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Kowalski
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Wednesday, 14. November 2007
Post von Kowalski
 
 
Meine Liebe zu Kowalski ist ein großes Geheimnis.

Das ist auch gut so, schließlich sind wir beide verheiratet. Nicht miteinander, wohlgemerkt. Genau genommen sind Kowalski und ich nicht einmal liiert. (Obwohl er manchmal mit leisem Schmunzeln bemerkt, dass wir uns in manchen Situationen verhielten wie ein altes Ehepaar.)
Das ist gut so, da wir beide im Licht der Öffentlichkeit stehen. Aber auch privat werden wir strengstens beäugt. Seit Jahren schon. (Man kann vor seinen Nächsten schließlich kaum verbergen, dass man sich 2x wöchentlich mit jemand anderem trifft. Auch, wenn wir es nicht heimlich sondern ganz öffentlich während Kowalskis Arbeitszeiten tun. Natürlich bleibt die Tür zu seinem Zimmer in der Zeit für andere verschlossen, aber alle wissen, dass ich dann bei ihm bin.)

Meine Liebe zu Kowalski ist ein so großes Geheimnis, dass nicht einmal Kowalski weiß, dass ich ihn liebe.

Vielleicht ahnt er was, immerhin mache ich seit Jahren schon dezente Andeutungen darüber, aber er lehnt es vehement ab, über dies Thema näher zu sprechen. Deswegen weiß ich natürlich auch nicht, was genau Kowalski für mich empfindet. (Aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich es auch gar nicht so genau wissen. Denn ich ahne, dass er mir nicht die gleichen Gefühle entgegenbringt.) Dabei ist für Kowalski sonst eigentlich kein Thema zu brisant, er scheint kaum ein Tabu zu kennen, wenn wir uns unterhalten und ich glaube, ich darf mit Fug und Recht behaupten, dass ich in den Gesprächen mit Kowalski auch viel über mich erfahren habe.

Meine Liebe zu Kowalski ist wirklich das einzige Geheimnis, das ich vor ihm habe.

Abgesehen davon gibt es nur ein ganz paar Dinge, die ich bei Kowalski bislang nicht angesprochen habe. Aber Kowalski meint sowieso, es sei ja gut, noch kleine Geheimnisse zu haben. (Aber immer, wenn wir an so einen Punkt kommen und er das sagt, möchte er eigentlich doch ganz genau das wissen, was ich ihm nicht erzähle.) Und Kowalski kann ganz schön hartnäckig sein in seinen Fragen. Solange es nicht um uns geht.

Am Anfang, als ich noch nicht so genau abschätzen konnte, wohin mich die Beziehung zu Kowalski führen würde, war ich natürlich sehr vorsichtig und vage in meinen Äußerungen. Und da unsere gemeinsame Zeit immer sehr knapp bemessen war, ging ich nach kurzer Zeit dazu über, Kowalski zwischen unseren Treffen lange Briefe zu schreiben. Natürlich hat Kowalski mir niemals zurückgeschrieben, aber ich wäre wirklich sehr ungerecht, wenn ich jetzt behauptete, Kowalski hätte mir niemals geantwortet.
Nein, Kowalski antwortet schon. Aber Kommunikation mit Kowalski ist ein hartes, schwieriges Geschäft. Auf einen von seinen Sätzen kommen schätzungsweise 100 von mir (die geschriebenen mitgerechnet). Ja. Ich habe halt ständig das Bedürfnis, mit ihm zu reden. Und dann schreibe ich ihm eben. Ich weiß, dass er alle meine Briefe liest, auch wenn er mir nicht zurückschreibt. Er lässt es in unsere Gespräche einfließen, dass er sie gelesen hat (nein, falsch, er lässt mich wissen, dass er sie bekommen hat).
Jetzt bin ich wirklich sehr ungerecht. Ich weiß genau, wannwoweshalb unsere Kommunikation manchmal gestört ist. (Und er weiß es auch! Nämlich immer dann, wenn das Gespräch auf meine Gefühle für ihn kommt.) Wenn ich ihm schreibe, ist nichts gestört. Kowalski allerdings sagt, ich schriebe gar nicht an ihn. Sondern an meine Vorstellung von ihm. Ich widerspreche. Obwohl er letztendlich Recht hat. Denn er hat (nicht nur) durch meine Briefe so vieles von meinen Hoffnungen, Wünschen, Sehnsüchten erfahren, von meinen Verlusten und Ängsten, von Widerständen, Verzagtheiten und der ganzen Wehmut und Melancholie manchmal in mir. Aber ich? Ich habe ihn immer nur erleben dürfen, wenn ich bei ihm war. Natürlich habe ich mit der Zeit gelernt zu sehen, wie es ihm geht, sobald ich ihm zum ersten Mal in jeder Begegnung in die Augen blicke. Heute weiß ich gleich, ob er angespannt ist, weil der bisherige Tag stressig war. Oder ob er selbst beim Treffen mit mir unter Zeitdruck steht, weil die Termine nach hinten drängen. Nicht immer gelingt es mir, mich davon auch wieder zu befreien, vor allem, weil ich mich selbst unter enormen Druck setze: Die Zeit, die kostbare Zeit mit ihm zu nutzen und nicht zu verplempern. Kowalski also sagt auch heute noch oft, ich schriebe gar nicht an ihn. Sondern an meine Vorstellung von ihm.

Stichtag ist heute: Ich habe Kowalski 225mal geschrieben in den ganzen Jahren. 225 Briefe. Nein, 224 Briefe plus 1 Postkarte. Aus London. Aus dem Freud-Museum. Mit Freuds Couch darauf. (Und meinem Kommentar auf der Rückseite, wie gerne ich einmal probegelegen hätte auf Freuds Couch. Aber das war natürlich nicht erlaubt. Auch für mich gab es da keine Ausnahme.) Trotzdem. 500 Seiten Briefe. Plus ein paar handschriftliche Seiten. Aber das sind sehr wenige. Stichtag ist immer: heute.
Zurück zu schreiben gehört nicht zu Kowalskis Job.
Und auch, wenn es mir immer leichter gefallen ist, meine Gefühle auf dem Papier auszudrücken als im direkten Gespräch, hatte ich mit fortschreitender Beziehung zu Kowalski immer öfter Probleme, meine Gefühle in BuchstabenWorteSätze zu bringen, weil ich eben doch nie richtig Antwort bekommen habe. Aber vor allem war es die Zeit! Ich bin so ungeduldig manchmal. Ich kann nicht einen Brief schreiben, wenn der auf dem Postwege 2 Tage braucht, um ihn zu erreichen und es noch mal 2 Tage dauert, bis wir uns wieder treffen. Dann sind die Momentaufnahmen meiner Gedanken vorbei, auch wenn sie dann schwarz auf weiß vor ihm auf dem Papier stehen.
Faxen hielt ich danach für eine bessere Idee. Schneller. Aber oft war miruns die Technik nicht gewogen und meine Faxe kamen nur halb bei ihm an. Und Kowalskis Reaktionen waren pragmatisch. „Seite 2 ist bei mir nicht angekommen, bitte schick sie doch noch einmal“, faxte er zurück. (Aber ich bekam immerhin Reaktionen!!!)
Natürlich tat ich das immer postwendend und sendete welche auch immer nicht bei ihm angekommene Seite noch einmal. Aber es endete schlimm.
Kowalskis Fax wollte meine Worte einfach nicht empfangen. (Eigentlich lag es wohl eher daran, dass mein Faxgerät stufenweise den Geist aufgab: Zuerst sendete es nicht mehr. Aber da konnte ich zumindest Kowalskis Kommentare noch empfangen.) Als mein Faxgerät schließlich auch keine Faxe mehr empfangen konnte, traute ich mich nicht, Kowalski um seine E-Mail-Adresse zu bitten, weil ich Angst hatte, damit zu sehr in seine Privatsphäre vorzudringen. Glücklicherweise gab er sie mir irgendwann von sich aus. (Ich interpretierte das als Zeichen dafür, dass er meine Briefe vielleicht doch vermisste). Aber ich habe ihm selten eine E-Mail auch tatsächlich geschickt. (Meine Hemmschwelle war zu groß.)
Nie habe ich es geschafft, die Grenzen von Zeit und Raum bei Kowalski zu überschreiten. (Dafür habe ich vermutlich ganz andere Grenzen verletzt.) Und mein Gefühl, Kowalski nehme mich manchmal nicht ganz ernst oder schlimmer, er mache sich (ein bisschen) über mich lustig, bin ich nie ganz losgeworden. Ebenso wie mein Gefühl, Kowalski sei mir eh immer einen winzigen Schritt voraus. Auch deswegen habe ich mich nie getraut, ihm in mehr als Andeutungen von meiner Liebe zu erzählen.

Jetzt, nach all den Jahren, sitzen wir manchmal zusammen und schweigen. Das liegt nicht daran, dass wir uns nichts mehr zu sagen hätten. Auch nicht daran, dass Kowalski mich kennt bis auf den Grund meiner Seele und oft keine Worte mehr nötig sind. Es liegt einzig und allein daran, dass ich das Geheimnis meiner Liebe immer noch tief in mir trage und er es immer noch ablehnt, darüber zu sprechen. Also bleibt mir oft nichts, als ihn anzublicken und das Gefühl des Moments zu genießen.
Ich habe uns oft beobachtet in den letzten Wochen. Wir sind beide älter geworden mit den Jahren und auch äußerlich haben wir uns verändert. Während ich mit der Zeit immer schlanker wurde, hat Kowalski einen kleinen Bauch bekommen. Und seine Haare sind inzwischen ganz grau (während sich bei mir glücklicherweise erst einzelne graue Strähnen zeigen). Auch Kowalskis Zimmer, in dem wir uns treffen, ist nicht mehr das gleiche wie am Anfang, denn Kowalski ist zwischenzeitlich umgezogen. (Ich weiß noch, dass ich damals lange brauchte, um mich an den neuen Raum zu gewöhnen, weil ich das alte Zimmer so vermisste. Es war ein eigenartiges Gefühl von Traurigkeit, weil ich damals dachte, Kowalski würde mir etwas mir so vertraut gewordenes wegnehmen.)
Ein paar Dinge, die wir uns ganz am Anfang vorgenommen haben, konnten wir nicht erreichen. (Kowalski hat mich nie weinen sehen.) Und ich weiß immer noch nicht genau, wie es sich anfühlt, wenn wir beide uns umarmen, weil ich mich nicht traue, genau hinzuspüren, wo Kowalski seine Hände an meinen Körper legt.
Aber was ich seit einiger Zeit spüre, ist, dass wir uns trennen müssen. Denn so langsam ersticke ich daran, ihn nicht lieben zu dürfen und manche Begegnungen mit ihm entpuppen sich jetzt als eher schmerzhaft denn wohltuend. Den Gedanken einer Trennung jedoch finde ich kaum auszuhalten und ich habe es hinausgezögert, ihm von diesem Gefühl zu erzählen.
Aber: Stichtag ist immer: heute.
Als wir uns heute verabschiedeten, sagte ich, dass es noch eine Sache gäbe, die ich ihm irgendwann gerne erzählen würde. Da nahm Kowalski mich ganz fest in den Arm. Und dann schrieb er mir den Satz „Du, ich mag dich.“ auf einen kleinen Zettel (Schmierzettel). Den habe ich jetzt gerade zuhause eingescannt und werde ihn als Bildschirmhintergrund benutzen.
Ich habe ihn auch ausgedruckt. (Und in einen kleinen Briefumschlag getan).

Das ist jetzt ein bisschen so, als hätte ich auch einmal Post bekommen.
Post von Kowalski.

Heike Hartmann-Heesch