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Künstler-Portraits
Anja Rößler, Autorin PDF Drucken E-Mail
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Friday, 22. December 2006

Autoren: Heike Hartmann-Heesch, Dr. Sonja Hermann

  

Anja Nicola Rößler

 

Autorin

 
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 1. Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen? 

Die meisten haben ja schon im Mutterleib an ihrem ersten Sonett gearbeitet. Bei mir war es etwas später. Klein war ich aber noch, als ich Geschichten für meine Freundinnen und Geschwister erfand. Ich erinnere mich an sprechende Pilze; an einen Ausflug in die Purzelbaumschule, in der Lehrerinnen mit Spaghetti um die Ohren rumgekugelt sind, um den Kindern ein ordentliches Purzeln beizubringen; an hübsche Kartoffelkäferkommissare, die sich mit Insektenvertilgungsmitteln rumschlagen mussten – dieses Sujet habe ich übrigens vor kurzem wieder für einen Ökokrimi aufgenommen. Mit circa zehn Jahren habe ich an einer Geschichte geschrieben, deren Protagonistin circa zehn Jahre alt und eine berühmte Springreiterin war; sie hieß Sophia Loren (natürlich nach der Schauspielerin, von der ich schon damals schwer beeindruckt war; am meisten mochte ich die Filme, die mir durch die Augen von Cary Grant o. ä. einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté gewährten). Allerdings habe ich die Geschichte – wie unzählige folgende – nie zu Ende gebracht. Im Jahr 1999 fing ich zum x-ten Mal an, Tagebuch zu schreiben. Doch beim Aufschreiben bin ich immer ins Fiktive, oft Absurde, abgedriftet, es entwickelten sich Konstellationen, über die ich nicht mehr Herr wurde – die Figuren machten einfach, was sie wollten. Kurz darauf beendete ich endlich mein erstes ‚Werk’, das über paar Seiten hinausging. Ich hätte eigentlich für eine Abschlussprüfung lernen müssen, schrieb aber stattdessen ein groteskes Kriminalhörspiel (Naive Umschülerin erpresst die Zuneigung eines Englischlehrers, den sie als den ‚Schultoilettenmörder’ entlarvt hat, und fällt dadurch selbst einer Erpressung durch einen infantilen Mitumschüler zum Opfer). Die Prüfung habe ich trotzdem geschafft, doch ab diesem Moment war mir klar, was mir wichtiger war.  

2. Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedichtgeschrieben, oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern?  Gab es einen besonderen Anlass?

 

Pardon! Diese Frage habe ich versehentlich bereits unter 1. beantwortet. 

3. Hast du literarische/künstlerische Vorbilder? 

Ich verehre sehr viele Schriftsteller: Richard Brautigan (den ich hiermit ALLEN ans Herz legen möchte), Léo Malet (ganz speziell für Parisfreunde), Eugène Ionesco, Dostojewski, Luis Sépulveda (Tipp: Der Alte, der Liebesromane las), F. Scott Fitzgerald, genauso wie Dick Francis (den ich Liebhabern von klassischen Krimis gepaart mit einem Faible für den Turf empfehlen möchte), Raymond Chandler (bin einfach und Krimi-Fan), Woody Allen (Short-Stories, z. B.: Side Effects – man erkennt mich derzeit in der U-Bahn, oder sonstwo, an unkontrollierten Lachanfällen; im Original sind die Pointen noch pointierter), Georges Perec (von dem ich zwar nur das Hörspiel: ‚Kneift Karadings vorm Krieg?’ kenne, das mich aber umgehauen hat), Sven Regener möchte ich auch mit einreihen, weil er in Deutschland meiner Meinung nach eine Ausnahme ist, und viele, viele mehr. Nicht zu vergessen: Truman Capote, dessen ‚Frühstück bei Tiffany’, das in der Verfilmung zwar schön, aber viel zu seicht daherkommt, ich vor Jahren in mich aufsog und mich dabei nur fragte, wie es möglich sei, so zu schreiben.

 4. Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, Konzert besucht?) 

Ich lese gerade mal wieder mehrere Bücher gleichzeitig. U. a. ‚Oblomow’ von Gontscharow; zwischendurch Christian Morgensterns ‚Alle Galgenlieder’; ‚Krieg um Olympia’ von Montalbán; ‚Endlich Nichtraucher’ von Allen Carr (zum vierten Mal); und wenn gar nichts mehr geht, nehme ich mir zum Entspannen die Apotheken-Umschau vor.  

Ach, apropos Film, da möchte ich noch einen Tipp loswerden: einer meiner Lieblingsfilme – um nicht zu sagen: der einzige Film – ist ‚Pulp – Malta sehen und sterben’ mit Sir Michael Caine und Mickey Rooney. Jedes Detail stimmt; und es gibt viele davon. In ergötzlicher und grotesker Manier geht es um Doppelmoral und Kapitalismus. Im Original allerdings noch besser. Vor allem, wenn gegen Ende des Filmes ein Geisterstadtbewohner, nach der Schuld an dem Tod des Mädchens gefragt, mit ‚Capitalisti’ antwortet, wird der Unterschied zur synchronisierten Version signifikant. Und ‚Ich kriege diese Mistkerle noch’ kann auch mit einer tollen Synchronstimme nicht mit Michael Caines Original-Drohung: ‚I’ll get the bastards yet’ mithalten. Okay, keiner weiß, von was ich spreche. Der langen Ausführung kurzer Sinn: unbedingt anschauen (es gibt ihn in manchen Videotheken). Es ist ein phantastischer Film. Bisher hab ich noch KEINEN getroffen, der diesen Film kennt. Und ich frage bestimmt schon seit einem Jahr JEDEN, der mir über den Weg läuft, danach. Würde zu gerne mal meine Begeisterung teilen können... 

5. Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt?

Wie sagt man in diesem Fall gern: noch nicht. Doch wer weiß... – vielleicht klappt’s nie... Aber ich habe inzwischen tatsächlich einen Kurzgeschichten-Band zusammen und möchte anfangen, mich an Verlage zu wenden.  

6. Wie dringend brauchst du Feedback?

Ich mag Feedback sehr gerne – es hilft mir, dran zu bleiben. Gutes spornt mich an, schlechtes ist fast noch besser, ich denke dann: Jetzt erst recht...  

7. Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?         

Muße.

8. Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du  anfängst zu schreiben? 

Meist an meinem Schreibtisch, obwohl ich mich nicht gerne in geschlossenen Räumen aufhalte. Das ist ein Problem, ich denke ständig, ich könnte etwas verpassen. Darum schreibe ich am liebsten im Sommer draußen. Der Bouleplatz am Landwehrkanal ist mein absoluter Lieblingsarbeitsplatz: viele Menschen, das Wasser (inkl. der darauf vorbei-schippernden fröhlichen Ausflugsdampfer, besetzten oder unbesetzten Schlauchboote, Schwäne, leeren Bierflaschen, Möbel jeder Art etc.), Sonne, das Klacken der Kugeln – optimal. 

9. Kannst du von deiner Kunst  leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Oh, ich glaube, das ist nicht nur meine ‚Lieblingsfrage’. Meine präferierte Einkommensquelle wäre ein Job, bei dem ich Erbsen sortieren müsste – ich hätte den Kopf frei, für meine Gedanken. 

10. Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

 Ja, sehr viele.  

11. Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?) 

Menschen! Gesichter, die Geschichten erzählen. Jedes Gespräch, dem ich zuhören darf. Doch auch jeder Lastwagen, der laut krachend alles dumme Geschwätz übertönt. 

12. In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/ hinderlich für deine Kunst? 

Als Badenserin geboren, bin ich in der Pfalz aufgewachsen – und falls ich überhaupt so etwas wie ein patriotisches Gefühl in mir habe, hege ich es für die Pfalz. Die Lust am Wortspiel und am Reden überhaupt hat mich sicherlich geprägt. Es wird lang, ganz lang ausgeholt und viel erzählt (wie man wohl leider auch an meinen Antworten sehen kann), bevor man zum Schluss kommt, wenn es überhaupt einen gibt. Hier in Berlin sagt man oft: Komm doch mal zum Punkt. Doch um den Punkt geht es in der Pfalz nicht. Es geht um’s Fabulieren und Zusammensitzen. Der Punkt ist Wurscht.  Abgesehen von diesen ganzen Dingen, hat mich mal ein Verwaltungsangestellter eines Berliner Bezirksamtes darauf hingewiesen, dass ich doch stolz auf meine Herkunft sein könnte, die immerhin mit der Ursprung der deutschen Revolution sei. Ich weiß nicht, ob ich hier einen kleinen geschichtlichen ‚Werbeblock’ für die Pfalz anbringen darf? http://de.wikipedia.org/wiki/Hambacher_Fest Zur sprachlichen Einführung noch ein kleiner Spruch aus der Pfalz, wahrscheinlich nicht für alle verständlich: Lieber Alain Delon, als allää dehääm. 

13. Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

Beherzt, asketisch, unverblümt, rational, pfiffig. 

14. Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst? 

Als erstes fällt mir ein, dass ich keine Ordnung halten kann, und das ist leider keine Koketterie. Was noch? Ich kann keine Waschmaschinen reparieren, was dringend nötig wäre, angeblich liegt es nur an einem ‚Keilriemen’, dass sie nur noch zwei Paar Socken, drei Slips, ein T-Shirt und ein Handtuch schleudern will. Ich habe festgestellt, sie macht es auch noch für drei Paar Socken, ohne Slips, und den Rest wie gehabt – aber für mehr als eine Blue Jeans legt sie sich nicht mehr ins Zeugs. Außerdem kann ich kein Fahrrad reparieren; was aber auch nicht so schlimm ist. Man kann auch auf einem Fahrrad fahren, das nur noch die Rücktrittbremse hat, dessen Gänge sich nicht mehr schalten lassen; und beim Aufsteigen muss man halt ein wenig aufpassen, dass man die richtige Seite der Pedale trifft. 

15. Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?  

Frei, sein, lernen 

16. Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch,  welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

Entweder man lebt oder man ist konsequent (Erich Kästner), und viele andere... 

Fragen zum Thema „Kunst“(allgemein): 

1. Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?  

Objektive Maßstäbe gibt es nicht. Es gibt viel Schönes, Nettes, Dekoratives und Anwiderndes. Aber ab und an gibt es Kunst, vor der ich stehen bleibe, weil eine unfassbare Kraft daraus hervorgeht – egal ob Musik, Literatur oder bildende Kunst.  

2. Was fehlt  in der Kunst oder der Kunst?  Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“? 

Es fehlt ihr an Selbstironie. Und an Mut, Stellung zu beziehen. 

3. Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du? 

Ich habe den Verstärker über den Autorenhausverlag kennen gelernt. Ansonsten fallen mir ad hoc ‚lauter niemand’ aus Berlin, ‚Edit’ aus Leipzig und noch einige andere... ein.  

Anja, vielen Dank für dieses Interview! 

Heike Hartmann-Heesch

Dr. Sonja Hermann  

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet.

Kurzbiographie

 Am 8. April 1968 in Rheinfelden geboren

Seit 1990 in Berlin

Berufe: Taxifahrerin, Reiseverkehrskauffrau, Europasekretärin, usw.

Ich schreibe Hörspiele, Geschichten und Gedichte. 

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