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Musikrezensionen
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Geschrieben von Steffen Roye   
Friday, 17. August 2007

I brauch koan Alkohol
I brauch koan Rock'n'Roll
I brauch mein Kitsch, jawoll
(Konstantin Wecker, San koane Geign da)

 
Der Sänger im beigefarbenen Smoking steckt das Mikrophon in den Ständer und holt gemessenen Schrittes eine Dame aus dem Publikum zum Tanzen auf die Bühne. Beim Einsatz der Becken: Konfetti. Feuerwerk. Luftballons, himmelwärts. Am Ende des Instrumentalteils geleitet er die Dame zurück und überreicht ihr eine rote Rose, bevor er wieder zum Mikrophon greift.

So muss es sein, wenn Neil Hannon live auftritt.

Genau so ist es, bestätigten mir beneidenswerte Menschen, die Orchesterkonzerte seiner Band The Divine Comedy miterlebten. Nur das Feuerwerk war aus Sicherheitsgründen nicht im Programm. Ansonsten gab Hannon, was man erwartete: Kitsch und Bombast. Unerträglich. Schön.

Arztroman. Gartenzwerg. Alpenglühn. Was mir zum Stichwort Kitsch vor alldem einfällt ist eben: The Divine Comedy. Nicht die von Dante. Die britische. Die mit Pauken, Trompeten und dutzendfacher Entourage Pop zelebriert, der wahrhaft eines ist: göttlich. Und kitschig.

Dabei - was ist Kitsch eigentlich? Ein plakatives Spiel mit Erwartungen, bei dem die Überraschung keinen Zutritt hat. Ein „Nullpunkt der Kultur". Große Gefühle, aber keine große Kunst. Eine unkritische Kopie: „Erfahrung aus zweiter Hand" (Greenberg). Ein „Sonderfall des Trivialen".

Große Gefühle gibt es bei The Divine Comedy zuhauf. Aber den ganzen Rest?

 Auf seinen frühen Alben Promenade (1993) und Liberation (1994) kommt Neil Hannon dem Pop noch kammermusikalisch bei und posiert fürs Cover als Dandy - bis heute sein Markenzeichen. Beispielhaft sei Your Daddy's Car hervorgehoben. Die großen Gefühle werden bemüht, doch nur, um sie zusammenschnurren zu lassen wie lecke Luftballons:

  We took your Daddy's car
  And drove it into town
  We steamed into a bar
  And we bought the biggest bottle of champagne
  And driving through the rain we sang
  God bless this car and all who sail in here

Ist es nicht genau jener Schlag Mensch, dem man einen Hang zum Kitsch (also Arztroman, Gartenzwerg und Alpenglühn) unterstellt: der sich Großes erträumt und doch nur der kleine feuchte Fetzen Ballon ist, der nach der Party wie ein schrumpeliges Kondom von der Decke hängt?

Kitsch ist eben „immer das, was die anderen machen". Und steht synonym für Geschmacklosigkeit, leichte Konsumierbarkeit, Kleinbürgerlichkeit, Wirklichkeitsflucht („dümmlich Tröstendes" nannte es Adorno) und „kalkulierte Gefühlsverlogenheit", etwa beim Musikantenstadl. Doch der Erfolg des Stadls gibt Kitschverfechtern auch Oberwasser. Sie schätzen die Ehrlichkeit, zu einfachen Gefühlen zu stehen. Und was verkauft sich wohl besser: eine CD von Karlheinz Stockhausen oder eine der Wildecker Herzbuben?

 Nun, kommerziell erfolgreich war auch Hannons Casanova (1996), auf dem die Zahl der Musiker erstmals die fünfzig überschritt. Beispielhaft darauf ist The Frog Princess. Was nach Grimm-Adaption klingt, hört sich zu schwungvollem Piano so an: 

  I met a girl she was a frog princess
  and yes I do regret it now
  But how was I to know that just one kiss
  could turn my frog into a cow

Erwähnt sei auch Theme from Casanova, wo Hannon das Impressum des Albums verliest, bevor das Stück zu Easy Listening zerfließt: ein deutlicher Querverweis auf die 60er Jahre. Was damals von Herb Alpert und James Last abgeliefert wurde, ist heute zu Recht der Kritik ausgesetzt. Warum also macht sich Neil Hannon gerade an dieser Musik zu schaffen?

In den 80ern, als Hannon ein Teenager war, änderte die Kunst ihre Sicht auf den Kitsch. Seither verwischen die Grenzen. „Kunst zitiert und arbeitet mittlerweile mit Mitteln des Kitschs und wird dafür gefeiert", stellte unlängst Kuno Nensel in der WELT fest. Und das ist der Punkt: Hannons Kunst funktioniert auf vielen Ebenen, deren eine, der Kitsch, kaum mehr als eine Folie ist. Seine ironische Distanz zum Kitsch erhebt seine Musik zur Kunst, die antiquiert und dank aktueller Retro-Trends doch modern ist. Aber ist sie dann überhaupt Kitsch? Sicher. Aber keine Fahrstuhlmusik. Vielmehr ein Zitat von Kitsch, dem kurz vor der Unerträglichkeit ein Zwischenboden eingezogen wurde. Und wie nennt man das, was beim Kopieren von Kitsch entsteht? Minus mal Minus ergibt Plus, und das augenzwinkernde Zitieren von Kitsch ergibt: Kunst. Quod erat demonstrandum.

Auch auf dem 1997er Short Album about Love sind Zitate beispielsweise von Burt Bacharach, besonders aber von Scott Walker erkennbar. Das Album ist der göttliche Höhepunkt der Comedy. Hier treibt Hannon seine - durchaus ernsthaften - Vorstellungen in einer Opulenz auf die Spitze, die wie entfesselte Visionen klingt. Auf Someone beispielsweise zieht sich Hannon nach 3:15 Minuten zurück und überlässt die Lautsprecher dem Orchester, das ein ums andere Mal mit immer mehr Instrumenten das Thema des Liedes variiert, bis zum Finale ein wagnerianisches Instrumentenheer aus den Boxen schmettert. Dem Hörer wird nichts geschenkt und nichts erspart. Und doch ist nirgends etwas zu viel und auf gar keinen Fall zu wenig. Mit einem Wort: große Gefühle und große Kunst.

Auch hier muss man die seidene Ironie, die all den Bombast aufbricht, nicht missen. Auf If spielt Hannon pathetisch durch, als was er sich seine Liebste vorstellen könnte:

If you were a tree

I could carve my name into your side

And you would not cry,

'Cos trees don't cry

 

If you were a horse

I could ride you through the fields at dawn

I could sing about you in my songs

As we rode away into the setting sun

 Kitsch lebt immer auch von Stereotypen. Auf Fin de Siecle (1998) sticht diesbezüglich der Titel Sweden besonders hervor - Klischees werden im Dutzend und in Orffscher Opulenz mit über 100(!) Musikern und Chorsängern mit hörbarem, serienmäßig eingebautem Augenzwinkern intoniert:

I would like to live in Sweden
   Where the snow lies crisp and even
   'Neath the midnight sun
   Tall and strong and blonde and blue eyed
   Pure and healthy, very wealthy

Sweden

Im Booklet wird auf deutsch Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit verkündet. Ach richtig: ausgerechnet das Wort Kitsch ist einer der erfolgreichsten deutschen Sprachexporte, nicht nur ins Englische. Es entstand um 1870 in München als Ableitung von kitschen (Straßenschmutz zusammenkehren) oder vom jiddischen verkitschen (jemandem Plunder andrehen).

Muss mir meine Begeisterung für The Divine Comedy also eigentlich peinlich sein?

Sich mit Kitsch abzugeben bedeutete lange nur: Flucht vor der Realität. Doch neuerdings wird auch das Gegenteil in Betracht gezogen. "Die Flucht in eine Fantasiewelt ist auch Spiel mit der Wirklichkeit, nicht nur ihre Verleugnung", sagt zum Beispiel Ien Ang von der Universität Sydney, und Kuno Nensel propagierte in der WELT, Kitsch sei „definitiv keine Sünde", denn wer ihn akzeptiere, lebe „vermutlich glücklicher als jener, der ihn mit allen Mitteln aussperren will".

Entscheidend ist auch für den Hörer die Fähigkeit zur kritischen Distanz. Attitüde ist alles. Wir sind heute in der Lage uns aufzuspalten. Wir wissen, dass wir Kitsch hören und sind doch nicht länger peinlich berührt.

Meine aufrichtige Begeisterung für The Divine Comedy ist also doppelt abgesichert: durch die ironische Brechung Hannons und die eigene kritische Distanz zum Kitsch. Glück gehabt.

 Arztroman. Gartenzwerg. Alpenglühn. In diese Reihe passt The Divine Comedy also nicht. Natürlich nicht: würde ich etwa eine seitenlange Lanze für Gartenzwerge brechen?

Nur eines ist schade: da Neil Hannon trotz Kultstatus in England im übrigen Europa relativ unbekannt ist, tritt seine Band hier nur in kleiner Besetzung auf. Einem deutschen Konzertbesucher werden Smoking, Luftballons und Konfetti  vorenthalten. Das ist traurig, denn es gehört zur Göttlichen Komödie wie, sagen wir mal, Herz und Amorpfeil zum Verliebtsein.

 
  Diskographie:
  Fanfare for the Comic Muse (1990)
  Liberation (1993)
  Promenade (1994)
  Casanova (1996)
  A Short Album About Love (1997)
  Fin de Siècle (1998)
  A Secret History - the Best Of (1999)
  Regeneration (2001)
  Absent Friends (2004)
  Victory For The Comic Muse (2006)

  www.thedivinecomedy.com