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Künstler-Portraits
Sven-André Dreyer PDF Drucken E-Mail
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Thursday, 15. February 2007
Autoren:
Dr. Sonja Hermann
Heike Hartmann-Heesch

Sven-André Dreyer

Autor



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(Foto: Nancy Münster mit freundlicher Genehmigung)





Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?

Eigentlich waren die ersten eigenen Texte ein Abfallprodukt und dienten ursprünglich einem anderen Zweck. Ich spielte in einer Band und kein Mitglied der Band wollte die Texte für unsere Stücke schreiben. Diese damals „unangenehme“ Aufgabe wurde somit irgendwann zu meiner und ich machte mich an die Arbeit, die ersten Songtexte zu verfassen. Nach einiger Zeit jedoch löste sich die Band auf, zu unterschiedlich waren die Wünsche der Musikstile, zu unterschiedlich war die Auffassung der Ernsthaftigkeit, mit der man eine Band betreiben solle. Übrig blieben meine Texte, die nun ohne Musik waren, sozusagen verwaist, bis ich bemerkte, dass die Texte auch ohne Musik funktionieren – eigentlich noch besser als mit Musik. Durch einen Zufall also wurden die Texte befreit und durften endlich das sein, was sie schon immer sein wollten: Texte, die man lesen konnte!


Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, dein erstes Musikstück komponiert oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass?

Bis auf eine Art „Kinderdichtung“ und das Schreiben von selbst gebastelten Speisekarten blieb das Erarbeiten von Texten lange eher im Hintergrund. Jedoch mit Gründung der Band in meiner Schulzeit, das muss so 1987/1988 gewesen sein, wurde ich dann aktiv und begann zunächst widerwillig die ersten Sachen zu schreiben. Nun, die Themen waren eigentlich sehr subtil und aus heutiger Perspektive eher eindimensional, dennoch waren es damals für uns wichtige Themen: Umwelt, Mädchen, Anderssein und Punk – ja, wir gaben uns größte Mühe, unseren musikalischen Vorbildern nachzueifern. Punks wurden wir jedoch nie, aber die Themen sind heute noch aktuell, ich benenne sie heute nur anders. ;)


Hast du literarische/künstlerische Vorbilder?

Oh ja! Die meisten Schriftsteller wurden mir zwar in meinem schulischen Deutschunterricht versaut, ein Professor räumte während meines Germanistikstudiums jedoch glücklicherweise gründlich mit diesen Vorurteilen auf und brachte mir viele Schriftsteller der „Klassik“ näher. Herder und Büchner sind zwei von ihnen. Zudem muss ich unbedingt Kafka erwähnen. Und neuzeitliche Autoren sind ebenfalls sehr wichtig: Dieter Wellershoff, Robert Schneider und Michael Lenz. Dennoch muss ich sagen, dass mein Schreiben nicht nur durch andere Schriftsteller, sondern auch sehr häufig durch Musik beeinflusst wird: Talk Talk, Heinz Rudolf Kunze, Joachim Witt, Element of Crime und DER Spyra, um nur einige zu nennen.


Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, welches Konzert besucht?)

Ich lese häufig einige Bücher parallel zueinander, um, je nach Stimmung, immer die richtige Literatur am Bett zu haben. Somit waren es Walter Moers „Rumo“, Dieter Wellershoff „Das normale Leben“, Falko Hennig „Trabanten“, Erich Fried „Mitunter sogar Lachen“ und Haruki Murakami „Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah“.


Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt, öffentlich vorgespielt/musiziert?

Ich konnte schon einige Texte in Literaturzeitungen (u.a. Der Verstärker) und Anthologien veröffentlichen. Es gibt mir nicht nur die Möglichkeit, meine Texte einem breiteren Publikum vorstellen zu dürfen, sondern auch durch die Teilnahme an Wettbewerben zu „testen“. Gerade in Lesungen entnehme ich zudem dem Publikum Reaktionen auf die von mir gelesenen Texte – dies zeigt mir unmittelbar, wie meine Texte bei dem Publikum ankommen. Zudem bereite ich gerade ein eigenes kleines Bändchen vor, das meine bislang veröffentlichten Texte in einem kleinen Buch zusammenfasst. Mal schauen, welchen Verlag ich dafür begeistern kann; ein konkretes Angebot liegt mir derzeit vor und ich strebe eine Zusammenarbeit mit diesem Verlag sehr an.


Wie dringend brauchst du Feedback?

Es ist mir sehr wichtig eine Rückmeldung zu bekommen. Das Feedback konzentrierte sich vor der Teilnahme an Wettbewerben und dem Einsenden meiner Texte zu Verlagen natürlich zunächst auf meinen Freundeskreis – dennoch ist ein Feedback aus dem Freundeskreis keine objektive Rückmeldung. Sendest du deine Texte zu Verlagen, bist du zwar ausschließlich dem Geschmack des entsprechenden Gremiums oder Verlegers ausgesetzt, erhältst jedoch im besten Falle eine fundierte Rückmeldung zu deinem Text. Die wichtigste Art der Rückmel-dung ist für mich jedoch das Gespräch mit dem Publikum nach einer Lesung. Ich mag es sehr, unmittelbar mit den Besuchern einer Lesung zu sprechen, du merkst dann gleich, was den Menschen gut und was ihnen weniger gut gefallen hat.


Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?

Über meine Festanstellung als Onlineredakteur arbeite ich einen Großteil meines Tages nicht „künstlerisch“, sondern sehr eingeschränkt und starr. Mir ist also ein „nicht künstlerisches“ Arbeiten nicht fremd, im Gegenteil: Manchmal genieße ich es sehr.


Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du anfängst zu schreiben?

Die meisten Vorlagen für meine Texte entstehen losgelöst von einem festen (Arbeits-) Platz. Wenn ich auf dem Fahrrad sitze, wenn ich etwas Seltsames höre oder von irgendeinem Kollegen rüde angepöbelt werde, dann sind das schon griffige und handfeste Ideengeber. Eine Idee bleibt dann häufig sehr lange in meinem Kopf bis sie den Weg aufs Papier findet; vergesse ich sie zwischendurch, dann war sie auch nicht gut. Findet eine Idee tatsächlich ihren Weg, dann sitze ich schon gern abends und nachts an meinem Schreibtisch, arbeite dort an meinem Rechner und trinke sehr gerne ein, zwei, drei Altbier dazu. Das ist dann fast ein Ritual, oder?


Kannst du von deiner Kunst leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Nein! Ich arbeite in einer festen Anstellung und gehe jeden Tag in ein Büro. Eigentlich der blanke Horror, aber für meine Texte ganz gut, denn würde ich nicht diesen einen festen Job haben, dann würden mir viele Erlebnisse zwar erspart bleiben, jedoch viele Eindrücke von Menschen auch verloren gehen. Und wie gesagt, sehr häufig benötige ich sogar den Einfluss des vermeintlich „normalen“ Lebens (oder dem, was Arbeitnehmer als „normal“ definieren) um schreiben zu können. Zudem habe ich wahnsinnig Angst davor kreativ sein zu müssen. Immerzu schreiben zu müssen, das würde mir nicht nur keinen Spaß, das würde mich sogar nervös machen – stell dir vor, du bist gezwungen immer kreativ zu sein, unterliegst also einem Zwang, das kann nicht gut gehen. Viele Musiker, die damals, als sie unverbrauchte Ideen hatten, hervorragende Platten herausgebracht haben, unterliegen zum Beispiel dieser Erwartungshaltung und nicht selten kommt später großer Schrott dabei heraus…



Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

Ausgestattet mit den neuesten Texten, geben mir die Menschen um mich immer gute Ratschläge und Hinweise zu den Neuentwicklungen.



Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?)

Eigentlich kann ich keine konkreten Inspirationsquellen benennen. Oftmals ist es ein Zufall oder eine seltsame Beobachtung die ich mache, um auf eine Idee zu kommen. Irgendwann stand ich zum Beispiel morgens am Kopierer und war noch nicht ganz fit, als ich die Verpackung eines dort verwendeten Kopierpapiers las und dort den Begriff „Planlos Plus“ entdeckte – schon war eine Textidee geboren, denn „Planlos Plus“ war ich an diesem Tage auch. Erst viel viel später las ich, was dort wirklich stand, nämlich „Planilos“ Plus, der Name des Papierherstellers.


In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/hinderlich für deine Kunst?

Ich neige dazu zu behaupten, dass der Kulturkreis einer deutschen Großstadt den Prozess des Schreibens positiv beeinflussen kann. Das Kulturangebot ist sehr groß und man kann viele kulturelle Dinge erleben – aber ein Waldspaziergang mit deutscher Schwermut und der Anblick eines Jägerzauns sind auch nicht unbedingt das Schlechteste. Vielleicht ist es die Mischung aus beidem, eine Revolte und gleichzeitig das Geborgensein im manchmal Verhassten.


Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

humorlos, risikofreudig, unordentlich, introvertiert, still


Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst?

Ich kann nicht malen. Tanzen kann ich auch nicht und ich kann überhaupt nicht mit Zahlen umgehen - das ist für mich richtig gruselig.


Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?

Aus schriftstellerischer Sicht würde ich meinen Stil sehr gern perfektionieren – ich strebe nach einer wirklich gelungenen Form des Schreibens und weiß, dass ich nur durch den täglichen Umgang mit Sprache diesem Ziel näher kommen kann. Zudem hätte ich nichts dagegen, dürfte ich mein ganzes Leben lang lernen, das wäre richtig klasse. Und ich würde mich gern immer mit lieben Menschen umgeben können; die wohl schwerste Aufgabe eines Lebens.


Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch, welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

Spontan fällt mir ein Text von Hermann Kinder ein, der da heißt „Glück ist nur möglich als gemeinsame Arbeit an der Verbesserung; oder doch wenigstens an der Nichtverschlimmerung; oder doch wenigstens im Widerstand gegen das Allerschlimmste“.



Fragen zum Thema „Kunst“ (allgemein):

Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?

Gerade in der Kunst zeichnet sich Qualität für mich durch Ideen aus. Eine gute Idee, auch wenn ich diese nicht nachvollziehen kann, ist für mich zunächst einmal eine herausragende Qualität. Im besten Falle stimmen beides, die Idee und die Umsetzung der Idee. Dennoch möchte ich mich vor dem Vergleichen von Kunst, auch innerhalb einer Kunstrichtung, hüten.


Was fehlt in der Kunst oder der Kunst? Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“?

Ganz klar der Humor. So frei mit Kunst auch umgegangen wird, so sehr fehlt der Kunst, vor allem den Menschen, die nicht die Kunst machen, sondern diese bewerten, der Sinn für Humor. Von Künstlern erwartet man ein gewisses Auftreten und engt sich damit bereits selbst ein. Ich stelle mir immer wieder die Frage, warum man dem biederen Bankangestellten abspricht, in seiner Freizeit Kunst schaffen zu können..


Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?
Vom Verstärker habe ich im Jahre 2004 über eine Internetseite, ich glaube es war das Literaturcafé, erfahren. Der damalige Wettbewerb „Feuer“ faszinierte mich sehr und seitdem bin ich auch Abonnent des Verstärkers. Dies soll nun keine Lobhudelei werden, aber der Verstärker und dessen Macher sind wirklich einzigartig.



Sven, vielen Dank für dieses Interview!

Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet.



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Vita
Sven-André Dreyer, * 09. September 1973 in Düsseldorf, Studium der Germanistik, arbeitet als Online-Redakteur.
Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Auszeichnungen mit Literaturpreisen.

Preise:
2. und 6. Platz im Literaturwettbewerb „160 Zeichen Literatur“ (2002),
1. Platz im Literaturwettbewerb „Namenlos“ (2004),
2. Platz im Literaturwettbewerb „Feuer“ (2004),
8. Platz im Literaturwettbewerb „Hinter der Tür“ (2005),
7. Platz im Literaturwettbewerb „Notwendigkeit“ (2006).

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