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Schwarze Trommeln PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Sebi   
Thursday, 6. September 2007
Leseprobe aus Version 17

Schwarze Trommeln

Die Nacht ist heiß und schwarz. Mit wilden Pauken dröhnt der Rhythmus hinein, durch das offene Fenster, zu ihm hinein mit schweren Peitschen aus einer unergründlichen Tiefe. Er liegt wach auf seiner Liege, nackt, kleine Schweißperlen reflektieren das Neonlicht der Straße. Er atmet schwer, die Augen hat er geschlossen, der Gestank wird langsam stärker, will das Aroma des heißen Teers übertreffen, in dem die Absätze der Nutten versinken. Eine Mücke, fett, vollgesogen, sitzt auf seiner behaarten Brust, seine Hand erschlägt sie, das warme Blut spritzt über die Haut. Er öffnet die Augen, die Hitze drückt auf sein Gesicht, der Schall vibriert in seinen Ohren. In dem Zimmer ist es heiß und feucht, das rote Licht der Straße erreicht die hintersten Ecken nicht. Still liegt er dort, bewegt nur die Augen, erkennt den Stuhl, den schwarzen Spiegel an der Wand, das schiefe Regal mit seinen Büchern, den riesenhaften, starren Käfern, die er mitgebracht hat aus Afrika. Damals, als die Trommeln begonnen haben, der Rhythmus der Nacht. Er merkt, wie er lauter wird, die Straße ruft ihn, er muss hinaus. Er richtet sich auf, in seinem Kopf ein dumpfes Flimmern, Schwindel würgt an seinen Sinnen. Das Zimmer ist klein und stickig, das Fenster wie eine offene Wunde, aller Schmutz und Staub der Straßen dringt hinein. Die dunkle Hose über seine Beine, die Schuhe über die Füße, er tastet zur Zimmertür, sie liegt irgendwo hinter der Finsternis. Dann ist er draußen, hier beginnt der Dschungel, die Trommeln sind lauter, sie sind in seinen Ohren, auf seiner Haut, überdeutlich, in seinem Genick. Er geht los, hier sind die Menschen, sie laufen an ihm vorbei, berühren seine nackte Haut, Fleisch auf Fleisch, kurze Jeans, knappe Bikinis, gierige Blicke aus schwarzlodernden Augen. Er spürt sein Herz, es schlägt mit den Trommeln. Aus den Bars fließen Stimmen, rotschwarze Gestalten stehen an den Theken, in den offenen Türen, schauen auf die Straße, ihm hinterher. Die Drinks in ihren Händen sind kühl, das Wasser läuft an ihnen herab, tropft
auf den heißen Asphalt. Über die Straße grollen die Wagen, sie sind lang und schwarz, hinter den Scheiben schwüle Schemen, feuchte Hände gegen die Scheiben gepresst. Aus allen Häuseröffnungen dringt Musik, aus den Clubs, den offenen Fenstern in den oberen Etagen, hinaus in die Nacht, fließt und schlägt zusammen, hämmert und pumpt. Schattenhafte Gestalten biegen ihre Körper, tanzen im Rhythmus, sind der Rhythmus, berühren ihre Leiber. Überall ist das Leben, pulsiert wie eine gelbliche Made. Er geht weiter, lässt sich treiben durch die Straßen, geht vorbei an den Türen, den Fenstern, wie dunkle Augenhöhlen. Die Schwüle lastet schwer auf allen Sinnen, der heiße Atem fließt nur flach, seine Augen schleichen durch die schwarze Welt. An der Kreuzung bleibt er stehen, dicht vor ihm dröhnt ein Motorrad über den Teer, hinter dem verspiegelten Helm sind keine Augen, heißes Gasgemisch verbrennt seine Waden. Er geht weiter, lange geht er durch die engen Straßen, die Trommeln der Nacht verfolgen ihn, bis er stehen bleibt unter dem rot blinkenden Schild: Red Oyster. Er geht hinein. Die Disco liegt unter der Erde, er geht die Stufen hinab, lauter wird die Musik, tanzt in seinen Ohren. Er öffnet die Tür, die angestaute Hitze presst sich gegen seine Augen, er sieht das Zucken der roten Lichter, darunter die Leiber, die sich drehen und schlängeln. Er geht zur Bar, dahinter ist ein riesiger Spiegel, der alles sieht und verschlingt, er kauft ein Bier, es ist kühl. Er lehnt sich gegen die Wand und trinkt, trinkt eines, trinkt zehn und beobachtet. Frauen drängen sich an ihm vorbei, berühren seine nackte Haut mit ihren warmen Fingern, ihr Haar riecht herb und feurig, nach flüssiger Begierde. Dann schleicht er auf die Tanzfläche und schließt die Augen, die Musik fließt in sein Fleisch, in seinem Kopf der Schwindel wird zu einem brausenden Sturmwind über der nachtschwarzen See, die Wellen türmen sich auf, meterhoch, alle Seemänner sind verloren, die Fische holen sich die weißlichen Leiber. Er öffnet die Augen, die Köpfe, dunklen Gesichter, die Theke, glänzende Flaschen, alles dreht sich und wirbelt, die Trommeln werden lauter, übertönen alles, diese schwarze Glut. Er muss hinaus. Er presst sich durch die Menge, durch die grellweiße Tür. Hier riecht es streng, die Pissbecken schimmern im grauen Licht. Er greift sein schlaffes Fleisch, der heiße Strahl spritzt auf gesprungenes Porzellan. Hinter ihm drängen sich Menschen vorbei, zu den anderen Schüsseln, Männer und Frauen, benommen und gierig, erhitzt vom eigenen Leben. Volle Brüste drücken sich gegen seinen Rücken, eine Hand berührt seinen Arsch. Er dreht sich um, blickt in zwei schwarze Augen, ihr Gesicht glänzt. Er spürt die Hitze ihres Körpers. Sie greift seine Hand, sagt etwas, brüllt in seine Ohren. Doch die wilden Trommeln sind lauter, lassen ihn nicht los. Immer schneller werden sie und immer deutlicher dringen sie in seinen Verstand. Sie drängen sich zurück durch die Menge, sind auf der Tanzfläche, er greift in ihre schwarzen Haare, wild und dicht. Sie winden sich zur Musik, Schweiß läuft seine nackte Haut herab, er schließt die Augen. Überall ist die Erregung, die Hitze, die Trommeln. Ihre Zunge leckt über seinen Körper, über sein Gesicht, ihre Hände sind überall, in seinen Haaren, seiner Hose. Der Rausch wird stärker, er riecht ihren Körper, wie wilder Mohn, hört ihr dunkles Blut in seinen Ohren brodeln. Dann sind sie auf der Straße, laufen über den Asphalt, die Farben verwischen, die roten Lichter der Straße werden Irrwische, die durch seine Augen zucken, die Menschen werden zu Schatten, unwirklich und leer. Nur das Dröhnen der Trommeln ist noch klar, wird immer klarer, der Rhythmus der Nacht. Gefährlich. Sie zieht ihn mit sich, durch dunkle Gassen, laute Straßen. Sie öffnet eine Tür, das Treppenhaus hinauf, in die Wohnung hinein. Sie stößt ihn auf das Bett, zerrt die Hose von seinen Beinen, reißt den schmalen BH von ihrem Leib. So steht sie über ihm, schemenhaft, die wilden Haare in ihrem Gesicht, ihre Geilheit sprüht über seine Poren. Das Fenster steht weit offen, Musik und rote Lichter dringen hinein, doch er hört sie nicht mehr, nur das Dröhnen, nur die Trommeln, schneller, schneller. Nun ist sie über ihm, ihr Rock heruntergerissen, ihre weichen Lippen auf seiner feuchten Haut, seine Lippen auf ihren Nippeln, salzig, heiß. Ihre wilden Bewegungen zerfließen in die heiße Nacht, alle Formen, alle Strukturen lösen sich auf in einen dunklen Taumel, ihre Zunge ist überall, ihre Finger, ihre Titten. Die Spannung in ihm wächst, wird unerträglich, die heißen Trommeln in seinen Ohren wollen ihn verschlingen, lassen nicht von ihm ab, nie wieder. Tu es, die heißen Trommeln in einem unbändigen Tanz, ekstatisch. Tu es. Die Muskeln spannen sich, überall rotglühender Schwindel. Seine Hände, sie drücken zu, die Trommeln rasen. Tu es. Tu es. Glitschiges, heißes Fleisch. Tosendes Kreischen verliert sich in der Weite der Nacht. Das Blut pulst durch seine Hände, er fühlt das Leben, fühlt es nah und hart, es ist unbeschreiblich. Unbeschreiblich. Grausam.
Dann sind die Trommeln verschwunden. Mit einem Male ist es ruhig, so wunderbar ruhig. Er liegt auf einer Liege, nackt, durch das offene Fenster strömt die Melodie der Straße, wie durch eine offene Wunde, schmutzig, staubig. Die Hitze drückt auf seine Haut, der Rausch ist vorüber. Eine Mücke, fett, vollgesogen, sitzt auf seiner behaarten Brust, seine Hand erschlägt sie, das warme Blut spritzt über die Haut. Er atmet schwer, ein schwaches Aroma liegt noch in der Luft, wie wilder Mohn, doch der Gestank wird langsam stärker, süßlich, modrig. Lange liegt er dort, Stunden, Tage, bewegt nur die Augen, erkennt den Stuhl, den schwarzen Spiegel an der Wand, das schiefe Regal mit seinen Büchern, die riesenhaften, starren Käfern, die er mitgebracht hat aus Afrika. Damals, als die Trommeln begonnen haben. Und er merkt, wie sie lauter werden. Die Straße ruft ihn. Er muss hinaus.

 
Falk Osterloh, Berlin