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Rezensionen
Jana Scheerer nimmt's nicht nur persönlich, sondern wörtlich: Mein Vater, sein Schwein und ich PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 8
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Geschrieben von Steffen Roye   
Thursday, 25. September 2008
Dieses Debüt hat aber mal Spaß gemacht! Dünn ist es, 148 Seiten dünn und viel zu schnell ausgelesen, aber diese kurze Zeit ist keine Verschwendung.
Die Kapitelüberschriften verraten bereits, wo die Reise hingeht: „Während ich geboren wurde, jagte mein Vater einen Grizzlybären“, „Mit acht Jahren rettete ich meinen Vater aus unserem Wohnzimmer“ oder „Als ich zwanzig war, brauchte ich jemanden der auf meine Zähne aufpasste“. In abgeschlossenen Kurzgeschichten wird eine Biographie erzählt, die in alltäglichen Situationen dem Absurden und bisweilen Surrealistischen nachspürt. Selten genug in der deutschen Literatur: in einem Ton der Naivität und Verwunderung erzählt Jana Scheerer wahnsinnig komische Geschichten, ohne sich in die Katakomben der Comedy hinabzubegeben. In meiner Lieblingsgeschichte gekommt sie beispielsweise Günter Grass zum Geburtstag geschenkt, „in durchsichtige Folie gehüllt saß er in seinem Sessel neben dem Geburtstagstisch“. Infantil wie der Vater botet er die Kindergeburtstagsgesellschaft aus und gewinnt die „Reise nach Jerusalem“. Das titelgebende Schwein hingegen, ein Mietschwein, mischt die Familie ordentlich auf: „'Das ging doch so nicht weiter', sagte meine Mutter, 'man kann doch ein Schwein nicht in einem Sessel halten.' - 'Drehsessel', sagte mein Vater. 'Es hat sich besonders gerne gedreht.'“ In einer anderen Geschichte engagiert der Vater einfach einen Mann, der den Exfreund der Tochter doubeln soll, wie dieser reumütig in die Familie zurückkehrt. Oder man erfährt, wie die Familie mit einem von höchster Stelle zugeteilten Rentner verfährt. „'Aber keine Angst', sagte der alte Mann, 'Sie müssen sich nicht alleine kümmern. Außer Ihnen ernähren mich drei Arbeitnehmer.'“ Das illustriert am deutlichsten, welcher Schalk Jana Scheerer da im Nacken hockt: genüßlich geht sie den Wörtern und Wendungen auf den Grund, sie nimmt es nicht nur persönlich, sondern wörtlich.
Klar und schnörkellos, doch keineswegs spröde erzählt Jana Scheerer die ungeheuerlichsten Geschichten voller Witz und Tempo und zeigt auf hinreißende und kurzweilige Art, wie man es in diesem Lande trotzdem zu etwas bringt. Gerade hat sie ihren neuen Roman fertiggestellt. Er erscheint irgendwann 2009: man darf ehrlich gespannt sein.
Jana Scheerer, Mein Vater, sein Schwein und ich. Roman, Schöffling & Co. 2004. 148 Seiten, ISBN 3-89561-350-9, seit 2008 auch als Hörbuch erhältlich (Verlag Audio Pool, ISBN-13: 978-3868471038)