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Flecken in der Jeans + andere erschütternde Vorkommnisse beschäftigen Christian Bernhardt „tagelang" PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 4
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Thursday, 14. August 2008

Der Roman „tagelang" ist für ein Debüt ein erstaunlich dichter Text, auch wenn es Ansichtssache bleibt, was man unter „dicht" verstehen möchte. Denn was Christian Bernhardt auf 182 Seiten an Handlung zu bieten hat, ist nicht viel: es hat einen Unfall gegeben, ein Auto hat sich überschlagen, sie liegt seit Tagen im Koma, er sitzt zu Hause und versucht, sich an die Ereignisse zu erinnern, versucht zu ergründen, wie es zu dem Unfall kommen konnte, welches ungewöhnliche Ereignis ihn unachtsam werden ließ. Doch viel kommt nicht zusammen: eine fremde Zahnpastatube im Bad, ein Flug der Lebensgefährtin in eine andere Stadt, vorgeblich zu einem Vorstellungsgespräch, sie im Fitnessstudio, er mit einem Ölfleck in der Jeans.

Der Roman kreist auf verstörende, nein: quälende Weise um die Leere im Leben eines jungen Paares, ein Leben, in dem nichts und niemand einen Namen hat und alles austauschbar ist: die Reihenhaussiedlung und ihre Einrichtung, die steril wie in einem Werbekatalog beschrieben wird, die Straßen, die Waldwege, das Einkaufsparadies, das Auto. Auch wenn man glaubt, die Zahnpastasorte oder den Namen der Supermarktkette anhand der umfangreichen Beschreibungen zu erkennen, kann man sich doch nicht sicher sein. Es verschwimmt alles, obwohl es doch klar ist und detailliert auseinandergenommen wurde: es verschwindet und wird anonym wie die Satellitensiedlung, weil Bernhardt allem die Namen raubt. Selbst die Zeit verschwindet. Manchmal entsteht der Eindruck, der Autor beschreibe eine futuristische Gesellschaft, aber nein: „tagelang" spielt im Jetzt.

Die Beschreibungen jedoch sind auch der Schwachpunkt des Romans. Sie sind nicht nur umfangreich, sondern bisweilen auch umständlich. Kleinste Details werden von allen Seiten beleuchtet, die Leere im Leben des Protagonisten wird gefüllt mit der Schilderung noch der kleinsten Nebensächlichkeit, doch übertreibt der Autor gelegentlich. So kann man seitenweise dem Waschen der ölverschmierten Jeans beiwohnen inklusive der enervierend bemüht wirkenden Beschreibung der Waschmaschinenbefüllung. Andererseits sind Flecken in der Jeans auch jene Art von Problemen, die unüberwindbar werden in einer Welt, in der die Industrie für alles eine Lösung anbietet, freilich ohne Gewähr: das Fleckensalz löst keine Flecken, und das Automodell, das „in jeder Situation und bei jeder Beanspruchung perfekt funktioniert, geradezu von selbst funktioniert," ist eben „nicht für das Geradeausfahren in Kurven geeignet". Flecken in einer Jeans sind möglicherweise jener Schmetterlingsflügelschlag, der die Welt kollabieren lässt oder wenigstens einen Autounfall verursacht.

Die Metapher vom Schmetterling im Einkaufsparadies, der sich von winzigen Geruchsmolekülen statt von Werbebotschaften lenken lässt und ein Schmetterlingsweibchen findet, mit dem er in den Himmel aufsteigt, unterstreicht dabei gleichzeitig die Trostlosigkeit der verhandelten Existenzen.

Dialoge gibt es übrigens so wenige wie in einem finnischen Film, und auch das Wenige ist überflüssig. Wo nichts einen Namen hat, gibt es auch nichts zu besprechen. Die Beziehung: eine Zweckgemeinschaft. Der gemeinsame Hauskauf: eine Finanzinvestition, beim Kauf bereits den reibungslosen Wiederverkauf einkalkuliert.

Dieser höchst artifizielle, streng komponierte, trockene und selten ironische Roman wirft eine Menge Fragen auf und beantwortet keine einzige: der Unfallhergang bleibt eine Mutmaßung und die Freundin im Koma (ihr Schicksal wird auf wunderbare Weise mit dem einer TV-Serienheldin verbunden), und ob sie eine Affäre hatte, ob sie ihn verlassen wollte oder was ihre Handlungen bedeuten sollten - es bleibt im Dunkeln. Der Text ist ein ungeschnittenes Gedankenband, ist der Versuch, einer namenlosen und also austauschbaren Existenz einen Sinn und Individualität zu geben, ein Leben anzufüllen. Doch letztlich bleibt dem Protagonisten nur Google Earth, um auf gespeicherte Bilder zu schauen, die aus der Ferne Einmaligkeit simulieren und in denen er „mit Gewissheit oder Gewohnheit" sich selbst findet, doch der Zoom auf ihn hinterlässt einen zutiefst trostlosen Eindruck, und es ist von Anfang an klar: Bernhardt meint nicht den Einen, er meint die Masse der sich redlich mühenden, karrieremachenden, reihenhausbesitzenden, nächtens fernsehenden oder Kontoauszüge sortierenden Menschen in einer zunehmend uniformierten, im Gleichschritt der Werbebotschaften trabenden Gemeinschaft. Das zeigt er eindrucksvoll und ohne bei seiner Konsumkritik den Zeigefinger zu schwingen, doch er mutet seinem Helden und seinen Lesern dabei einiges zu.

 

Christian Bernhardt, tagelang, Liebeskind 2004, 182 Seiten, ISBN 3-935890-20-6