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Künstler-Portraits
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Thursday, 14. February 2008
Autoren:
Heike Hartmann-Heesch
Florian Tietgen
Autor

Florian Tietgen


Wie bist du zu „deiner Kunst“ gekommen?

Beim Schreiben kann ich das gar nicht beantworten. Ich habe schon als Grundschüler Kinderkrimis in meine Schulhefte geschrieben, da ich das aber nicht durfte, habe ich diese hinterher immer zerrissen, bevor es jemand merkte und ich Prügel bekam.
Zu malen habe ich erst während einer stationären Therapie im Sommer 1992 begonnen.


Wann hast du deine erste Geschichte/dein erstes Gedicht geschrieben, dein erstes Musikstück komponiert oder dein erstes Bild gemalt? Kannst du dich an das Thema erinnern? Gab es einen besonderen Anlass?

Nein, es gab keinen besonderen Anlass. Meine ersten Geschichten waren von den Büchern Enid Blytons inspiriert. Später, so mit 13 ungefähr habe ich dann Liedtexte geschrieben, die ich aber erst mit 15, als ich eine Gitarre bekam, vertont habe.


Hast du literarische/künstlerische Vorbilder?

Es gibt eine Menge Autoren, die ich sehr gern lese und die mich sicherlich auch beeinflusst haben. Ein kontinuierliches literarisches Vorbild habe ich nicht, eher passiert es mir, dass ich ein Buch lese und denke, so würde ich gern schreiben können. Das war zuletzt bei Steinhöfels „Die Mitte der Welt“ der Fall. Es kommt auch vor, dass ich ein Buch lese und denke, so habe ich mir diese oder jene eigene Idee vorgestellt, hätte mich aber nie getraut, es so umzusetzen. Das war zum Beispiel bei Murakamis „Kafka am Strand“ der Fall, das mich ermutigt hat, auch surreale Elemente in alltägliche Geschichten zu integrieren.
Für die Malerei habe ich gar keine Vorbilder, da male ich zu sehr aus dem Bauch heraus, würde gern besser zeichnen können und mag so unterschiedliche Maler wie Klee, Miro, Klimt, Friedrich und Grünewald.


Welches Buch hast du zuletzt gelesen? (Welchen Film gesehen, welches Theaterstück oder welche Ausstellung, welches Konzert besucht?)

Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich seit September gar kein Buch mehr gelesen habe. Im Sommer habe ich zuletzt parallel von Christoph Peters „Kommen und gehen, manchmal bleiben“ und von Murakami „Blinde Weide, schlafende Frau“ gelesen, immer wenn ich mich mal im Stadtpark in die Sonne legen konnte. Im Theater habe ich zuletzt „Woyzek“ in der Basilika gesehen, im Kino „Hallam Foe“. In einer Ausstellung war ich leider ewig nicht.


Hast du schon ein Buch veröffentlicht? Oder deine Werke ausgestellt, öffentlich vorgespielt/musiziert?

Beides. Im Januar/Februar 1996 habe ich in der Zinnschmelze unter dem Titel Zwischen(t)raum meine Bilder ausgestellt. Nach diversen Kurzgeschichten in Anthologien habe ich im November 2007 meinen Roman „Auf einen Schlag“ veröffentlicht.


Wie dringend brauchst du Feedback?

Sehr dringend. Es ist für mich Motivation und erleichtert mir die zum Schreiben notwendige Disziplin. Bei längeren Schreibprojekten suche ich mir deshalb immer zwei bis drei arme Geschöpfe, die während der Entstehung schon lesen und leider oft auf die Fortsetzung warten müssen.


Wenn du dich nicht künstlerisch betätigen dürftest, was würdest du stattdessen tun?

Ich weiß es nicht. Ich muss mich in allem immer wieder kreativ austoben. Dürfte ich mich nicht künstlerisch betätigen, würde ich wahrscheinlich völlig ausgefallene Pullover in selbsterfundenen Mustern stricken.


Wo arbeitest du? Brauchst du einen „festen“ Platz? Brauchst du bestimmte Rituale, z.B. bevor du anfängst zu schreiben?

Ich habe ein Arbeitszimmer. Was ich vor allem brauche, ist die Gewissheit und Ruhe, mehrere Stunden Zeit zu haben. Oft fange ich an, indem ich das Geschriebene des Vortags überarbeite, zwingend ist das aber eher aus dem praktischen Grund, so wieder in die Atmosphäre einzutauchen. Eine ganze Zeit habe ich auch mein Notebook immer auf dem Wohnzimmertisch stehen gehabt und beim Fernsehen geschrieben. Das ist immer dann besonders schön, wenn ich einer geregelten Erwerbstätigkeit nachgehe. Tue ich das gerade nicht, ist es besser, sich aus dem Schreiben selbst die Tagesstruktur zu bilden.


Kannst du von deiner Kunst leben? (Wovon lebst du? Wie lebst du?)

Nein, leider nicht. Ich arbeite in einem Sportverein. Angefangen habe ich dort als Aktivjobber, ab März werde ich in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen, für das noch Einzelheiten geklärt werden müssen, damit ich wieder konzentrierter zum Schreiben komme als während der Aktivjobzeit. Ich lebe in einer kleinen, sehr unordentlichen 2 ½ Zimmer Dachwohnung zur Miete.



Gibt es Prägungen aus deinem familiären Umfeld, die sich in deinen Werken zeigen? (z.B. bestimmte Personen, die auftauchen, vielleicht auch bestimmte Personen, die deinen künstlerischen Werdegang von Anfang an begleitet haben?)

Mein Urgroßvater väterlicherseits, den ich zwei- oder dreimal in meinem Leben gesehen habe, hat grauenhafte Gedichte geschrieben, beide Eltern haben eine kreative Ader für Dekoration, alle drei haben mich sicherlich geprägt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Mit meinem Urgroßvater verbindet mich in erster Linie dessen Einsamkeit suchende Empathie und Spiritualität, meine Eltern haben mich auch durch eher dunkle, wenn auch völlig unreflektierte Pädagogik geprägt.


Was inspiriert dich? (Welche inneren und äußeren Faktoren beeinflussen deine Kreativität positiv oder negativ?)

Inspiration finde ich in fast jeder Anregung, das können Nachrichten, Pressemeldungen oder Gedanken unter der Dusche sein. Innere und äußere Unruhe beeinflussen meine Kreativität negativ, da ich mich dann nicht in meine Arbeit fallen lassen kann.


In welchem Kulturkreis bist du aufgewachsen? Inwieweit war das förderlich/hinderlich für deine Kunst?

Kulturkreis ist mir fast zu wenig genau, da das ja nur nach westlich, asiatisch, orientalisch etc. unterscheidet. Ich bin in den sechziger/siebziger Jahren in einem Hamburger Stadtteil aufgewachsen, der weder im Zentrum noch am Rand liegt. Zwischen Gefängnis, Friedhof und Flughafen. Als Teenager oder junger Mann habe ich immer gedacht, diese typischen drei- oder viergeschossigen Mehrfamilienhäuser aus Klinker, ein paar alte Einfamilienhäuser dazwischen, Einkaufsstraße mit Edeka, Produktion, Drogerie, Schlachter, Fischhändler und Gemüsehändler sind so langweilig, so normal, dass ich alle beneidet habe, die in irgendeiner Wildnis, auf dem Lande oder in einschneidender zu beschreibenden multikulturellen Stadtteilen aufgewachsen sind und daraus die Geschichten ziehen können. Inzwischen liebe ich es, genau in diesem Milieu von Mittelstandsbürgerlichkeit, nahe am Alsterlauf, zwischen Schrebergärten und Supermärkten Geschichten anzusiedeln. Das ist sogar für Horrorgeschichten geeignet. Was ich zunächst also als hinderlich empfunden habe, empfinde ich jetzt als förderlich.


Welche fünf Adjektive charakterisieren dich überhaupt nicht?

Durchsetzungsfähig, selbstbewusst, ehrgeizig, mutig, cool


Gibt es drei „Dinge“, die du überhaupt nicht kannst?

Oh, da gibt es viel mehr. Ich kann überhaupt nicht witzig sein, bin kein Partymensch und steige auf keine Leiter. Und ich kann nicht „bitten“.


Welche drei großen Träume möchtest du dir erfüllen?

Eine (möglichst positive) Besprechung von Elke Heidenreich, vom Schreiben leben zu können, ohne es als Beruf erdrückend zu empfinden, die Verfilmung eines meiner Bücher.


Hast du ein Lieblingszitat, -spruch, Vers oder Buch, welches vielleicht zum Wahlspruch, Lebensmotto geworden ist?

Nein, jedes Zitat wird als Lebensmotto flach und eindimensional.



Fragen zum Thema „Kunst“ (allgemein):

Was ist für dich Qualität? Gibt es für dich objektive Maßstäbe, um die Qualität von Kunst zu beurteilen?

Nein, selbst Sprachgefühl ist ja letztlich subjektiv. Auch mein Maßstab, nachdem sich die Qualität von Kunst daran bemisst, wie sehr es dem Künstler gelingt, das Private ins Allgemeine zu erhöhen, ist sehr subjektiv. Handwerk, egal, ob in der Kunst oder Literatur, ist wichtig, ergibt für sich aber noch keine Kunst.


Was fehlt in der Kunst oder der Kunst? Was ist deiner Meinung nach das größte Problem des modernen „Kunstbetriebs“?

Inhalt und Substanz, aber gerade das macht sie zurzeit auch wieder zu einem perfekten Zeitspiegel und damit zur Kunst. Es ist schwierig, Kunst muss einerseits konsumierbar bleiben, andererseits an Tiefe gewinnen, ein oft nicht aufzulösender Widerspruch. Aber ich bin sicher, dabei handelt es sich auch um einen Pendelschlag. Mal geht es in Richtung abgehobener, kaum verständlicher Inhalte, mal in Richtung Unterhaltung und manchmal pendelt sie sich zu unterhaltender inhaltlicher Substanz ein.


Wie hast du vom Verstärker erfahren? Welche ähnlichen Projekte kennst du?
Durch die Hamburger Spätlese. Keine.



Mehr Infos unter
www.floriantietgen.de und
www.aufeinenschlag.de

Lieber Florian, vielen Dank für dieses Interview!

Heike Hartmann-Heesch


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