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Leseproben
Der Installateur PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Sebi   
Thursday, 6. September 2007
Leseprobe aus Version 16

Der Installateur

Selbstverständlich schmunzle ich über die Episode mit dem Installateur. Schon vor Wochen war er bestellt gewesen, doch als der Handwerker tatsächlich vor meiner Tür stand, schaffte ich es gerade noch, den Bademantel überzuwerfen, um zur Tür zu laufen. Jetzt sei kaum mehr etwas zu tun, fuhr ich ihn trotz meiner Mattigkeit an, doch er schob mich zur Seite und murmelte etwas von den üblichen Arbeiten, die immer zu leisten seien, außerdem wäre zu kontrollieren, ob die Mieter vorhandene Installationen stets mit Hilfe eines Fachmannes durchgeführt hätten.
Ziemlich schläfrig hinter ihm hertrottend gab ich mich geschlagen und machte Ansätze, ihm den Weg zu weisen, doch er stapfte zielstrebig auf die Badezimmertür zu, ohne mich weiter zu beachten. Ob er noch etwas brauche, fragte ich leise und schloss die Tür, als ich sein konzentriertes, die wenigen über dem Putz verlaufenden Rohre betrachtendes Gesicht bemerkte. Ich zog mich wieder ins Schlafzimmer zurück, gähnte, um die Müdigkeit loszuwerden, und beeilte mich mit dem Ankleiden. Ich wollte ihm zumindest angezogen gegenübertreten, wenn er die Kontrolle beendete, und mutmaßte zu diesem Zeitpunkt, den aufdringlichen Besucher höchstens eine halbe Stunde in der Wohnung zu haben.
Zu meiner Überraschung blieb indes die Badezimmertür geschlossen, und ich vernahm metallisches Hämmern und andere Geräusche, die mir verrieten, dass der Installateur in seiner Werkzeugkiste kramte, Wandverputz abschabte und festsitzende Muttern löste. Ich hoffte nur, dass er die Wasserzufuhr rechtzeitig unterbrach. Am Nachmittag klopfte ich an, drückte die Klinke nieder, und als der Krach verstummte, fragte ich den Installateur, ob er zu essen wünsche. Er schüttelte den Kopf und meinte, erst nach getaner Arbeit wolle er etwas zu sich nehmen, im Augenblick sei er zu sehr beschäftigt. In der Zwischenzeit hatte er einen Teil der Mauer aufgestemmt, Rohre freigelegt und ausgetauscht, an einer Stelle fehlte ein Stück, und darunter sammelte sich eine Wasserlache. Wortlos wies er auf ein neues Kupferrohr, das in den Raum hineinragte. Ich verstand zwar nicht, was er mit dieser Abzweigung beabsichtigte, gab mich jedoch mit meinem Nichtwissen zufrieden, wohl darauf vertrauend, dass der Handwerker wüsste, was er tat. Das abgesetzte, Vertrauen erweckende Hämmern klang mir sogar im Ohr, als ich gegen elf Uhr abends einschlief.
Ein schlagartig auftretendes Gerumse riss mich aus dem Schlaf. Bereits neun Uhr, sagte mir ein Blick auf den Wecker, den ich einzuschalten vergessen hatte. Hastig zog ich mich an und ging zum Badezimmer. Der Boden davor schien nass, offensichtlich war eines der Rohre geplatzt. Ich öffnete die Tür und sah den Installateur inmitten eines Rohrgestells sitzen, das er während der Nacht errichtet haben musste. Eben brachte er den letzten Wasserguss mit einer Zange und unter großer Kraftanstrengung zum Versiegen; Schweiß stand auf seiner Stirn, und die geröteten Augen denunzierten die durchwachte Nacht. Außerdem, fiel mir auf, musste die Leuchtstoffröhre bald ausgetauscht werden.
Meine Frage nach einem stärkenden Frühstück wurde mit einem Kopfschütteln beantwortet, wonach er jedoch mit Entschiedenheit verlangte: „Sie bringen mir Kaffee!“. Von seiner jähen Forschheit überrascht begab ich mich in die Küche und suchte den letzten Rest Kaffee, da ich nur dann welchen trank, wenn Freunde eingeladen waren. Ich hielt es sogar für ratsam, später noch
mehr zu besorgen, denn wie es aussah, gedachte der Installateur, längere Zeit in meinem Badezimmer zu verweilen. Als ich Tasse und Zucker hinausbrachte, fand ich den Handwerker telefonierend im Vorzimmer; er sprach irgendetwas von Rohren und legte gleich danach auf. Den Rücken zu mir gewandt, wischte er sich die Stirn mit einem Tuch trocken, das er aus dem Arbeitsoverall gezogen hatte. Ruckartig wandte er sich um und sah, dass ich auf der Schwelle verharrte, um sein Telefonat nicht zu stören. „Ausgezeichnet“, sagte er, griff zum Kaffee und meinte, er brauche weiteres Arbeitsmaterial, das in etwa einer Stunde geliefert würde. Bis dahin wolle er ein bisschen ausruhen, und ob ich denn ein Butterbrot für ihn hätte. Ich nickte und ging in die Küche zurück, um sein Frühstücksbrot zu streichen.
Tatsächlich kamen eine Stunde später zwei Kollegen vorbei und schafften zusätzliche Rohre ins Badezimmer. Ich setzte mich in einen Fauteuil, um das Treiben zu beobachten, und weil die Lieferung etwa zwanzig Minuten andauerte, fragte ich mich, was der Installateur mit so vielen Rohren anfinge.
Als ich wieder ins Bad schaute, war er damit beschäftigt, drei oder vier lange Leitungen direkt neben dem Eingang aufzurichten. Er meinte, während der nächsten Stunden sei die Tür nicht mehr zu öffnen, und er werde eine Zeit lang im Raum bleiben, doch könne ich ihm den Kaffee jederzeit unter diesen beiden Rohren, die er mit einer Geste bezeichnete, durchschieben. Entmutigt nickte ich und schloss die Tür. Was hätte ich tun sollen? Schließlich brauchte ich mein Badezimmer und war gewissermaßen auf eine Fachkraft angewiesen!
Das regelmäßige Hämmern gehörte inzwischen zu den vertrauten Wohnungsgeräuschen, und ich beschloss, meine Besorgungen zu machen und unter anderem auch neuen Kaffee zu kaufen, um den Handwerker bei Stimmung zu halten. Nach meiner Rückkehr stellte ich die Lebensmittel in den Kühlschrank und den Vorratsraum, als mir auffiel, wie leise das Pochen aus dem Bad klang. Etwas später und nach einigem Zögern öffnete ich die Tür und sah mich einem undurchdringbaren Wirrwarr von Rohren gegenüber, die bereits einen Großteil des Raumes ausfüllten. Vom Installateur bemerkte ich lediglich in einer vielleicht zufällig entstandenen Öffnung die Hand, die Muttern festschraubte und Rohre fixierte. Die Hand war schmutzig und verschwitzt. Mich wunderte nichts mehr, und ich zog die leere Kaffeetasse heraus, die ich auf dem Boden entdeckte.
Mehrere Minuten danach schob ich frischen Kaffee in die Luke zwischen den Rohren, die er mir zuvor genannt hatte. Ich hörte ihn ein „Danke“ murmeln, danach unterbrach er das Hämmern für einige Sekunden. Gleich darauf setzte es wieder ein, und ich fragte mit verhaltener Stimme, ob es denn wirklich notwendig sei, so viele Rohre ins Badezimmer zu setzen. Auch zuvor hätte ich keinerlei Probleme gehabt, konnte so viel Wasser nutzen, wie ich wollte, und hatte niemals einen Rohrbruch erlebt. Diese vielen Rohre, gab ich mit vorsichtigem Nachdruck zu bedenken, schienen mir übertrieben.
Der Installateur hielt augenblicklich inne und schwieg. Jetzt schämte ich mich für meine Frage, dafür, sein Fachwissen anzuzweifeln, und wich ein paar Schritte zurück, um die Tür zu schließen und damit meinen Versöhnungswillen zu bekunden. Als ich die Schnalle losließ, ertönte das Hämmern von Neuem. Während einer guten Stunde ging mir die Szene dann nicht aus dem Kopf, und erste Zweifel daran, ob die ungewöhnlichen Vorgänge überhaupt ordnungsgemäß verliefen, gewannen in meiner Überlegung an Gestalt. Ein zweimaliges, besonders heftiges Klopfen unterbrach mein Grübeln abrupt und rief mich hinaus. Der Installateur, dessen Stimme dünn zu mir drang, bat um mehr Kaffee. Ich zog die leere Tasse heraus, überlegte einen Augenblick und schlug ihm die Bitte ab. Seine Weigerung, auf meine Skepsis einzugehen, hatte mich letztlich ungeduldig gemacht. Ich hörte ihn kurz schnaufen, doch entgegnete er kein Wort. So schloss ich die Tür mit der plötzlichen Eingebung, sie überhaupt nicht mehr zu öffnen, während der Installateur eifrig weiterlärmte.
Erst Tage später wurden die Geräusche schwächer. Da ich keine weiteren Rohre erhalten hatte, die geeignet gewesen wären, den Schall zu mindern, schloss ich auf eine zunehmende Entkräftung des Mannes. Immer öfter wiederkehrende Pausen und angenehm ruhige Nächte unterstrichen meine Vermutung. Ab und zu verharrte ich vor der geschlossenen Tür; der Installateur schien meine Anwesenheit jedoch zu erahnen, denn er unterbrach die Arbeit und lauerte, bis ich mich wieder entfernte.
Schließlich verstummte das Hämmern. Vorsichtig spähte ich durch einen Türspalt ins Bad, um zu prüfen, ob er jetzt vielleicht vornehmlich mit der Rohrzange werkte. Aber es blieb völlig still. Ich knipste das bereits sehr schwach gewordene Licht aus und machte wieder zu. Irgendwann ging mir durch den Kopf, dass ich die Türritzen womöglich mit einer geeigneten Knetmasse abdichten sollte, um den Geruch von der Wohnung fern zu halten, doch Eile empfand ich dabei nicht.
So beschloss ich, einen Spaziergang zu machen und schlüpfte in die Schuhe. Vorübergehend konnte ich mich durchaus in der Küche waschen, allerdings war mir klar, dass ich dann und wann eine Dusche benötigen würde. Eine neue Duschzelle hieß allerdings, Platz in der ohnehin sehr eng bemessenen Wohnung zu opfern, wodurch ich eher zu einem Wohnungswechsel tendierte, aber ich verschob die endgültige Entscheidung auf einen späteren Zeitpunkt. In der sonnigen Vorstadt fühlte ich mich richtig erleichtert, dem endlosen Gehämmer entkommen zu sein, und überlegte nur mehr, ob ich die zu erwartende Rechnung angesichts des erlittenen Ärgers überhaupt bezahlen sollte.

 
Klaus Ebner, Wien (Österreich)