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Musikrezensionen
CDs: Die 9 Sinfonien von Ralph Vaughan Williams PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Thursday, 8. February 2007

Geschrieben von Dirk Janßen

 

 

Die neun Sinfonien von Ralph Vaughan Williams (1872-1958) 

Nicht nur Beethoven, Schubert, Bruckner, Dvorak und Mahler komponierten neun Sinfonien, nein, auch der britische Spätromantiker Ralph Vaughan Williams brachte es auf diese stattliche Zahl. Bedauerlich ist jedoch, dass seine Musik, im Gegensatz zu der seiner oben genannten Kollegen, in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen wird. 

Seine Sinfonien lassen sich aufteilen in Werke absoluter Musik und Programmsinfonien, zu denen die Erste (“A Sea Symphony”), die Zweite (“A London Symphony”), die Dritte (“A Pastoral Symphony”) und die Siebte (“Sinfonia antartica”) gehören. 

Die “Sea Symphony” wurde 1910 uraufgeführt. Das Orchester wird durch einen Chor sowie einen Sopran und einen Bariton verstärkt, sodass dieses Werk eine gewisse Nähe zu den Oratorien Elgars besitzt, die in jener Zeit gern gehört wurden. Die Texte der Ersten sind den Werken “Leaves of Grass” und “Passage to India” von Walt Whitman entnommen. Die “London Symphony” ist eine reine Instrumentalsinfonie, die 1912/13 entstand. Der Komponist sagte über sie, dass der Titel “Sinfonie eines Londoners” eigentlich passender gewesen wäre. Dennoch thematisiert sie Klänge und Geräusche, wie man sie offenbar im London vor dem Ersten Weltkrieg wahrnehmen konnte (für uns heutige Hörer dürften am ehesten die Schläge von Big Ben zu identifizieren sein).Die dritte Sinfonie entstand 1916, während Vaughan Williams Soldat in Frankreich war. Erst 1922 erfolgte die Uraufführung unter Adrian Boult. Der Titel “Pastoral Symphony” führt in die Irre, da ihr Thema nicht die Beschreibung der Natur ist. Das elegische Werk veranlasste der Kritiker Philip Heseltine zu der Bemerkung, selbiges sei so interessant, “wie eine Kuh, die über einen Zaun schaut”. Tatsächlich war es wohl die Absicht des Komponisten, seine Fronterlebnisse musikalisch zu verarbeiten. Der Vaughan-Williams-Biograph Michael Kennedy charakterisiert das Werk als Requiem, als Elegie auf eine verlorene Generation. Dieser Eindruck verstärkt sich durch den Gesang des Soprans im Finale, der wie eine Totenklage wirkt.1931-1934 schrieb VW seine vierte Sinfonie, die 1935 wieder von Adrian Boult uraufgeführt wurde. Der Gegensatz zur elegischen Dritten ist groß. Ihr Charakter ist dissonant, sperrig, aggressiv. Doch irrten jene Zeitgenossen, die darin einen Kommentar zur europäischen Zeitgeschichte zu erkennen glaubten. Vermutlich beschreibt oder karikiert VW darin eigene Charakterzüge; so sagte einer seiner Freunde: “Ich habe im Schero dein giftiges Temperament erkannt”.Die Fünfte, die VW 1943 selbst uraufführte, ist die wohl schönste, romantischste und eingängigste unter den neun Sinfonien. In ihr kommen Melodien vor, die VW ursprünglich für seine Oper “The Pilgrim's Progress” schrieb.Die sechste Sinfonie (1944-1947) bildet erneut einen deutlichen Kontrast zur Vorgängersinfonie. Wie in der Vierten gibt es dissonante, den Hörer aufschreckende Stellen. Doch auch hier trifft die Vermutung der Kritiker, VW drücke darin die Furcht vor der atomaren Bedrohung aus, nicht zu. VW über derartige Spekulationen: “Es kommt diesen Leuten wohl nie in den Sinn, dass jemand vielleicht nichts weiter will, als ein Musikstück zu schreiben”.1948 kam der Film “Scott of the Antarctic” in die Kinos, zu dem VW die Musik komponierte. Er handelt von Scotts Südpolexpedition und ihrem tragischen Ende (gibt es auf DVD). Aus den Motiven der Filmmusik entstand die siebte Sinfonie mit dem Titel “Sinfonia antartica”, die 1953 von John Barbirolli uraufgeführt wurde. Ihre Besetzung ist umfangreich: Neben dem Orchester ein Frauenchor, Solosopran, Orgel, Klavier, diverse Perkussionsinstrumente und eine Windmaschine. Den fünf Sätzen sind als Motti literarische Texte bzw. Zitate aus Scotts Tagebuch vorangestellt.Allein in Adian Boults Schallplattenaufnahme aus den fünfziger Jahren sind diese Texte zu hören (Sprecher John Gielgud).Barbirolli war es auch, der 1956 die Uraufführung der Achte leitete, die ihm gewidmet ist (“To glorious John”). Sie ist die kürzeste unter den neun Sinfonien und benötigt nur ein kleines Orchester.Zwei Jahre später kommt die Neunte zur Aufführung. Angeblich verarbeitete VW darin Skizzen einer verworfenen Programmsinfonie über Orte im südwestenglischen Wessex und Motive aus Thomas Hardy's “Tess of the D'Urbervilles”. 

Man kann inzwischen eine ganze Reihe ausgezeichneter Aufnahmen der Vaughan-Williams-Sinfonien kaufen. Die beiden “klassischen” stammen von Adrian Boult (Decca und EMI), der VW wohl wie kein anderer kannte. Von John Barbirolli gibt es Einspielungen der Zweiten, Fünften, Siebten und Achten. Von den derzeit greifbaren Gesamtaufnahmen - André Previn/London Symphony Orchestra (BMG), Bernard Haitink/London Philharmonic (EMI), Andrew Davis/BBC Symphony Orchestra (Teldec/Warner), Bryden Thomson/London Symphony Orchestra (Chandos) – ist die Davis-Aufnahme die preisgünstigste (ca. 20.- Euro). Ähnlich günstig ist Haitink. Wer nicht gleich alle neun Sinfonien haben möchte, greife zuerst zur ersten, zweiten, dritten und fünften Sinfonie. Sehr günstige Einzelaufnahmen sind u.a. bei Naxos zu haben.