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Thomas Lang zeigt mit "Unter Paaren": Wer alles beantwortet, hinterlässt Fragen PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Thursday, 14. August 2008

Zwei alte Schulfreunde treffen sich nach Jahren in der Pampa nahe Köln. Beide waren einst in dieselbe Frau verliebt. Mit dem einen, mit Per, lebt Rafa noch heute zusammen. Doch auch der andere, Pascal, bringt eine Frau (die Spanierin Inita) mit, die als Außenstehende - in einer griechischen Tragödie wäre sie der blinde Sehende - Unordnung in die wohlsortierten Verhältnisse bringt und schonungslos offen ihren Blick hinter die Fassaden kommentiert. Aus dem Psychogramm von Überkreuz-Beziehungen entwickelt sich beiläufig ein Thriller, denn Inita verschwindet spurlos, und ein Junge, der das Haus ständig umschwärmt, wird schwerverletzt aufgefunden.

Der Titel „Unter Paaren" erinnerte mich zuerst an einen Filmtitel: „Unter Geiern". Und die Assoziation erscheint gar nicht so weit hergeholt. Denn auch die Handelnden des Romans umkreisen sich ständig und warten auf einen Fehler des anderen.

Parallel wird die Geschichte auf zwei Zeitebenen erzählt. Wie Thomas Lang das gelingt, wie er damit vorgreift und doch nicht zu viel verrät, zollt Respekt. Und: insbesondere die Szenen in Kursivschrift, die sich als Videointerview erweisen, lenken die Assoziationen in Richtung Drehbuch. Man reagiert nur, reagiert auf Fragen, die der Leser nicht hört; Kulissen werden gerade so beschrieben, wie die Kamera sie erfasst. Doch auch die Haupthandlung wirkt durch die knappen Hauptsätze oft wie eine Regieanweisung für ein Bühnenstück. Das mag durchaus ein dramaturgischer Kniff sein, denn wo sonst als auf der Bühne wird ein Geschehen so auf wenige Personen fokussiert, wo entwickeln sich die Dinge so konzentriert auf nur 200 Seiten? Das Buch also: ein Experiment - vier Personen, in einen Käfig gesteckt, auf eine Bühne gestellt. Die Versuchsanordnung: ein Hamsterrad, in dem sich die Protagonisten notfalls zu Tode laufen. Ein Experiment ist auch die Sprache: auffallend viel Lautmalerei (Tierlaute, Lachen) und Dialoge wie Referate, als habe der Autor aus Lehrbüchern oder Katalogen (aus denen immerhin die eine oder andere Einleitung stammt) abgeschrieben. Und doch sind diese Referate nichts anderes als Kommentierungen von Ahnungslosigkeit und Fehleinschätzungen. Und formal sind sie auch eine Variation zum Gebrauchsanweisungsstil seiner mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten und sich sehr aktuell mit dem Thema Sterbehilfe befassenden Geschichte „Am Seil". All diese Experimente lassen das Buch denn aber auch etwas sperrig geraten.

Auffallend an „Unter Paaren" ist auch das häufige Vorkommen diverser Insekten, auf dem Lande, inmitten von Wäldern und Weiden freilich nichts Ungewöhnliches. Bei Lang jedoch hat alles Symbolkraft. Hier sind sie eine Metapher für den Einfall in eine wohlgeordnete Zivilisation, den Einbruch in die sterile Soap Opera-Welt, die der Autor da auf die Bühne gestellt hat. Auch so ein Punkt, der das Experimentelle deutlich macht: das Setting, der Hintergrund der handelnden Personen könnte durchaus auch einem Groschenroman-Schreiberling als Grundlage dienen. Wie passend dazu das Cover des Romans: die Figuren verschwimmen vor dem Hintergrund gestochen scharfer Konsumartikel, in diesem Falle Autos. Der Autor geht hier bewusst ein Risiko ein. Lange war ich mir sicher, dass Thomas Lang sich dieses Risikos beim Schreiben bewusst war. Doch der überflüssige Epilog, der den Leser in eine Friedefreudeeierkuchenwelt entlässt, ließ mich denn doch ein wenig zweifeln. Meint Lang es ernst? Dreht er dem Leser eine Nase? Am Schluss hätten Fragen bleiben sollen, die Fragen beantwortet hätten, wie es ihm bei „Am Seil" meisterlich gelungen ist. Hier aber wird alles beantwortet, doch der Leser ist ratlos.

 

Thomas Lang, Unter Paaren, C. H. Beck Verlag 2007, 202 Seiten, ISBN 978-3-406-55610-4