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Kowalski
Goldfische unterm Tannenbaum PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Monday, 22. January 2007
Goldfische unterm Tannenbaum
 
 
„Der Augenblick ist nichts als der wehmütige Punkt zwischen Verlangen und Erinnern“
(Robert Musil)

Kowalski ist zuhause.
Kowalski sitzt auf seinem Sofa, blickt aus dem Fenster. Seine Kastanie vorm Haus ist fast kahl.

SEELENLOS, denkt er, das ist die Vokabel, die ihm die ganze Zeit, während er gestern zusammen mit seiner Schwester im Haus des Vaters und auf dem Grundstück war, immer und immer wieder durch den Kopf gegangen ist. Einfach nur als Gefühl, das er auch gar nicht anders mit Worten beschreiben kann: seelenlos. Zunächst hat dies Gefühl alles auch ein bisschen einfacher gemacht, als Bilder und Erinnerungen aus seinen Kindertagen kamen, die ihn völlig zu überfordern schienen. Auch wenn es eigentlich nur ganz vage Erinnerungen waren – aber eben nicht unbedingt schöne. Die letzte Nacht war dann auch ziemlich unruhig, er träumte heftig, konnte sich aber (vielleicht glücklicherweise) heute Morgen, als er um halb sechs aufwachte, nicht mehr erinnern. Jetzt ist es okay, obwohl ihn ein ganz klein bisschen das Gefühl beschleicht, etwas nicht unter Kontrolle zu haben, das Gefühl, als glitte ihm etwas aus den Händen.

Kowalskis Vater hat sich vor einigen Monaten das Leben genommen. Das war an sich auch nicht weiter tragisch, Kowalski hatte eh seit über einem Jahrzehnt keinen Kontakt mehr zu ihm, eigentlich hatte er sogar überhaupt nicht gewusst, ob er nicht sowieso schon längst verstorben war. Dennoch: Auf brutalste Weise hatte sich sein Vater erschossen, und seitdem hat Kowalski das Gefühl, seine Vergangenheit hole ihn ein.
Was ihn zunächst überraschte, gestern in der Wohnung, war das Gefühl, dass es tatsächlich kaum mehr eine Verbindung zwischen ihm und der Wohnung zu geben schien, obwohl er dort die ersten 19 Jahre seines Lebens verbracht hatte. Es gab keine Fotos, keinerlei Erinnerungsstücke, die sein Vater vielleicht aufbewahrt hatte, und obwohl sogar ein Großteil des Mobiliars noch dasselbe war wie bei seinem überstürzten Auszug, damals. Selbst die Gardinen vor den Fenstern waren noch dieselben.

Er hatte sich auch oft in den vergangenen Jahren gefragt, wie es sich für einen Vater anfühlen mag, keinerlei Kontakt mehr zu haben (und auch nicht zu wollen) zu den zwei einzigen Kindern. Wie es sich anfühlen muss, ihnen das Zuhause genommen und anschließend immer wieder verweigert zu haben.
Jahrelang hatte Kowalski Angst davor gehabt, wieder dorthin zurückzukehren, in das Haus, das so lange sein Zuhause war – schlicht, weil es kein anderes gab. Angst, dass sich auch für ihn das Robert-Musil-Zitat bewahrheiten würde.
Nach seinem Auszug wurde er zum Vagabunden. Das sagt er jetzt rückblickend, in all den Jahren hat er das nie so empfunden. Nach seinem Auszug und bevor er vor nunmehr einigen Jahren in seinen jetzigen Wohnort kam, lebte er in fünf weiteren Städten in zwei verschiedenen Ländern.

Zu Hause fühlte er sich nie. Zu Hause konnte er sich nie fühlen, weil er nie das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Als er 16 war, lange ist es her!, hatte er sich einmal eine Kapitelüberschrift aus einem Jugendbuch herausgeschrieben und über den Schreibtisch gehängt: „Weglaufen, um anzukommen“.
Weggelaufen ist er oft genug nach seinem Auszug von zu Hause. Vor Menschen, von denen er sich anders nicht trennen konnte; vor Situationen, denen er sich nicht stellen konnte oder mochte; vor Wahrheiten, die zu unangenehm oder schmerzlich waren; vor Zielen, die er sich zu hoch gesteckt hatte; vor Verantwortung, die zu tragen er nicht bereit war. Vor Träumen, die er zu feige war zu träumen. Weggelaufen, von einem Ort zum anderen, geblieben ist er selten lange.

Weggelaufen ist er oft - angekommen ist er hier. Vor einigen Jahren. Und heute immer wieder neu. Wie gestern nach der Rückkehr aus der Welt seiner Kindheit. An diesem Ort, in dieser Zeit, in sich. Mit Sehnsüchten, die er sich traut auszusprechen; mit Zielen, die in kleinen Schritten zu erreichen sein werden; mit immer wieder neuen Aufgaben; mit dem Menschen, dem er versprochen hat, das Leben mit ihm zu teilen; mit Kontakten, die er pflegt und hält; mit Träumen, die er versucht zu leben.
Hier ist er zu Hause, an diesem Ort, in dieser Zeit, in sich. Zu Hause zu sein empfindet er als keinen momentanen Zustand, sondern als vielleicht lebenslangen Prozess, Respekt vor sich und seinen Träumen, Sehnsüchten und Wünschen zu haben. Als Prozess, sich in Gegenwart und Vergangenheit mit (Selbst-) Vertrauen und Verantwortung zu begegnen. Die Seele zu hüten und zu pflegen und zu entfalten.

„Weißt du noch?“ fragte seine Schwester ihn gestern beim Verlassen des Grundstücks, als sie beide kurz an der inzwischen fast 12 Meter hohen Tanne im Vorgarten standen, „weißt du noch?“, fragte sie und griff plötzlich nach seiner Hand, „dass die Tanne, als unser Vater sie anpflanzte, so klein war, dass wir über sie rüberspringen konnten?“
„Ja“, antwortete er und drückte ihre Hand, „ja, und wir haben unter ihr immer unsere toten Goldfische beerdigt.“



 
Heike Hartmann-Heesch