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Aus einem Narren wird kein König, Interview mit Claudia Redlhammer PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Wednesday, 14. March 2007

Aus einem Narren wird kein König…
Interview mit der Autorin Claudia Redlhammer („Die schmutzige Frau“) s2dlogo.jpg

Frage: Ein Thema, das Ihren Roman durchzieht, ist das der „Elterlichen Entfremdung“, das der Kinderpsychologe R.A. Gardner erstmals 1985 unter dem Fachbegriff „Parental Alienation Syndrom“ (kurz PAS) beschrieb. Können Sie dies kurz erläutern? 

Antwort: PAS bedeutet, gewachsene Bindungen bewusst zu zerstören. Kinder, die einen Teil der Eltern nicht mehr lieben dürfen, werden bindungsunfähig. In jeder Beziehung. Es treten schwere psychosomatische Störungen auf, wie z.B. Asthma, Bulimie und Magersucht, das Borderline-Syndrom. Das gleiche gilt auch für die entfremdeten Eltern, die massiv unter der gewaltsamen Trennung von ihren Kindern leiden. 

F: Nun ist PAS zunächst kein juristisches Problem, sondern eines, das sich als Verhaltensspiegel der innerfamiliären Streitparteien zeigt. Sie sagen in Ihrem Nachwort, dass jedoch nur eine gesetzliche Regelung alle Opfer (Kinder, Mütter und Väter) befreien kann. Für welche Gesetzesänderung plädieren Sie? 

A: Derzeit kann einem Elternteil, das die Obsorge besitzt, diese nur entzogen werden wenn der Obsorgeberechtigte die Kinder misshandelt, sexuell missbraucht, vernachlässigt oder wenn er drogensüchtig ist. Ich kämpfe dafür, dass die „Zerstörung gewachsener Bindungen“, d.h. die Entfremdung eines Elternteils, ebenfalls in den Gesetzestext mit aufgenommen und so rasch wie möglich auch danach gehandelt wird. Eine Mutter oder ein Vater, die/der seinem Kind die andere Hälfte nehmen will, ist eindeutig nicht in der Lage, für das Kindeswohl zu sorgen. 

F: Ihr Buch, das betonen Sie immer wieder, erzählt eine fiktive Geschichte. Warum dieser „Umweg“ auf dem Weg in die Öffentlichkeit? 

A: Das hat mehrere Gründe:
1. Mein Ex-Mann ist keine Person des öffentlichen Interesses und ich würde mit der biographischen Wiedergabe meines Leidensweges sein Recht auf Persönlichkeitsrecht verletzen. Er ist sehr klagewütig und hätte mein Buch sicherlich längst eingefroren.
2. Meine Protagonistin Irene ist eine gebrochene und verhärtete Frau, die nicht mehr lieben kann. Wahrscheinlich hätte ich einen solchen Weg - weg vom Leben - gehen müssen. Aber das Schicksal hat mir noch einmal die Chance gegeben, glücklich zu sein. Man kann sagen, hätte ich meinen jetzigen Mann Georg nicht getroffen, wäre ich wie Irene geworden.
3. Ich wollte einen Roman schreiben, keine Biographie.  

F: Sie sind selbst Betroffene, eine Mutter, die ihre Kinder (für begrenzte Zeit) in die Obhut Ihres Ex-Mannes geben wollte und Sie bezeichnen das heute als fatalen Fehler. Warum?

A: Wo soll ich da beginnen?Also: Ich hätte damals aufhören müssen zu arbeiten und in Sozialhilfe gehen. Aber das wollte ich weder für meine Kinder noch für mich. Lieber wäre ich heute eine Sozialhilfeempfängerin als eine Mutter, die ihre Kinder weder sehen noch spüren noch lieben darf. Fehler Nummer eins.Dann: Ich habe einem Narren vertraut. Denn meinem Ex-Mann das Zepter in die Hand zu geben, war vollkommen hirnrissig. Denn auch das „Zepter der Macht“ erschafft aus einem Narren keinen König. Fehler Nummer zwei.Und der letzte Fehler: Ich habe vor vier Jahren aufgehört um meine Kinder zu kämpfen. Es war eine Überlebensfrage. 

F: Wie ist Ihre heutige Lebenssituation? Welche Gefühle empfinden Sie für Ihren Ex-Mann? 

A: Ich bin seit neun Jahren wieder, und dieses Mal sehr glücklich, verheiratet. Meinen Töchtern Sophie und Marie, sechs und acht Jahre alt, darf ich Mutter sein. Mein Schmerz ist in Watte gepackt und immer seltener verspüre ich den Zwang, ihn auszupacken. Meine wunde Seele, mein Mutterherz, ist vernarbt, aber heilen wird es nie.

clbaby.jpgDas stärkste Gefühl, das ich dem Vater meiner großen Kinder gegenüber empfinde, ist Mitleid. Wie muss es sich leben mit so einem nie enden wollenden Hass, mit der Gewissheit, dass alle Lügen, die ich meinen Kindern erzähle, mich irgendwann einholen werden??Und irgendwie habe ich ihn auch immer noch gerne. Viele meinen, das wäre absurd. Aber so bin ich nun einmal - ich sehe immer beide Seiten. 

F: Und Sophie und Marie? Wissen sie, dass sie noch zwei Geschwister haben und wenn ja, fragen sie z.B., ob sie sie sehen können oder eben, warum nicht? 

A: Sophie kann sich noch gut an Milan und Alexandra erinnern, war sie doch schon vier, als der Kontakt abbrach. Sie fragt sehr viel, wann und ob sie wieder zu uns kommen würden, warum sie nicht anrufen kann, nicht schreiben. Marie fragt erst seit einigen Monaten, kann sich nicht erinnern und kennt ihre Geschwister nur von Fotos. Wir feiern immer noch ihre Geburtstage, lesen zu Weihnachten unterm Christbaum ihre Lieblingsgeschichten. Das Haus ist voller Bilder, aber irgendwann hörten meine Großen auf zu wachsen. Bis im Dezember 2006, da hat meine Schwester sie im Flugzeug getroffen und Bilder von ihnen für mich gemacht. Ich weiß jetzt also wieder, wie sie aussehen. Das ist zwar irgendwie schön, aber sie sind mir so fremd, die Gesichter, ihr Blick, dass es auch gleichzeitig weh tut, diese Bilder anzusehen. Milan und Alexandra sind trotzdem immer bei uns, auch wenn sie schon lange nicht mehr da sind. Was bleibt, ist die Erinnerung an ihr Lachen, ihren Geruch, ihren Trotzkopf. Die kann mir niemand nehmen.

F: Gleichen sich die Erfahrungen anderer Betroffener, oder stellen Sie Unterschiede fest? Wenn ja, worin bestehen diese? 

A: Also, die Fakten sind weitgehend sehr unterschiedlich. Manche wurden überrumpelt, manche waren psychisch oder physisch nicht in der Lage, für die Kinder zu sorgen. Die meisten von ihnen sind immer noch Männer, denn die Kinder kommen ja doch meistens zur Mutter.Was immer gleich ist, ist die Ohnmacht und die entsetzliche Hilflosigkeit.Väter und Mütter in meiner Situation fühlen sich, als hätte man ihnen die Beine und die Arme amputiert. Ein Schmerz für einen Teil von uns, der nie mehr da sein wird, den wir aber für immer in uns fühlen.

F: Gibt es eine Lobby für Betroffene? Welche Möglichkeiten zum Austausch haben Sie?  

A: Erst seit ich meinen Roman geschrieben habe und mich nicht mehr verstecke, treffe ich auf viele weibliche Betroffene. Sie schreiben mir ihre Geschichten, wir treffen uns und weinen gemeinsam. Davor kannte ich nur betroffene Väter.Auf einer von mir neugegründeten Plattform sammle ich Fallbeispiele. Außerdem wird in Deutschland gerade der Verein „pas eltern“ gegründet, an den sich Betroffene wenden können. Das Wichtigste scheint mir die Gewissheit zu sein, dass wir zum einen nicht alleine sind, um mehr Druck auf die Gesetzgebung ausüben zu können, zum anderen: dass etwas getan wird. 

F: Gibt es dem noch etwas hinzuzufügen?  

A: Ich würde gerne eine Warnung aussprechen: Meine ganze Kraft und meine ganze Energie stecke ich in die Vision, alle Elternteile, die ihre Kinder instrumentalisieren und zu ihrer ganz persönlichen Rache benutzen, zu entmachten. Ich werde niemals aufgeben, nach dem Sinn in meinem Versagen als Mutter zu suchen. Und es gibt viele, die diesen Weg mitgehen.  

Claudia, vielen Dank für dieses Gespräch und alles Gute und viel Kraft für Ihren weiteren Weg! 

Weitere Informationen:

www.redlhammer.com

www.rabenmutter.at

www.pas-eltern.de

 

Fotos:

oben: Mischa Scherrer, Zürich, mit freundlicher Genehmigung

Mitte: privat, Claudia Redlhammer nach der Geburt ihres 3. Kindes Sophie, "Der Tag, an dem ich wieder sein durfte"