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Musikrezensionen
CD: The Storyman PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Thursday, 4. January 2007

the_storyman.jpgVergessen Sie bitte das, was Sie von Chris de Burgh kennen, wenn Sie erst in der “High on Emotion”-Ära aufgewachsen sind und ihn nicht schon Ende der 70er-Jahre mit seinen Songs kannten. Bitte. Und dann lesen Sie weiter. 

„I lived my life in the words of a storyman - Watched my dreams from the years gone by - Heard my voice in the songs of the storyman - Always by my side” 

So beginnt es. Das elfte Lied, titelgebend für die neue CD „The Storyman“.

Und was dann kommt, würden böse Zungen (oder objektive Kritiker…) als prima Werbegag bezeichnen: Textlich ist das Lied schlicht eine Aufzählung von Zeilen einzelner Songs aus den Hunderten seines gesamten Repertoires. Kein Medley, nicht, dass wir uns jetzt hier falsch verstehen! Angefangen bei der ersten CD (damals noch Vinyl!) „Far beyond these castle walls“ über „Crusader“, „Eastern Wind“, „Spanish Train“, auf der er manchmal nur mit Klampfe zu hören ist und seine Stimme bei den hohen Tönen bricht, weil das im Studio damals noch nicht im Nachhinein ausgebessert wurde. Weiter mit – ach, was soll ich Ihnen jetzt die einzelnen Platten aufzählen.

Das ist er, der Storyman, dem es gelingt, ich kann mich nur wiederholen, einzelne oft schon vor langer Zeit gebrauchten Zeilen zu einer lyrischen Einheit zu komponieren. Gehört insofern schon fast nicht mehr in die Rubrik „Rezensionen“ sondern eher in die Sparte „Lyrik“.

Hier, in diesem Lied, ist: The Life of a Storyman.

Selten, wirklich selten hat mich ein einzelnes Lied so angerührt. So direkt mein Herz angesprochen wie „The Storyman“. Denn: Die Story seiner Liedzeilen ist gleichzeitig auch seine Geschichte, de Burghs Reise durch (nicht nur) seine (musikalische) Vergangenheit.

 

Das ist er. Alles.

Der Ire.

Der Poet.

Der Lyriker.

Der Zweifler.

Der Rocker.

Der Balladenschreiber.

Der Rebell.

Der Romantiker.

Der Chronist.

Der Zyniker.

Der Lover.

Der Leidende.

Der Popmusiker, der Schlagersänger, ja, auch den verleugnet er nicht. Der ihm letztlich auch die finanziellen Möglichkeiten einbrachte, an den Ort zurückzukehren, wo er begann: in seinen Kopf als der Geschichtenerzähler, der er wohl immer war und immer sein wollte.

Hier ist er: Der Storyman. Nicht nur textlich, auch musikalisch.

 

Und nach diesen Worten stelle ich – und das gar nicht mal bedauernd – fest: Es sieht so aus, dass er auch mich lange Jahre begleitet hat. Oder ich ihn. Von dem Moment an, als ich ihn als 14-jährige Pubertierende das erste Mal auf der Bühne sah und es noch gar nicht richtig witzig fand, als er beim Lied „Patricia the stripper“ mit überdimensionaler roter Reizwäsche auf der Bühne hantierte.

 

Neulich las ich in der „Zeit“ einen ziemlich garstigen Bericht darüber, wie bekannte, weniger bekannte oder gänzlich unbekannte Menschen ihre Autobiografien betiteln und der Autor dieses Artikel schrieb etwas süffisant, dass kaum einem dieser Menschen etwas besseres als Titel eingefallen sei als „Mein Leben“ oder „The life of…“ oder schlicht den eigenen Namen.

Da ist „The Storyman“ doch klasse. Ich könnte mir fast nichts Schöneres vorstellen. Und de Burgh braucht ein Lied, das Leben zu erzählen, keinen 400-Seiten-Wälzer. Kurz und knapp. Sehr auf den Punkt gebracht. Und sehr aussagekräftig.

 

„Man tötet einen Geschichtenerzähler damit, dass man ihn auf die Wahrheit verpflichtet. Die Wahrheit bleibt dem Ernst des Erzählenden überlassen.“, sagte der Schweizer Autor Peter Bichsel.

Hören Sies. Das Lied. Einmal, zweimal, dreimal, immer und immer wieder.

Es ist schon grandios, was da im Innern an Emotionen losgelöst wird. There he is: the storyman. Ein ganz großer. 

Dies ist natürlich meine höchst subjektive Interpretation. de Burgh selbst sagt folgendes zu „The Storyman“, in einem kleinen Booklet, das der CD beiliegt und eben genau die „Geschichten“ hinter den Liedern erzählt: „The storyman is a mystical, a mythical creature who has been beside me ever since I started writing songs, whispering in my ear, nudging me in certain directions and taking me on fantastic journeys to places and times that exist only in my imagination. Perhaps he has been around for centuries; perhaps he has inspired many others in the same way he has inspired me. I owe him a powerful debt of gratitude for his company, and for helping me to travel deep into the strange world of magical, wonderful, extraordinary fables, shapes and tales, bubbling away in the subconscious, where anything is possible. It has been said many times before; all you have to do is – imagine.” 

Nun, das tröstet mich. Schließlich habe ich genau das getan: “…as the overture of The Storyman Theme starts to play, then simply drift away into the world of your imagination, where dreams begin – and anything is possible…” 

“The Storyman”, Chris de Burgh, Ferryman Productions 2006, (zusammen mit The Royal Philharmonic Orchestra)