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Musikrezensionen
Prädikat „Göttlich“ - Stars „Set Yourself On Fire“ PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Sunday, 31. August 2008

Prädikat „Göttlich" - unter diesem Titel möchte ich in loser Folge Musikalben vorstellen, die für mich von nachhaltiger Bedeutung sind. In Teil 2 geht es um „Set Yourself On Fire" von den kanadischen STARS.

Am Anfang ihrer CD „Heart" von 2003 stellen sich die Stars zu Beginn mit Namen vor und ergänzen, einer um den anderen: „ ... and this is my heart". Diesmal mit Gefühl - nach einem dance-lastigen Debütalbum zeigt „Heart" mit diesem Prinzip schon, wohin die Reise mit dem 2005er Nachfolger „Set Yourself On Fire" gehen wird.

Denn auch darauf wird jede Menge Herzblut vergossen. Die Kanadier klingen dabei, als hätte es Belle & Sebastian schon in den frühen 80ern gegeben: sorgfältig instrumentiert, eine ausgewogene Mischung aus Gitarre, quietschigem Synthi und Tupfern diverser Akustikinstrumente (vor allem Streicher). Beim ersten Hören dachte ich mir noch: ganz nett. Aber diese LP verdient ein drittes und viertes Hinhören, erschließt sich erst nach mehrmaligem Goutieren und im Zusammenhang mit den Texten. Und siehe da: schließlich war es ein grandioses Album, das Abschied und Ende atmet, so traurig schön. "When there's nothing left to burn you have to set yourself on fire": wenn die Leidenschaft abhanden kommt, kann man's gleich ganz und gar lassen und alles hinwerfen. Die Songs dieser Platte zeugen davon, dass es für die Selbstverbrennung der Bandmitglieder keinen Grund gibt. Wer aber nur die Musik hört, verpasst die Hälfte, und die beiden Hälften dieses Albums - die Musik und die Texte - ergeben in diesem Falle mehr als ein Ganzes. Es geht um Liebe, Leidenschaft und Tod. Songtexte wie vom Ende eines Lebens, vom Ende eines Lebensabschnittes jedenfalls, fast schon abgeklärt und mit jeder Menge Understatement vorgetragen, und doch endet das Album mit den Worten "I'm alive! I'm alive ..."

Die CD ist ein Fundus, ein Album, dessen Songs ganze Landschaften abbilden, durch seine Vielseitigkeit in Tempo und Instrumentierung, wie Sichtachsen, die in einer Straßenkurve plötzlich den Blick auf ein weites Gelände freigeben. Ich denke da an den Titelsong, der mit Synthie-Gefrickel beginnt und gegen Ende plötzlich wegbricht und ganz ätherisch verhaucht. Ich denke an "One More Night", wo bei den Worten "you'll never touch him again" plötzlich ein Gitarren-Störfeuer einsetzt. Ich denke an "The Big Fight", ein herrliches Duett, das mit einem Instrumentalteil endet, welches gut und gern als eigenständiges Stück gelten könnte. Diese Band beherrscht ihr Handwerk und versteht es noch, Melodien zu ENTWICKELN. Und apropos "Duett": sehr gut ergänzen sich die Stimmen von Torquil Campbell und Amy Millan und harmonieren bestens mit den Instrumenten, keiner drängt sich hier narzistisch in den Vordergrund. Um noch einmal auf die Sichtachsen zurückzukommen: beim Hören hatte ich gelegentlich Assoziationen zu This Mortal Coil, Prefab Sprout und den frühen Sachen von Boas Voodooclub inkl. Pia Lund. Keine Ahnung, was davon im Plattenschrank der Stars steht. In Kanada jedenfalls treiben sie sich nebenbei auch in der legendären Broken Social Scene herum, ein Kreativpool ohnegleichen, in dem auch die wundervolle Leslie Feist gelegentlich zum Mikrophon greift.

Hier haben wir es wirklich mit STARS zu tun, egal, wie erfolgreich sie sich verkaufen mögen. In Amerika ein wenig besser, wie man hört, sind sie hierzulande eher ein Geheimtipp. Und, nebenbei gesagt, sehr sympathische Menschen „zum Anfassen", also auch live empfehlenswert. Prädikat "Göttlich" für meine Entdeckung2005/ 2006!

Stars „Set Yourself On Fire", erschienen bei Arts & Crafts (2005)