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Künstler-Portraits
Hedy Sadoc, Autorin PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Saturday, 17. March 2007
Hedy Sadoc
Autorin
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 Preisträgerin (2) der Nr. 17 des Verstärkers mit "Micro-Macro Monday Blues"

 

 

 

Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?
Irgendwie immer schon.Zunächst muss  ich aber mal kurz sagen, dass ich mich nicht eigentlich als „Schriftstellerin“ verstehe, obwohl ich schreibe, und das nicht wenig. Gedanken, Beobachtungen, Ideen, Einsichten, alles wird, wenn irgendwie Zeit und Ort es zulassen, auf ein gerade vorhandenes Stück Papier gebracht, in Tagebüchern und Notizblöckchen, auf Papierservietten und Zeitschriften – was im Laufe einer nun schon sehr langen Zeit zu einem Riesenwust an beschriebenem Papier geführt hat. Dass es die Wörter sind – und nicht Farben, Ton, Stein, Stoff und was der Materialien mehr sind, in denen sich Menschen auszudrücken versuchen -  ist wahrscheinlich meinen  Lehrern zu verdanken. Im Aufsatz gab’s auch schon mal eine „Eins“, in Kunst kam ich dagegen über ein lauwarmes „Befriedigend“ selten hinaus. Obwohl ich in letzter Zeit denke, ich würde lieber schöne Häuser bauen – oder wenigstens malen – wie Gaudi oder Hundertwasser... na ja, und für die Musik sind halt nur wenige auserkoren. Die meisten von uns bleiben da besser beim passiven Genuss. 

Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern?  Gab es einen besonderen Anlass?
Spät. Ich glaube, das war eine Art kleines Gedicht. Ich schrieb es, etwa zwanzigjährig, frierend und verzweifelt auf dem Bahnhof der Kleinstadt, in der meine Mutter lebte, auf meinen Zug wartend,  nach einer der zermürbenden, sinnlosen, aufreibenden ideologischen Streitgespräche, die wir zu der Zeit hatten. Ich erinnere mich, dass es etwas von tauben Ohren sagte, auf die mein Wort gefallen war. Ich besitze es nicht mehr und ich trauere ihm nicht nach. Eigentlich habe ich dann erst mit Vierzig, nach der Geburt meiner Tochter, angefangen, richtig viel zu schreiben. Spätzünder halt – auf der ganzen Linie. 

Hast du literarische/künstlerische Vorbilder?
Massig. Aber auch hier würde ich nicht so hoch greifen und sie Vorbilder nennen. eher dass sie mich begeistern und inspirieren. Wie vor ein paar Jahren ein Gedicht von Dylan Thomas, so sehr, dass ich mir vornahm, einige seiner Gedichte, die mir besonders am Herzen liegen, neu zu übersetzen. Da bin ich immer noch dran. A labour of love. Ich will damit natürlich nur herauskommen, wenn ich etwas Besseres anbieten kann als die anderen Übersetzer, die sich bisher alle Mühe mit ihm gegeben haben, und das dann auch begründen kann. Um zunächst bei der Lyrik zu bleiben, Hölderlin, Brecht (die Liebesgedichte), Else Lasker-Schüler, Hans Arp und Dada überhaupt, T.S. Eliot, W.H. Auden,  (viele englischsprachige, teils durch mein Studium bedingt, in den letzten zehn Jahren auch durch meinen Wohnort London).Bei Prosa steht unter den deutschsprachigen Hans Henny Jahnn bei mir ganz oben (lese schon seit vielen Jahren – mit Pausen – „Fluß ohne Ufer“ und freue mich immer wieder, wenn ich mal wieder die Muße finde, in diese gewaltige und doch so einfache Prosa eintauchen zu können. James Joyce „Ulysses“, faszinierend. Thomas Pynchon skurril und anstrengend; Barbara Kingsolvers Roman „The Poisonwood Bible“ war eine fesselnde Lektüre vor einigen Jahren. Alles von J. M. Coetzee. Nicht zu vergessen: Janosch. Und Alice in Wonderland!Ulla Hahns „Das Verborgene Wort“ hätte ich gerne selber geschrieben. Es erzählt von einer Kindheit wie der meinen und einer Errettung wie der meinen, und sogar teilweise in einer Sprache, mit der ich aufgewachsen bin.Oh ja, und auf keinen Fall darf ich Borges vergessen, und noch weniger Adolfo Bioy Casares: „Morels Erfindung“. Wievielen Menschen ich dieses schmale Bändchen schon empfohlen habe, kann ich kaum mehr sagen. Eine rätselhafte Offenbarung, dieses Buch.Dramen habe ich nie gern gelesen. Die sehe ich mir lieber an, mit allem Drum und Dran.Doch wenn ich irgendwen, irgendwas als „Vorbild“ nennen sollte, dann wohl ein winziges Gedicht wie dieser kleine Klassiker von William Carlos Williams: 
so much depends
upon
a red wheel
barrow
glazed with rain
water
beside the white
chickens.

So viel mit so wenigen Worten sagen zu können, das ist schon etwas, das ich mir wünsche.

 Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung besucht?)
Im Moment bin ich ganz zu Beginn des neuen Pynchon. Aber das zählt fast noch nicht, denn das wird wohl auch so ein Mehrjahresprojekt werden.Das zuletzt fertig gelesene Buch war, glaube ich, Yann Martels „Life of Pi“, auch eins der richtig erstklassigen Bücher, die unbedingt überleben müssen.

Hast du schon ein Buch veröffentlicht?

Nein. Außer einem Bändchen Kurzgeschichten, vor vielen Jahren mit meinem damaligen Lehrer zusammen aus dem Hindi übersetzt. 

Wie dringend brauchst du Feedback?
Nicht so sehr. Schön, wenn’s kommt. Aber nicht dringend notwendig. 

Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?
Gärtnern (tu ich aber auch sowieso)  

Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du  anfängst zu schreiben?
Wie schon gesagt, das meiste entsteht nebenbei, unterwegs (das besonders oft). Die vorbeiziehenden ständig wechselnden Bilder beim Reisen wirken oft sehr inspirierend. Wenn ich kann, mache ich dann gleich während der der Fahrt ein paar Notizen. Manchmal bin ich morgens, in den ersten Minuten nach dem Aufwachen, besonders inspiriert, manchmal spät abends. Was nie passiert ist, dass ich mich irgenwann bewusst und absichtsvoll hinsetze, um etwas zu schreiben. Außer natürlich, um verstreute, fetzenhafte Ideen und Formulierungen zu etwas halbwegs „Fertigem“, wenigstens vor mir selber Vertretbarem und vielleicht auch der Öffentlichkeit  Präsentierbarem, fertigzumachen. Das ist dann der „sesshafte“ Teil von dem Ganzen und nicht immer sehr angenehm. Außer, wenn etwas dann tatsächlich fertig wird.

Kannst du von deiner Kunst  leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Nein. Und das ist bei meiner nun schon skizzierten Methode und Einstellung  nicht möglich und habe ich auch nicht vor. 

Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)
Bei Lyrik: alle bisher stattgehabten Liebesbeziehungen (wie könnte es bei einer Frau wohl auch anders sein!), meine Tochter. In den Geschichten – und in dem Roman, den ich, wie natürlich jeder von uns, in mir trage und der irgendwann einmal heraus soll, sicher mein ganzer familiärer Hintergrund – besonders die bäuerliche Kultur mütterlicherseits, die mich sehr stark geprägt hat. Begleitet hat mich niemand, aber einige gute Freunde haben mich immer wieder ermutigt. 

Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?)
Die Sonne. Nachtstunden. Wie schon gesagt, manchmal die ersten Minuten nach dem Aufwachen. Südspanien, karge, leicht hügelige Landschaft mit Oliven und Mandeln. Ein Glas Rioja. Unglückliche Liebe. Glückliche Liebe.  Meine Tochter. Lange Zugfahrten durch Indien. Lange Busfahrten durch England. Die Hügel von Devon mit den klar gezeichneten Wolken, die auf ihnen hocken, und den schwarzen Schatten der Schafe. Manchmal, die Londoner U-Bahn, auf der Rolltreppe stehen, inmitten von Tausenden von Menschen, mitschwingen in dem Ganzen. Gartenarbeit. Etc. Das alles natürlich positiv.Tote Zeiten sind solche mit zuviel Arbeit, Stress und Routine, die es möglichst – auch schon aus Gründen des Überlebens – zu vermeiden gilt. Andere Negativa: Ein bevorstehender Zahnarzttermin. Kalte Füße. 

In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/ hinderlich für deine Kunst?
Bäuerlicher Hintergrund. Selbständiger Mittelstand in einer Kleinstadt im Rheinland. An „Kultur“ (insbesondere Literatur) hauptsächlich herangeführt durch die Schule. Für die Entwicklung von ambitionierten Zielen war das sicher nicht förderlich und hat zu meinem langsamen „Spätzünder-Dasein“ bestimmt wesentlich beigetragen. Andererseits vielleicht besser als ein zu frühes „Verintellektualisieren“. 

Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?einzelgängerisch, arrogant, geldgierig, hartherzig, konformistisch(alles von Freundesseite „amtlich bestätigt“) 

Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst?
Beamtendasein, Unversöhnlichkeit, irgendetwas mit letzter Bestimmtheit und absoluter Unnachgiebigkeit behaupten und vertreten (ironischerweise sollte ich hier sagen, was ich ÜBERHAUPT NICHT kann...) 

Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?
Ein Gemeinschaftsprojekt in Südspanien, sprich ein Haus auf dem Lande, mit Permakultur, Hühnern und Ziegen - und Enten, falls genug Wasser. Wer will, kann sich mit Geld und/oder eingebrachten Arbeitstunden Anteile erwerben.Schriftsteller, Musiker, Künstler, Forscher und Lebenskünstler aller Art sollen sich dort austoben können. Freunde sollen kommen und mit ihren Kindern Ferien machen. Kurz, ein Platz zum Glücklichsein.Ich glaube, dieser Traum ist schon so riesengroß, dass er gut und gerne für drei zählen kann. 

Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch,  welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?
Da gibt’s eine ganze Reihe. Aber da es nur eines sein soll, nehme ich vielleicht jetzt, da inzwischen mehr und mehr aktuell, dieses, das man Pablo Picasso nachsagt: „Wenn man mir sagt, dass ich für dieses oder jenes zu alt bin, dann nehme ich es auf der Stelle in Angriff“. 

Fragen zum Thema „Kunst“(allgemein): 

Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?
Ein ganz schwieriges Thema. vor allem, mich dabei kurz zu fassen. Denn hierum geht es ja immer und bei allem Schreiben, das nicht bloße Reminiszenz und von privatem Interesse bleiben, sondern sozusagen in ein objektives Leben entlassen werden soll. Ich denke, die Maßstäbe für Qualität können schon lange nicht mehr objektiv sein, und dennoch GIBT es sie. Vielleicht sind sie, spätestens mit der sogenannten Postmoderne, vollkommen subjektiv, d.h. innerlich geworden. Vielleicht kann ich es so sagen: Solange mich mein Text nicht in Ruhe lässt, verlangt er immer noch nach weiterer „Qualitätskontrolle“. Irgendwann – wenn ich Glück habe – vermittelt er mir beim Lesen eine gewisse Freude, oder ein Unbehagen schwindet mit einer neu gefundenen Formulierung, und wenn das eintritt, ist für mich bei meinem eigenen Schreiben die angestrebte Qualität in etwa erreicht. Zadie Smith hat ja neulich sehr schön im Guardian (nicht so toll übersetzt, wie ich höre,  in der FAZ) hierzu geschrieben. Um ein Versagen handelt es sich immer. Als Leserin ergeht es mir ganz ähnlich. Auch hier „fühle“ ich  eher die Qualität eines Textes. Statt von objektiven, könnte ich wohl eher von subjektiven Maßstäben sprechen. Vielleicht ist es leichter, statt positive Forderungen zu stellen, einige  „Störfaktoren“ für Qualität aufzuzählen, als da wären: alles Klischeehafte, die Langeweile, die sich einstellt, wenn zum hunderttausendsten Male abgedroschene Redeweisen aufgetischt werden. Gestelztes, Unechtes, nicht Durchgearbeitetes, Wurschtigkeit, vom erlebten Gefühl ungekocht frisch auf den Tisch... sozusagen...da wären wir fast schon beim Thema der letzten Ausschreibung des „Verstärkers“. 

Was fehlt in der Kunst oder der Kunst?  Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“?
Ich stehe dem ganzen ja persönlich recht fern, aber ein wenig meine ich doch beobachtet zu haben: Vielleicht ist das größte Problem des Kunstbetriebs, dass es überhaupt ein „Betrieb“ ist, mit einer ungeheuren Finanz- und Werbekraftmaschinerie, die manchmal die „Glücklichen“, die sie sich erkürt, in fürchterlichen Stress, und ihrer Kreativität den Todesstoß versetzt (z.B. das bekannte Phänomen des schlechten „zweiten Buchs“, das dem erfolgreichen Erstlingsroman hinterhergejagt wird. Aber man MUSS natürlich nicht mitmachen. Bewundernswert, fällt mir da gerade ein, die Autorin von „The God of Small Things“, Arundhati Roy. Soweit mir bekannt ist, hat sie sich nie verführen lassen, diesem wunderbaren, einmaligen, zu recht überaus erfolgreichen Buch ein zweites folgen zu lassen.   Was fehlt? Nun, ganz vielen Autoren fehlt offenbar ein wenig Selbstkritik und was sie da so von sich geben, hat dann vielleicht eher therapeutischen Wert für sie selber als literarischen für die Leser. Aber da ist ein gültiges Urteil sehr schwierig. Manche sagen, die Zeit wird am Ende urteilen. Was überlebt ist gültig. doch wer MACHT, dass etwas überlebt? Da wir das Ende sowieso nicht kennen, ist es ganz lustig, in der Zwischenzeit dieses ganze  kunterbunte Treiben zu erleben, und so viel und so wenig daran teilzunehmen wie wir können und wollen. 

Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?
Ich glaube, es war durch einen der Newsletters von Sandra Uschtrin. Ähnliche Projekte? Nun, im „Autoren-Magazin“ steht der „Verstärker“ ja mitten in einer ganzen Reihe von vielleicht ähnlichen. Übrigens finde ich ihn bei Wikipedia in der Liste deutschsprachiger Literaturzeitschriften leider nicht. Den „Verstärker“ da mit hineinzubringen, wäre dann wohl auch nochmal ein Projekt, nicht wahr!  Und nun, herzlichen Dank für Eure Einladung zu diesem Gespräch, und weiterhin viel Erfolg! 

Liebe Hedy, wir haben zu danken! 
Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet. 

Biografisches

 

hedy_2006_2_kl.jpg „Geboren wurde ich1945 im Rheinland. Nach und neben anderen Versuchen  -abgebrochene Lehrerausbildung, nicht abgebrochene Ausbildung und Arbeit als Übersetzerin - studierte ich dann lange Zeit u.a. Indologie, Anglistik und Vergleichende Literaturwissenschaften in Bonn und Heidelberg. Dazwischen und danach: ausgedehnte Reisen und Studienaufenthalte auf dem Indischen Subkontinent und Studium der klassischen indischen Musik in Benares und Kalkutta.

Nach einem weiteren -  vorläufig abgebrochenen -  Versuch, diesmal mit Auroville in Südindien, lebe ich nun seit 1997 in London, schlage mich durch, schreibe auch dies und jenes und genieße es, immer noch am Leben zu sein.“

 

Fotos: H. Sadoc mit freundlicher Genehmigung