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Buch: "Gut gegen Nordwind" von Daniel Glattauer PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 9
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Monday, 29. September 2008

nord.jpgEigentlich möchte Emmi Rother, überaus glücklich verheiratet, leicht hysterisch und ziemlich egozentriert, nur ihr Abo der Zeitschrift „Like“ kündigen. Per E-Mail. Doch durch einen Tippfehler im Adressfeld landet ihre Nachricht bei Leo Leike, gerade mal wieder unglücklich getrennt von immer derselben Frau. Nachdem Emmi, in Wahrheit eigentlich Emma, weitere Nachrichten an den Verlag schickt und diese ebenso wieder bei Leo landen, klärt dieser sie höflich über ihren Lapsus auf.Damit beginnt ein temporeicher, atemberaubender (und damit für den Leser kurzweiliger) E-Mail-Wechsel zwischen den beiden, der sehr schnell den schmalen Grat zwischen völliger Fremdheit, unverbindlich-koketter Nähe und höchster Intimität überschreitet, wie es wohl nur im Rahmen der elektronischen Post möglich ist, in dem es kein reales sondern ausschließlich ein virtuelles Gegenüber gibt. Schnell kommt der Punkt, an dem die beiden sich doch kennen lernen wollen, treffen, sehen, erkennen wollen, allerdings ohne sich dabei zu erkennen zu geben. Also verabreden sie sich in einem vollbesetzten Café, das beiden die Möglichkeit gibt, den anderen eventuell zu entdecken, trotzdem gleichzeitig in der Anonymität zu bleiben … Um später wenigstens einen Eindruck von der Stimme des anderen zu erhalten, verabreden sie, sich gegenseitig auf den Anrufbeantworter zu sprechen, um sich danach wieder per Mail darüber auszutauschen …  

Zugegeben, die Story klingt etwas konstruiert, sie liest sich aber keineswegs so. Es gelingt dem Autor, die „Handlung“ (ich betone die Anführungszeichen) pointiert und stilsicher (ja, es gibt auch Richtlinien zum Verfassen von E-Mails!) voranzutreiben, die zumeist kurzen und knappen E-Mail-Dialoge haben Witz, Charme und sind zum Teil durchaus scharfsinnig. Es ist sehr leichte Lektüre; der Leser ist und bleibt Voyeur der Geschichte. Anders als in früheren Zeiten, als man Briefromane schrieb und las und dabei tief in die Gedankenwelt und Gefühle der Sender und Empfänger hineingezogen wurde (denen auch eher der Untertitel „Roman“ zusteht!), bleibt dem Leser hier durch die knappe Form sehr viel Raum, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen, ebenso dadurch, dass die beiden Hauptakteure letztlich nur Stereotype bleiben. Auch ein möglicher Ausgang der Geschichte lässt von Beginn an nur wenige Alternativen zu, von denen Glattauer m.E. die simpelste und damit schwächste Möglichkeit gewählt hat, alle anderen Ausgänge hätten schlicht mehr „Arbeit“ für ihn bedeutet: klarere und präzisere Zeichnung der Charaktere, tiefere psychologische Einblicke und Erklärungsversuche – und gerade das lässt vermutlich die E-Mail-Form eben nicht zu! 

Dennoch: „Gut gegen Nordwind“ (auch dieser etwas seltsam anmutende Titel erklärt sich im Laufe der Geschichte) ist spannend zu lesen – wer kann sich schon davon freimachen, dass es natürlich spannend ist, sich dem Gefühl hingeben zu können, anderer Menschen Post zu lesen, anderer Menschen intime Post, wohlgemerkt? 

Erschienen als Goldmann Taschenbuch 2008, ISBN 9783442465866, 224 Seiten, € 7,95
geb. Ausgabe: Deuticke im Zsolnay Verlag 2007, ISBN 9783552060418, € 17,90
Hörbuch: Hörbuch Hamburg 2007, ungekürzte Lesung, 288 min., (Sprecher: Andrea Sawatzki und Christian Berkel), ISBN 9783899038, € 24,95 

PS: Ein Trost für die Leser, die am Ende doch enttäuscht über den Ausgang zurück bleiben: Der Autor hat für das Frühjahr 2009 die Fortsetzung angekündigt …Bleibt zu hoffen, dass der Wind dann noch öfter aus nördlicher Richtung bläst (und Emmi am Einschlafen hindert). 

(hhh)