre spielen, ob alleine oder in der Öffentlichkeit, aber es ist schön, wenn ich etwas in der Richtung wahrnehme.

Das ist eine vollkommen andere Nummer und ich kann Autoren/Musiker, die sich bislang noch nicht trauten, nur ermutigen.  

7. Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?         

Zur See fahren, die Welt sehen, von der ich als „Künstler“ nur träume… 

8. Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du  anfängst zu schreiben? 

Wer in Rockbands gespielt hat, ist zwangsläufig durch die schlimmsten Löcher gezogen, die als überbauter Raum angeboten werden. Feucht, dunkel …eher nicht so sauber. Man ist dankbar, wenn es warm ist, nicht zieht oder das Wasser im Glas ist und nicht von der Wand läuft. Dann vielleicht sogar natürliches Licht (kannte ich in diesem Zusammenhang gar nicht).Ich „arbeite“ heute auf den Lesungen, habe meinen festen Platz vorne, schräg neben dem Autor, eröffne den Abend, ohne vorher den Kuss der Muse zu erbitten. 

9. Kannst du von deiner Kunst  leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

 Nein, absolut nicht. Ich lebe von einem festen Job, den ich einst annahm, um die Zeit bis zum  Plattenmillionär zu finanzieren. Wurde leider nichts. Es wurde auch nichts mit einer Familie und auch im zweiten Anlauf versagte ich kläglich, sodass ich heute meine Kinder alle 14 Tage bei mir habe. Die Kids sind das Wichtigste und Gewaltigste, was in meinem Leben stattfindet und im Wesentlichen dreht sich alles um sie.   

10. Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?) 

Rockmusik war früher auch immer opponieren. Man lehnt sich auch gegen familiäre Prägungen auf, um „richtig stark“ (also anders) zu leben. Später ist dieser Traum zu Ende und  es gibt kein familiäres Umfeld mehr, das einen noch nachhaltig prägt, weil man diesem ja entfliehen wollte (und nach dem man sich dann etwas sehnt). Aber wer weit rausfährt, findet den Hafen nicht mehr. Also bleiben nur Einzelpersonen und Mentoren, bei mir jemand, der mich für die Lesungen engagierte und der Auffassung war, ich würde „das packen“. 

11. Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ? 

Die Idee des Blues. Alltagsgeschichten, Alltagsgefühle musikalisch umzusetzen. (Fast) jedes Ereignis wird so zu einer Inspiration. Leider eben auch die traurigen…aber das ist ja die Idee des Blues. Das Leben mit Musik erträglicher machen. So wird Musik zu einem Begleiter und Freund. Auf Lesungen kann genau dieses Gefühl aufkommen, wenn Texte eben in dieser Art  sind…dann entsteht eine Synthese von Wort und Musik, die manchmal fast magisch ist. Negativ wirkt sich mein Job aus, der mich manchmal schlaucht und mir die Kraft nimmt, abends noch zu üben. 

12. In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich / hinderlich für deine Kunst? 

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der Rockmusik noch „Beatmusik“ war, es „Halbstarke“ gab und die Haare immer zu lang waren (auch gepflegte).  „Schiens“ (also die blauen Beinkleider) waren eben „Jiens“ und die einzelnen Gruppennamen wurden auch so verballhornt. Die Sprache war noch nicht so amerikanisiert (womit ich nie ein Problem hatte). Irgendwie herrlich spießig.  Einen Großteil verbrachte ich „auf dem Land“, dem Bauernhof meiner Großeltern. Dort war „Kunst“ etwas für Spinner und Rockmusik etwas… für Irre, unruhige Geister. Heute hat jedes Dorf seine Jazzkneipe und in jedem Gemeinderaum stehen Plastiken bekannter oder unbekannter Meister. Vielleicht ist dies sogar eher abtörnend, weil es kein Abenteuer mehr ist, sich dem zu widmen. Der Umstand, dass es keine Unterstützung gab, kein verständnisvolles Nicken, war vielleicht ein besserer Antrieb als oberflächliche Parteinahme oder erzwungenes Verständnis …  

13. Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht? 

oberflächlich, spaßig, ständig witzig, urkomisch, jede Party bereichernd   

14. Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst? 

oberflächlich plaudern, vertiert über Kleinigkeiten verhandeln und Interesse heucheln, wenn mich etwas nicht interessiert. 

15. Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen? 

eine Schlittenfahrt durch Nordlappland, eine Kreuzfahrt in der Antarktis und mit dem Auto durch die Staaten… 

16. Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch,  welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

 “The story of love is hello and goodbye, the story of life is quicker than an eye.” (Jimi Hendrix) 

Fragen zum Thema „Kunst“ (allgemein): 

17. Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?  

Sie muss mich einfach nur anrühren, ansprechen, Emotionen auslösen …und authentisch sein.  

18. Was fehlt in der Kunst oder der Kunst?  Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“? 

Ich glaube, es gibt da zwei Welten. Der offizielle Kunstbetrieb, professionell, industriell abgeerntet, dessen Problem liegt in der Entfremdung von den Menschen, die eigentlich erreicht werden sollen, letztendlich aber nur Kunden und Käufer sind. Andererseits gibt es eine Szene, die schreibt, selbst verlegt, illustriert, Lesungen veranstaltet, sich mitteilt. Hier gibt es mehr Macher als teilnahmslose Konsumenten, mehr geht nicht.  Zu dieser Szene gehöre ich und ein Problem kann ich nicht erkennen.  

19. Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du? I

ch bin noch in einem Projekt, das sich „Wortwerk“ nennt, ein lockerer Zusammenschluss von Autoren, mit denen ich früher „getourt“ bin. Von dort bin ich zum Kulturhaus Dehnhaide gewechselt und begleite regelmäßig ein Leseprojekt, die „Spätlese“. Vom „Verstärker“ habe ich  erfahren, als der Wunsch an mich herangetragen wurde, auch dort mal eine Lesung  zu begleiten.   

Matthias, vielen Dank für dieses Interview. 

Heike Hartmann-Heesch

Dr. Sonja Hermann

 

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet.

Matthias Fehlberg „in kurzen Worten“… 

1961 in Hamburg geboren ….

In der Stadt zur Schule gegangen, auf dem Lande aufgewachsen

Mit Schulausbildung in den öffentlichen Dienst verschlagen

Seit 1975 an der Wandergitarre

Seit 1979 an der E-Gitarre in diversen Bands, mit diversen Übungsräumen in den verfallensten Gegenden Hamburgs.

Seit 1990 Solist und seit 2003  bei ca. 20 Lesungen musikalische Begleitung mit ungelenken Händen und sparsamen Tönen 

Dazwischen ein buntes Leben und heute vor allem aber … stolzer Vater von zwei Töchtern