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Robbie Williams unter der Dusche PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Tuesday, 26. August 2008
Robbie Williams unter der Dusche
 
 

Das erste Mal wurde ich angesprochen, als ich gerade am Ende der Seebrücke stand und die Schiffe am Horizont zählte. Ich kam bis sechzehn, als mich ein Mädchen antippte: „Bist du nicht MC Kowalski?“ „Wer soll denn das sein?“ fragte ich zurück.
„Schon gut“, murmelte sie und wandte sich ab.
Damit war die Sache für mich erledigt. Ich begann meine Zählung von vorn und hatte den Vorfall vergessen, bevor ich erneut beim sechzehnten Schiff war.
Das Wasser schien auf mich zuzustreben, und ich schwankte, obwohl ich fest auf Holzbohlen stand. Am Meer, heißt es, begegne man sich selbst. Keine schlechte Idee. Einholen. Rasten. Den Urlaub hatte ich mir schließlich verdient.
Der Wind wehte mir hartnäckig um die Ohren, er hielt nichts vom Postkartenwetter. Irgendwann bekam ich Ohrenschmerzen und beschloss, erst einmal zurück in die Stadt zu gehen.
Ich kam an einem Ehepaar vorbei, das seinen schätzungsweise 13jährigen Sohn in den Urlaub mitgezwungen hatte, und bemerkte, dass der Blick des Jungen an mir kleben blieb, ein Gaffen mit halb geöffnetem Mund, als hätte ich mir eine Strandkrabbe auf die Nase gezwackt.
„Ist irgendwas?“ fragte ich den Jungen im Vorbeigehen.
„Mann eh, du hier? Cool!“
„Ich hier? Na und?“ Ich sah mich um. Es stand niemand hinter mir. „Du verwechselst mich bestimmt.“ „Eh, ich geh in die Asche, wenn du nich MC Kowalski bist!“
Ich erinnerte mich an das inzwischen verschwundene Mädchen.
„Na, dann geh mal in die Asche, wenn du hier welche findest“, antwortete ich, unbeeindruckt von den Geißelungen, die sich der Junge auferlegen wollte. „Ich bin kein MC und auch kein DJ, auch wenn Plattenauflegen bestimmt eine tolle Arbeit ist.“
Der Familienvater fuhr mit seinem Arm wie ein Architekt bei der Projektpräsentation durch die Luft und erklärte seiner Frau die Weite der Welt.
„Wie, Plattenauflegen?“
„Macht das ein Diskjockey heute nicht mehr?“
„Doch schon, aber du ... also MC Kowalski war doch ständig auf MTV und so und hat eigene crazy Sachen gemacht, vor dieser Geschichte in Sibirien.“
„Tja, wie du merkst, kenn ich meinen Zwillingsbruder nicht einmal“, sagte ich. „Und in Sibirien war ich auch noch nie. Trotzdem noch einen schönen Tag.“
„Hm. Tschö dann.“ Er wirkte enttäuscht, weil er in der Schule nichts zu berichten hatte. Zurück in der Stadt, bestellte ich mir in einem Straßencafé einen Latte Macchiato. Ich hatte ihn noch nicht vor mir stehen, als ich auf der Straße drei Mädchen bemerkte, die verstohlen auf mich zeigten und kicherten, als würden sie Robbie Williams unter der Dusche beobachten.
„Kann ich euch helfen?“ fragte ich schließlich.
Die Blondeste von allen fasste sich ein Herz.
„Können wir ein Autogramm bekommen?“
„Von mir? Klar. Aber lasst mich raten: ihr wollt eigentlich eins von MC Kowalski?“
„Und wir dachten, du wärst tot.“
„Ach was. Das tut mir leid. Ich muss euch enttäuschen: ich weiß inzwischen, dass ich dem Kerl offensichtlich verdammt ähnlich sehe, aber ihr habt trotzdem den Falschen erwischt.“
„Echt jetzt?“
„Echt jetzt. Was macht der eigentlich für Musik?“
„Du kennst MC Kowalski nich? Was bist'n du für einer?“
Mein Latte Macchiato wurde gebracht.
„Also“, insistierte ich, „was macht er für Musik?“
„Na, HipHop und so.“
„Ach, das, wo die Jungs einfach auf eine Melodie sprechen?“
„Sprechen?“ Die Wortführerin war entsetzt. „Die rappen.“
„Natürlich, klar. Na ja, wie gesagt.“
„Können wir trotzdem'n Autogramm haben und'n Foto machen?“
Am nächsten Tag gab ich bereits ohne Aufforderung Autogramme in meinem Strandkorb und ließ mich bereitwillig bebadehost und besonnenbrillt mit wildfremden Leuten in lustigen Posen fotografieren. Quadratische Mädchen taxierten meinen Hintern. Es erwies sich als besser, nicht mit meinen Fans zu diskutieren.
Ich war hierher gekommen, um meine Ruhe zu haben, allein unter Fremden, ein Stein im Wasser, ich wollte mich durch die Straßen und in die Cafes und an den Strand spülen lassen und nicht dauernd mit jemandem über meinen Scheintod in Sibirien sprechen müssen und darüber, ob ich hier ein Konzert geben würde. Aber ich habe etwas beschlossen: ich gehe in einen Musikladen und höre mir eine CD von diesem Kerl, von diesem Phantom an. HipHop ist ziemlich einfach, glaube ich, man braucht nur ein bisschen Rhythmusgefühl. Ich versuche, eine Karaoke-CD zu besorgen, und dann gebe ich hier verdammt noch mal ein Überraschungskonzert. Tote leben eben länger. Vielleicht springt bei dieser ganzen Geschichte auch für mich noch etwas heraus. Wer weiß?