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Kowalski Geschichten
Kowalski und: Der Rattenfänger PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Sunday, 1. April 2007
Kowalski und: Der Rattenfänger
 
 
Kowalski liebte es, wenn über ihn geschrieben wurde.
Normalerweise. Er lehnte sich dann in seinem Sessel zurück, drehte sich genüsslich eine Zigarette und versuchte dann, anhand des Titels eines neuen Beitrages zu erraten, was ihm diesmal angehängt werden würde. Was hatten diese Schreiberlinge schon für Mist über ihn verzapft! Zum Säufer hatten sie ihn gemacht, zum Spieler, zum altklugen Sprücheklopfer. Viele Tode hatte er bereits literarisch sterben müssen. Aber immer war er wieder auferstanden. Klaro. Und immer wieder dies Sibirien. Konnten die Damen und Herren Autoren nicht mal im Hier und Jetzt bleiben?
Trotz allem: Kowalski liebte es, wenn über ihn geschrieben wurde. Er stand über den Dingen. Texten. Inhalten. Normalerweise. Aber das, was er heute lesen musste, ging doch wohl ein bisschen zu weit. Kowalski sah all die Distanz, die er sich in langen Jahren angeeignet hatte, den Bach runter schwimmen.
Ehrlich. Kowalski war betroffen. Er las

„Wäre ich einmal, einmal nur, tatsächlich bei dir im Bett gelandet, wäre dein Feuer wohl schnell erloschen. Du hättest deinen Spaß gehabt und mich vermutlich schon während deines Orgasmus auf deiner inneren Liste abgehakt. Oder vielleicht sogar noch vorher? Wer weiß, vielleicht beschert dir dies innere Abhaken ja sogar ein kleines Mehr an Spaß, weil du damit deine Ejakulation herauszögern kannst?
Ich möchte nicht einmal wissen, die wievielte ich auf deiner Liste gewesen wäre. Einen deiner wenigen persönlichen Sätze, die du mir schriebst, nachdem ich schon über ein Jahr nicht mehr deine Patientin war und wir uns zum ersten Mal auf neutralem Boden begegneten, habe ich noch gut im Ohr bzw. sehe ihn vor mir auf deiner Postkarte, denn die habe ich nicht weggeworfen, genauso wenig wie all deine Briefe und E-Mails: Wie ein Desperado fühltest du dich, schriebst du mir damals, und dass du dich seit dem Zerbrechen deiner Ehe bei aller Trauer und all deinen Ängsten nun selbstbewusster und männlicher fühltest. Alles sei wieder möglich, du spürtest die Lust auf Abenteuer, die Welt stünde dir wieder offen – ein bisschen wenigstens, schriebst du einschränkend.
Ich habe das, ehrlich gesagt, nicht so ganz Ernst genommen, anfangs. Oder vielleicht auch die Bedeutung zwischen deinen Zeilen völlig verkannt. Ich hatte dich als jemanden kennen gelernt, dem ich sehr schnell Vertrauen schenkte – in einer Zeit, in der es nicht vielen Menschen gelang, mein Herz zu erreichen. Ich habe mir immer eine wirkliche Freundschaft zu dir gewünscht, und ich glaube bis heute nicht, dass ich mir mit dem Wunsch nach Freundschaft in die Tasche gelogen habe, so, wie du es vor einigen Jahren mal böse formuliertest. Warum ich allerdings die Hoffnung darauf lange nicht aufgegeben habe, kann ich weder dir noch mir erklären. Es war einfach so.
Du jedoch kamst ziemlich schnell deutlich zur Sache. Es sei eine mächtige Energie zwischen uns, meintest du, und dass du manchmal wünschtest, wir hätten eine gemeinsame Nacht. Mit Betonung auf „eine“, vermute ich heute mal. Schon damals unterstelltest du mir Scharfkantigkeit und Machtbewusstsein und dass ich „das kleine Mädchen“ nur spielen würde. Was du total schade fandest – spürtest du doch meine vermeintliche Sehnsucht nach Abenteuer und Kontakten. Wie oft bedauertest du es, dass ich verheiratet war und keine ungebundene junge Studentin. Das hätte dir einige Kopfschmerzen erspart. Spricht für dich, dass du überhaupt welche hattest, denn sie stehen für Angst und Anspannung, für deine Unsicherheit, deine Angst vor Missbrauch des Vertrauens – und eigentlich auch für die nicht erlaubte Situation. Öfter betontest du, dass du meinen jungenhaften Körper sehr spannend fandest und ich habe mich oft gefragt, was das eigentlich für eine Art Kompliment gewesen ist. Und genauso oft hast du dich hinterher ein bisschen geschämt, dass du so drängelig warst und fandest es klasse, dass ich so wacker geblieben bin. ?!?
Soll ich dir einmal etwas verraten? Es ist mir nie schwer gefallen, wacker zu bleiben (welch bescheuertes Wort eigentlich). Auf meine Art habe ich vermutlich genauso mit dir gespielt wie du mit mir. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte ich dir sogar einmal, dass ich selber auch gerne spiele - vorausgesetzt, ich sei an der Erstellung der Spielregeln maßgeblich beteiligt. Allerdings habe ich immer gewusst, dass ich mir selbst treu bleiben würde. Natürlich habe ich das Kribbeln und die Spannung zwischen uns auch wahrgenommen, wie hätte ich nicht?, konnte das auch genießen – umso mehr, als ich für meinen Teil wusste, dass da mehr nicht werden würde. Enttäuscht war ich einzig immer deshalb, weil dich anscheinend nie etwas anderes wirklich interessiert hat, als mich ins Bett zu bekommen. Du warst nur enttäuscht, dass du deine Lust nicht leben konntest, jedenfalls nicht mit mir. Und selbst dabei hast du immer noch im „wir“ gesprochen. Du warst so sehr davon überzeugt, dass ich genauso fühlte wie du, dass du gar keine anderen Gedanken und Gefühle hast gelten lassen. Wäre ich frei gewesen und psychisch stabiler, hätten wir unsere Lust leben können, sagtest du. Und dass ich dabei, mich dir als Mann, als Ex-Arzt, zu zeigen, viel hätte lernen können. Dass mir diese Mischung aus Nähe und Sexualität gefallen hätte. Wenn du daran dachtest, kribbelte es dir in den Fingern, dir auszumalen, wie das Spiel auszugestalten sei. Und dann hätte es eine Beziehung auf erotischer Basis werden können, sagtest du, oder es wäre eben irgendwann ganz vorbei gewesen. Aber: Ganz vorbei ist es bei uns nie gewesen. Selbst wenn wir uns oft zurückgezogen haben. Meist habe ich dir in regelmäßigen Abständen einen bösen Brief geschrieben, oder habe dich sitzen lassen, wenn wir verabredet waren, und dann war erst mal eine Weile Funkstille. Und meist warst du es, der diese Funkstille dann gebrochen hat. Der irgendwann doch mal wieder ein Kärtchen schrieb oder eine E-Mail. Meist auch wieder mit dem eindeutigen Angebot einer gemeinsamen Nacht. Das hast du immer aufrechterhalten.
Und du warst dir immer so unglaublich sicher, dass wir dort gemeinsam enden würden. Du warst immer sicher, und hast das auch genauso deutlich formuliert, dass ich eines fernen Tages zu dir kommen würde und dir alles zeigen würde. Dass es nur und ausschließlich und auch bei mir darum ginge. Und um nichts anderes.
Relativ sicher gefühlt habe ich mich anfangs immer dann, wenn du mir freudestrahlend berichtetest, dass du eine neue, eine feste Beziehung eingegangen wärest. Da dachte ich immer, dann wäre deine Lust auf mich vielleicht vorbei, schien mir wenigstens logisch zu sein, und dass wir uns auch mal anderen Dingen hätten widmen können. Aber weit gefehlt. Das war nie in deinem Interesse, du hast dir über viele Frauen so deine erotischen Gedanken gemacht. Deine Fantasien. Deine Beziehungen waren nie von Dauer. Anfangs warst du immer sehr beschäftigt dann, hattest kaum Zeit, mir auch mal zu schreiben, geschweige denn, mich zu sehen, und wenn es dann doch wieder dazu kam, hatte meist einer von euch gerade die Beziehung beendet. Anfangs zumindest. Dabei wolltest du immer Nägel mit Köpfen machen. Kaum eine Frau, die nicht auch gleich bei dir ins Haus eingezogen ist. Es war ein ständiges Hin und Her, ein ewiges Kommen und Gehen, und irgendwann habe ich aufgehört zu zählen.

Was hat dich in all den Jahren immer wieder zu mir hingezogen? Warum hast du nie aufgehört, mir eindeutige Avancen zu machen? Hast du wirklich immer geglaubt, mein Spiel hätte „Such mich, aber du kriegst mich nicht“ geheißen und ich hätte es immer wieder von neuem begonnen, um dich heiß zu machen? Heiß zu halten vielleicht sogar? Wie wenig hast du doch begriffen! Immer wieder hast du Neues ausprobiert. Mal fragtest du mich, ob mir schon einmal jemand erotische Briefe geschrieben hätte, dann lieber wolltest du mir deine eigenen Fantasien in Bezug auf mich erzählen. Du besuchtest sogar ein VHS-Seminar „Geschichten spannend erzählen“. Wirklich getan hast du es allerdings nie. Das hast du dich nie getraut. Da schicktest du mir lieber ein Buch, wie z.B. Walsers „Der Augenblick der Liebe“. Geliebt hast du mich nie. Genauso wenig wie ich dich. Offen gestanden war ich nicht einmal verliebt in dich. Hat es nicht doch irgendwie nur an deinem Ego gekratzt, dass ich immer „nein“ gesagt habe? Und glaub mir, das war anstrengend, aber auch langweilig mit der Zeit. Weil alle Schritte vorhersehbar waren. Und ich irgendwann feststellen musste, dass du mir tatsächlich nichts, aber auch gar nichts zu sagen hattest. Nichts zu erzählen. Keine Neugierde auf mein Leben, den Alltag.
Öfters warst du sehr frustriert – oder du tatest doch zumindest so – wenn eine deiner Beziehungen in die Brüche gegangen war, manchmal meintest du sogar, mal einen Psychotherapeuten aufsuchen zu müssen. Hast du das jemals getan? Ich weiß es nicht. Öfters habe ich auch innerlich geschmunzelt, dass du wieder auf mich „zurückkamst“, wenn eine Beziehung bei dir vorbei war. Ich habe auch nie geglaubt, dass ich die Einzige gewesen bin. Allerdings habe ich nie in Frage gestellt, dass du die Frauen in deinem Leben nacheinander vernaschtest. Dass das nicht der Fall war, weiß ich erst jetzt. Es hätte mich stutzig machen müssen, ja, dass du mich in späteren Jahren selbst dann besuchtest, wenn eine neue Freundin gerade bei dir eingezogen war. Wir saßen dann bei mir auf dem Sofa, und innerhalb eines Atemzuges berichtetest du mir von deiner neuen Liebe und zogst mich doch mit deinen Blicken aus.

Möchtest du wissen, welche Rolle du für mich spieltest? Ich hätte dir das in all den Jahren sicherlich nie so deutlich sagen können wie heute, mit all der Distanz jetzt. Für mich bist du immer ein Barometer des Wachstums und meiner inneren Befreiung gewesen. Das hat mit dir als Person vermutlich wenig zu tun. Du warst halt immer da, und schon bevor wir uns das erste Mal privat trafen, kanntest du auch die Abgründe in mir. Oft musste ich wirklich schmunzeln, wenn ich ein paar unserer Briefe in chronologischer Reihenfolge las: Du ergingst dich nur in Andeutungen darüber, was du mit mir anstellen würdest, wenn wir mal eine gemeinsame Nacht miteinander verbrächten, im Gegenzug berichtete ich dir über all die Kleinigkeiten, die sich stetig in meinem Leben veränderten oder wiederholten, von Schritten vorwärts und Rückfällen. Und so kann ich mich des Eindrucks nicht verwehren, dass mein Leben in den ganzen Jahren trotz der Rückschritte und Katastrophen sehr viel gradliniger verlaufen ist als deines. Bodenständiger. Realer.
Ich habe immer gewusst, wohin ich gehöre.

Missbrauch sei ausgeschlossen, hast du immer gesagt, wenn man dem anderen gegenüber offen ist und sagt, was man will. Trotzdem hast du immer Angst gehabt vor dem Bild, was sich andere Leute von dir hätten machen können. Ob ich meinem Mann deine Briefe zeigen würde, hast du immer wissen wollen, und oft hast du mich gefragt, ob mein Therapeut womöglich deinen Nachnamen kenne. Du fürchtetest das Bild des Monsters in seinen Augen, und das war dir peinlich. Wieso bist du davon ausgegangen, dass ausgerechnet du Thema zwischen ihm und mir warst? Du warst es nicht! Auch hast du mich mal beschworen, nie unsere Briefe als Buch zu veröffentlichen. Ich habe damals darüber gelacht, denn so etwas war mir nie in den Sinn gekommen. Wen hätten unsere Briefe interessieren sollen?
Nun, deine Frau, deine jetzige, interessieren sie. Oder zumindest interessiert sie, wie du zu mir stehst – heute.
Und mein Bild von dir hat sich gewandelt. Seit ich über dein Verhalten nicht mehr schmunzeln kann. Vielleicht, ja, bist du mir gegenüber ehrlich gewesen, was meine Person ganz allein betrifft, obwohl ich mir nicht mal dessen noch ganz sicher bin. Ihr gegenüber hast du wohl immer ein bisschen mehr fantasiert. Darüber, welch Stellung ich – neben anderen – in deinem Leben hätte. Was ich dir – neben anderen – bedeuten würde. Und sie leidet darunter, wenn du ihr erzählst, du habest eine erotische Beziehung mit mir und das seit Jahren, wie übrigens zu anderen auch. Neben ihr. Und dass sie sich keine Sorgen machen müsse, sie wäre deine Hauptfrau und alle anderen nur kleine Freundinnen. Sie liebt dich.

Nun, deine kleine Freundin zu sein, genau darauf habe ich immer verzichten können. Und um meinetwillen muss sie sich nicht grämen. Ich bin froh, dass sie den Mut fand, mir zu schreiben und zu erzählen. In wenigen Zeilen waren dort vermutlich mehr Ehrlichkeit, Mut und wahre Gefühle als in all deinen Briefen zusammen. Ich hoffe, du verdienst sie.

Aber schon komisch, ne, dass sie mir gegenüber den Namen für dich verwendete, den ich still und heimlich schon immer für dich hatte: Rattenfänger.“

So hatte noch nie jemand zu Kowalski gesprochen.
Wurde aber vielleicht mal Zeit.



 
Heike Hartmann-Heesch