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Künstler-Portraits
Steffen Roye PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Saturday, 16. June 2007
Autoren:
Dr. Sonja Hermann
Heike Hartmann-Heesch
Steffen Roye
Autor


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Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?

Mit elf hatte ich einen Traum, es ging um eine abenteuerliche Flucht nach Afrika, und am anderen Morgen stand fest, dass ich daraus einen Roman schreiben würde. Es war die erste Geschichte, die ich auch tatsächlich zu Ende schrieb. Bis ich achtzehn war, hatte ich die vierte Version begonnen. Sie liegt noch immer unvollendet im Schrank. Aber die Idee hat mich bis heute nicht gänzlich losgelassen, vielleicht aus Trotz, weil ich schon so viel Zeit hineingesteckt habe. Wahrscheinlich ab Herbst werde ich tatsächlich mit meinem ersten Roman beginnen, und was von der Idee noch übrig ist, wird als Geschichte in der Geschichte schlussendlich doch seinen Platz finden.
In den Neunzigern habe ich nahezu ausschließlich Gedichte geschrieben; im Nachhinein hat sich das meiste als Makulatur erwiesen, und als ich der Meinung war, über alles mir Wichtige geschrieben zu haben, habe ich ca. 4 Jahre lang überhaupt nichts mehr geschrieben, bis mir eines Morgens eine Kindergeschichte einfiel. Das war wie Aufwachen. Seitdem schreibe ich nahezu ohne Unterbrechungen, meist jedoch Kurzgeschichten für die Größeren.


Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, dein erstes Musikstück komponiert oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass?

Das weiß ich nicht mehr genau, aber es gab eine Zeit, da habe ich sogar aus Kochrezepten Gedichte geschustert. Vielleicht war es auch die eben genannte Geschichte. Ansonsten stammen meine ältesten noch existierenden Texte von 1986. Da war ich vierzehn. Eines der ersten Gedichte handelte von den Folgen der Umweltverschmutzung. Es entstand bei einer Schreibwerkstatt in Bitterfeld.


Hast du literarische/künstlerische Vorbilder?

Das wechselt gelegentlich. Aber es gibt auch Konstanten: an Umberto Eco mag ich das Ausladende, Barocke; seine Sätze sind ganz leicht und doch voller Klugheit. Und an Thomas Bernhard mag ich das Radikale und streng Formalistische. Kaum einen anderen Autor erkennt man so unverwechselbar an Satzbau und Wortwahl.


Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, welches Konzert besucht?)

Das könnt ihr relativ leicht hier auf der „Verstärker“-Seite nachlesen, denn in den meisten Fällen schreibe ich dazu auch eine Kritik. Zuletzt war das Thomas Hettches „Woraus wir gemacht sind“. Eine Empfehlung!


Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt, öffentlich vorgespielt/musiziert?

Ein eigenes, ganz für mich allein? Nein. Neben verschiedenen Veröffentlichungen in Literaturmagazinen habe ich 2005 eine Kurzgeschichte in der Anthologie „Fortgesetzter Versuch, einen Anfang zu finden“ des Freien Deutschen Autorenverbandes veröffentlichen können. Es war der zweite oder dritte Wettbewerb, an dem ich teilgenommen hatte, und dass ich unter die ersten zwanzig kam, hat mir enorme Kraft zum Weitermachen gegeben. Das Buch ist inzwischen vergriffen, aber seit Februar ist eine andere Anthologie mit einem meiner Text erhältlich: „Umwege – 30 Autoren auf Reisen“ aus dem Lerato Verlag, 200 Seiten, 9,95 Euro, ISBN 978-3-938882-37-5.


Wie dringend brauchst du Feedback?

Das ist ganz wichtig, und ich bekomme es von unterschiedlichen Leuten. Von meiner Frau natürlich, besonders aber von zwei Menschen, mit denen ich zusammen Theater spiele (wir proben gerade den „Macbeth“, Premiere ist im Juli 2007) und die selbst schreiben. Nicht jede Kritik muss ich umsetzen, aber das Feedback gibt durchaus wichtige Impulse. Auch dergestalt, dass ich bemerke, welche von meinen Intentionen nicht bemerkt und mithin vielleicht nicht präzise genug formuliert wurden.


Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?

Dann würde ich mich als Gärtner in einem Schlosspark verdingen, in Wörlitz vielleicht oder in Bad Muskau.


Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du anfängst zu schreiben?

Ich bin eine Nachteule, schreibe am entspanntesten, wenn alle anderen schon im Bett sind, so nach 23 Uhr und oft genug bis 2 oder 3 Uhr. Da muss ich mobil sein. Deshalb habe ich mir einen Laptop zugelegt und sitze meist im Wohnzimmer, Katze oder Hund neben mir auf dem Sofa. Unbedingt muss Musik laufen, eigentlich egal, ob Belle & Sebastian oder Franz Ferdinand oder Anna Netrebko. Es darf nur keine deutschsprachige Musik sein, das lenkt ab. Und meist trinke ich ein oder zwei Gläser Rotwein, aber nicht immer. Momentan z. B. nicht, schließlich ist Fastenzeit.


Kannst du von deiner Kunst leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Schön wärs. Ich habe in den vier Jahren, in denen ich intensiv Kurzgeschichten schreibe, 200 Euro verdient: für die FDA-Anthologie. Und letztes Jahr gab es mal einen Büchergutschein. Das wars. Aber ich habe ja einen anständigen Beruf erlernt. Ich bin Bankkaufmann, und damit verdiene ich seit fünfzehn Jahren mein Geld.
Seit neun Jahren lebe ich in der jugendstilgeprägten Dresdner Neustadt, die leider immer mal wieder wegen irgendwelcher Ausschreitungen in den überregionalen Medien genannt wird. Nichtsdestotrotz, hier ist mein Platz, hier geh ich nicht so schnell weg. Das ist ein Ort, der mich inspiriert, an dem ich in mir ruhen kann.



Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

Selten schreibe ich autobiografische Geschichten, und doch kann man sagen: in jeder Geschichte steckt wenigstens ein bisschen Steffen Roye (sei es eine Meinung, ein Tick oder ein Lieblingsspruch), und keine Geschichte ist hundertprozentig Steffen Roye, auch wenn ich z. B. Kindheitserinnerungen aufschreibe. Und so ist es auch mit den Personen in meinen Geschichten: hier und dort tauchen sicher mal Elemente auf, die sich auf Freunde oder die Familie zurückführen lassen. Aber ich denke, niemand könnte behaupten, sich in einem der Texte wiederzuerkennen. Dafür beobachte ich lieber Fremde.


Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?)

Ich versuche, mit offenen Augen durch meine Stadt zu gehen. Aus den Eindrücken setzen sich dann die Geschichten zusammen. Aber bis ein Eindruck in eine Geschichte einfließt, können Jahre vergehen. Auch sammle ich Zeitschriftenartikel, von denen ich denke, sie könnten mir irgendwann einmal helfen.
Meist jedoch läuft es so ab: Ich habe ein festes Thema, weil gerade ein Wettbewerb ansteht (der im Uschtrin-Newsletter angekündigt wurde), und dann schreibe ich alles auf ein A4-Blatt, was mir zu diesem Thema einfällt, manchmal nehme ich die zwei oder drei interessantesten Stichworte, schreibe sie auf ein neues Blatt und notiere dann nochmals alles, was mir dazu einfällt. Auf diese Weise entsteht fast immer eine Geschichte. Probleme habe ich meist, wenn ich keine Vorgabe habe. Das kann kaum jemand verstehen, aber ein Korsett, das nicht zu straff gezogen ist, ist für mich sehr hilfreich.
Manchmal inspirieren mich auch Gedichte, merkwürdigerweise jedoch nie andere Prosatexte.


In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/hinderlich für deine Kunst?

Ich stamme aus Salzfurtkapelle. Das sagt schon alles. Es ist ein 800-Seelen-Dorf bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, da war und ist Kultur dünn gesät. Obwohl, in der DDR war Kultur, wenn auch staatlich gelenkt und beeinflusst, flächendeckender als heute.
Ich denke, die frühesten Einflüsse kommen von meiner Deutschlehrerin. Ihr Mann, unser Klassenlehrer, sagte z. B. einmal vor versammelter Klasse: „Steffen, meine Frau hat beim Lesen deines Aufsatzes einen geistigen Orgasmus bekommen.“ Das war mir furchtbar peinlich, und gleichzeitig hab ich es durchaus auch als Anerkennung aufgenommen.


Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

kulturlos, intolerant, akkurat, pünktlich, sportlich ...


Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst?

Instrumente spielen, ein Huhn schlachten, ein U-Boot bedienen


Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?

Lange hatte ich zwei große Träume: Ich wollte Theater spielen und ich wollte nach Afrika. Beides habe ich mir vor zehn Jahren erfüllt.
Heute würde ich sagen: spätestens mit meinem Roman eine erste eigenständige Veröffentlichung, vom Schreiben leben können, nach Kuba fahren, bevor die Amerikaner es wieder annektiert haben.


Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch, welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

Das wechselt gelegentlich. Momentan würde ich als Motto nennen: Wann, wenn nicht jetzt?



Fragen zum Thema „Kunst“ (allgemein):

Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?

Kunst kommt von „können“ und „künden“ und nicht von „wollen“, sonst hieße es ja „Wunst“. Der letzte Teil des Satzes stammt leider nicht von mir, aber er beschreibt meinen Anspruch an Qualität: Ich muss die Anstrengung spüren, ohne dass sie augenfällig wird. Intentionen sind nicht ausreichend, man muss sein Handwerk auch beherrschen. Wiederkäuen zählt nicht. Das gilt fürs Schreiben wie fürs Theaterspielen oder Malen. Vieles, was sich als Kunst ausgibt, ist in Wirklichkeit nur Wunst.


Was fehlt in der Kunst oder der Kunst? Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“?

Alle wollen auf Teufel komm raus provozieren, um zu provozieren. Aber wen lockt das heute noch aus dem Bett?


Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?
Vermutlich über Uschtrin. Der zweite Anlauf hat geklappt, eine meiner ersten Veröffentlichungen. Durch zwei Lesungen habe ich dann die Macher kennengelernt. Und bin dem Verstärker seither gern treugeblieben.



Steffen, vielen Dank für dieses Interview!

Heike Hartmann-Heesch
Dr. Sonja Hermann

© Die Reproduktion des Textes oder auch nur Teilen davon ist nur mit Genehmigung der Urheber gestattet.



Kurzbiographie:

Steffen Roye…
geboren 1972 in Wolfen, Abitur 1991, anschließend Banklehre.
lebt heute in Dresden, ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Veröffentlichungen u. a. in „Am Erker“, „Zeichen & Wunder“, „Verstärker“, „Schöngeist“, „Freiberger Lesehefte“ und „Hanebüchlein“ sowie der FDA-Anthologie „Fortgesetzter Versuch, einen Anfang zu finden“ (SalonLiteratur Verlag) und der Anthologie „Unterwegs – 30 Autoren auf Reisen“ (Lerato Verlag).