Die aktuelle Ausgabe    
des Verstärkers -    
Auszüge jetzt    

hier!    
Künstler-Portraits
Björn Schürmann PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 11
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Thursday, 26. April 2007
Autoren:
Dr. Sonja Hermann
Heike Hartmann-Heesch
Björn Schürmann

Regisseur


bjoern_schuermann.jpg



Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?

Alles fing mit einer verzweifelten Spanienreise an, auf der ich mich entschied nach tausend Studiengängen die Uni an den Nagel zu hängen und zu schreiben. Damit kam die Gründung des Verstärkers, der erste Roman und andere Gehversuche. Der Film kam erst später, nach ungefähr drei Jahren und auch recht zufällig dahergelatscht. Ich hab dann aber sehr schnell gemerkt, dass ich mich mit dem Medium viel besser entfalten kann und schon hatte die Dringlichkeit Geschichten zu erzählen ein neues für mich persönlich viel effektiveres Sprachrohr. Auch die ganzen unbezahlten und ausbeuterischen Praktika bei Film- und Fernsehen konnten mich dann nicht mehr davon abbringen. Außerdem lernte ich durch einen weiteren Zufall die filmArche kennen, eine selbstorganisierte Filmschule in Berlin, die damals noch im Aufbau war. Das hat mir den letzten Wind in die Segel gebracht, weil ich meine Ausbildung plötzlich komplett selbst bestimmen und trotzdem mit vielen Leuten gemeinsam machen konnte. Heute bin ich Teil der Studienleitung in der Schule, weil mich die Idee unglaublich angefixt hat und ich sie weiter mit vorantreiben möchte.


Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, dein erstes Musikstück komponiert oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass?
Das erste Gedicht an das ich mich erinnere trug den viel sagenden Titel "Gegen den Strom". Ich hab mich darin mit ungefähr 15 Jahren gegen alle gesellschaftlichen Konventionen versucht aufzulehnen, die ich damals gefühlt habe. Erstaunlicherweise haben mich damals meine Eltern für das Gedicht gelobt, obwohl sie selbst einen großen Teil dieser Konventionen verkörperten. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob sie mich damals verstanden haben oder nur froh waren, dass ich irgendwas Kreatives gemacht hab"


Hast du literarische/künstlerische Vorbilder?

Oh ja, natürlich viele Filmemacher wie Krystof Kieslowski oder Pedro Almodovar und viele andere, die sich trauen Stimmungen in Leben und Orten zu entdecken und Wege finden, die seltsamsten Welten ganz subtil zu verpacken, damit es wirklich jeder versteht und nachfühlen kann.


Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, welches Konzert besucht?)

Ich lese momentan das Buch "Pura Vita - Das wahre Leben" von dem Italiener Andrea DeCarlo, ein Romanautor, der es schafft eine der Lebenseinstellungen meiner Generation literarisch zu vermitteln. Es ist ein Buch über einen 40jährigen nie sesshaft gewordenen Historiker, der mit seiner 16-jährigen Tochter eine Autoreise durch Frankreich macht und sie dabei mit all seinen Weisheiten und Lebensphilosophien überschüttet. Ein liebenswürdiger Spinner, den ich gut zu verstehen glaube...


Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt, öffentlich vorgespielt/musiziert?

Mein Roman ist und bleibt in der Schublade, aber ich habe einige Kurzfilme gedreht, von denen besonders einer auf vielen Filmfestivals in Europa läuft und von einer kleinen Berliner Produktion vertrieben wird. Er hat schon ein paar Preise gewonnen und sorgt dafür, dass ich durch Deutschland reisen durfte und unter anderem nach Oslo eingeladen wurde. Als nächstes geht´s nach London und evtl. nach New York. Schon komisch, weil es eigentlich nur eine Übung für meine Schule war und nun unerwartet zu meiner ersten Visitenkarte geworden ist.


Wie dringend brauchst du Feedback?

Sehr dringend! Aki Karusmäki meint zwar, dass nur das eigene Schaffen zählt (oder so ähnlich), aber Feedback ist immer wie ein Geschenk. Man darf zwar nicht jede Kritik annehmen (gerade beim Film, denn jede/r scheint eigentlich ein verkappter Filmemacher oder noch schlimmer: Kritiker zu sein) und muss Konstruktives herausfiltern können, aber ohne Kritik und Rückmeldungen, würde man auch viel zu viel Energie in überflüssige und schon oft da gewesene Projekte stecken. Schließlich will ich als Künstler einen Beitrag leisten und nicht alles hundertfach reproduzieren. Nicht zuletzt ist jede Kunst auch ein Handwerk, das für irgendein Publikum funktionieren muss. Deshalb muss mir ein Publikum sagen, ob´s geklappt hat oder nicht, egal wie klein das Publikum am Ende ist.


Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?

Ich würde entweder ganz schnell Kinder kriegen und/oder aus Deutschland auswandern um weiterhin das Leben intensiv spüren zu können und offen für neues zu bleiben.


Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du anfängst zu schreiben?

Gerade heute beziehe ich meinen ersten Büroplatz zusammen mit 6 anderen. Ich bin gespannt, denn ich weiß nicht ob mein Plan funktioniert, alles was mit Arbeit und kreativem Schaffen zu tun hat aus meinen eigenen vier Wänden fernzuhalten. Sonst lässt mich das alles nie los. Schreiben kann ich nach wie vor am besten unterwegs, da wo ich fremd bin und außen stehend, am besten unter Zeitdruck und mit leerem Magen. Ich belohne mich gerne mit einer Befriedigung wie Essen einem Bier oder ähnlichem, wenn ich was "geschafft" habe. Das treibt mich ziemlich an, glaub ich.


Kannst du von deiner Kunst leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Ich gebe mir Mühe wenigstens vom "Film" zu leben, indem ich Seminare leite, kleinere Cutter-Jobs als Dienstleistung übernehme und mit Jugendlichen Filmworkshops durchführe. Aber noch ohne Langspielfilm in der Tasche ist es unmöglich von der Regie-Arbeit zu leben, da zahle ich eher drauf.



Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

Eigentlich wollte ich ja nie zum Film, das war mir alles zu sehr mit Allüren beladen. Aber die eine Hälfte meiner Eltern waren schon immer Cineasten und von Kunst begeistert, so dass sie mich unterstützt haben, auch wenn ich zum x-ten-mal alles über den Haufen geschmissen habe. Mich interessiert außerdem sehr, wie unterschiedlich Menschen in ihren verschiedenen Rollen und Charakteren miteinander kommunizieren und da gibt es in meiner zerstückelten und extrem heterogenen Familie eine Menge zu beobachten und Konflikte zu erleben, die dann irgendwie mal subtil in meinen Geschichten auftauchen. Man muss nur genau danach suchen und mich und meine Leute gut kennen...


Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?)

Die besten Ideen kommen mir, wenn ich mich gerade in einer persönlichen Krise befinde oder mitten in einem Konflikt, der noch nicht ausgetragen ist. Manchmal reicht aber auch die Erinnerung daran in besonders klaren Momenten, wo ich glaube wieder etwas im Leben verstanden zu haben. Komischerweise inspiriert es mich auch, wenn ich in einer Situation bin, in der es mir aus was weiß ich für Gründen nicht möglich ist mich kreativ auszudrücken; sozusagen Blockade als Motivator.


In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/hinderlich für deine Kunst?

Ich bin voll und ganz Ruhrpottler und merke, dass ich mich doch immer viel darum bemühen muss, meine heimische Mentalität nicht so ernst zu nehmen. Mit genügend Distanz, mag ich meine Kultur und zieh doch alles Künstlerische zuallererst aus ihr heraus. Glaub ich jedenfalls...


Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

Will ich ehrlich gesagt nicht drauf antworten...


Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst?

Malen, fliegen, grade sitzen.


Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?

1)Kinder gewappnet in die Welt entlassen 2)lange Spielfilme drehen 3)einen Rückzugsort für Kreative, Freunde und Familie schaffen


Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch, welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

Dafür ist das Leben zu komplex, oder?!



Fragen zum Thema „Kunst“ (allgemein):

Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?

Ich kenn mich in der Kunst nicht gut aus, aber objektiv können wohl nur Zahlen sein: Marktwerte, Kinobesucher, Leser, Käufer, Preise, Quoten etc. Mit Qualität hat das nichts zu tun. Qualität in der Kunst ist doch immer ein sehr subjektives und irrationales Gefühl.


Was fehlt in der Kunst oder der Kunst? Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“?

Zu wenig finanzielle Förderung. Die Arbeit, die in der Kunst steckt, wird zu wenig honoriert. Ich fühle oft eine Behauptung in der Luft schweben: Künstler arbeiten nicht! Das Gegenteil ist der Fall, auch wenn Künstler gleichzeitig am besten quengeln können, gehört ja irgendwie zum Beruf. Ist natürlich eher ein persönliches Gefühl als ein fundiertes Wissen und wenn man mir endlich viel Geld gibt für meine Arbeit, dann schweige ich darüber freiwillig...


Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?
Na ja, ich hab ihn mit gegründet.



Björn, vielen Dank für dieses Interview!

Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet.



Vita Björn Schürmann

geb.: 6. April 1978 in Witten an der Ruhr

1998: Abitur
Zw. 1997 und 1999: drei mehrmonatige Aufenthalte in Afrika
10.1998 - 10.2001: Studium an der HU zu Berlin und der FU-Berlin (Geographie, Philosophie und Allgemeine Pädagogik)
10. - 12. 2001: Praktikum im Berliner BasisDruck Verlag
Herbst 2001 - 10.2003: freier Autor und Mitherausgeber des Literaturmagazins "Der Verstärker" in Berlin
5.2003 - 10.2003: Laden- und Kunstprojekt "Jenseits des Kanals" in Berlin-Kreuzberg, in Verbindung mit der Organisation von kulturellen Veranstaltungen (u.a. Filmvorführungen, Ausstellungen, Lesungen)
2003: erste eigene Kurzfilme
5. 2004: Mitbegründung der Kurzfilmgruppe KinoBerlino, innerhalb derer Kurzfilme nach Konzepten und in Gruppen produziert werden (z.B. KinoKabaret: Produktion von Filmen in 48 Stunden, Staffelkino: aufeinander aufbauende Kurzfilme)
9.2004: Praktikum beim SAT.1-Spielfilm "Miss Texas" von Ute Wieland
seit 10.2004: Teilnehmer des Regielehrgangs 04 an der selbstverwalteten Filmschule filmArche in Berlin, (Abschluss: 2007) (www.filmarche.de)
10.2004: Gründung von projekt:film. Arbeitsfelder: 1-wöchige Jugendfilmworkshops in Zusammenarbeit mit der Filminitiative Herdecke ONIKON e.V., Castingdurchführungen, Showreelproduktionen, Dokumentar- und Kurzfilmproduktionen (www.projektfilm.de)
3.2005: Regie bei "Was du nicht siehst" (S-16mm), Diplomkurzfilm der TFH Berlin Audiovisuelle Medien / Kamera
Sommer 2005: Schnittassistenz für den Kinospielfilm "Schöner Leben" von Markus Herling (Berlinale 2006 " Perspektive deutsches Kino) Produktions-, Aufnahmeleitung und Regieassistenzen bei verschiedenen Kurzfilmen der filmArche Regie: Communicator (KF) Regie: "das krisenspiel" - ein politisches Planspiel (AT) (DF)
11.2005: Teilnahme am NISI MASA-Seminar zum Thema "Human Rights and visual culture" in Ankara, Türkei (www.nisimasa.com)
12.2005: Regie: Frau Steinberg (KF)
seit 3.2006: Mitglied der Studien- und Fachbereichsleitung für Regie an der filmArche
05.-10.2006 2. Regieassistenz und persönliche Assistenz der Regisseurin Sylke Enders (Kroko) bei dem Kinospielfilm "Mondkalb", eine Co-Produktion von Beaglefilms, WDR und RBB
Filmographie (Regie):    
2004: Kurzfilme im Rahmen von KinoBerlino
2005: "Was du nicht siehst" mit Christine Heimannsberg und Christian Heiner Wolf, 12min, Format: S-16mm, Diplomfilm TFH für Kamera Berlin / projekt:film "Communicator" mit Tristan Paul, Albert Frank und Philipp Christopher, 10min, Format: DV, filmArche Berlin (Festivalteilnahme in Norwegen, Spanien, England, USA und Deutschland - Zweimal Bester Kurzfilm bei Festivals in Hamburg und Marburg) "Frau Steinberg" mit Anne Gaedcke und Birgit Reibel, 5min, Format: DV, filmArche Berlin / projekt:film
2006/2007: "Fenster und Gardinen" mit Toomas Täht, Tatiana Nekrasov und Frank Genser, 8.30min, Format: HDV, filmArche Berlin