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Wenn Nelli kommt PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Wednesday, 15. October 2008
Leseprobe aus Version 19

Wenn Nelli kommt

Grafik : Detlef Heesch ©
Grafik : Detlef Heesch ©

Auf dem Heimweg von der Werkstatt hatte Tomberg sich, wie häufig nach der Arbeit, noch kurz auf seine Lieblingsbank gesetzt und eine Zigarette gedreht. Von hier aus hatte man einen besonders guten Blick über den Hafen, und Tomberg konnte stundenlang beobachten, mit welch erstaunlicher Geschwindigkeit die kleinen Schlepper Containerschiffe und Frachter in die verschiedenen Becken bugsierten.
Weil er noch nichts mit dem Abend anzufangen wusste, war er länger als gewöhnlich sitzen geblieben. Und weil er im Grunde auch noch nicht genau wusste, was er mit der vor ihm liegenden freien Woche anfangen sollte, hatte er sich entschieden, auf Nelli zu warten. Der Gedanke, so lange auf der Bank sitzen zu bleiben bis Nelli kommt, war ihm in der Reihe der in Erwägung gezogenen Vorhaben sofort plausibel erschienen, und so war er sitzen geblieben. Die sommerlichen Temperaturen hatten ihm das Sitzenbleiben über die Nacht hinaus erleichtert, denn Nelli war an diesem ersten Abend nicht erschienen.
Am Morgen schmerzten Tombergs Knie und Schultern ein wenig, und da er davon ausgehen musste, dass Nelli auch heute noch nicht kommen würde, machte er sich einen Plan, wie die Zeit auf der Bank angenehm zu verbringen sei. Zunächst rief er Carla an und bat sie, ihm einen Pullover, ein paar belegte Brote und Tabak zu bringen. Carla hatte zwar nicht genau verstanden, warum ihr Bruder vorhatte, längere Zeit auf einer Bank zu sitzen, aber sie packte alles in eine Reisetasche, dazu eine Tüte Erdnüsse und ein paar Zeitschriften und fand gegen Mittag jene Bank, die er ihr beschrieben hatte.
„Was machst du hier? Warum bist du nicht auf dem Darß? Du wolltest doch angeln fahren!“
„Ich hab‘s mir anders überlegt. Ich habe eine Art Wette geschlossen, eine Abmachung mit mir selbst: Ich werde hier so lange sitzen bleiben bis Nelli kommt.“ „Wer, um alles in der Welt, ist Nelli?“
„Ich hab sie vor ein paar Wochen kennen gelernt. Sie ist, na ja, wie soll ich sagen... sie ist...“
„Das ist ja großartig!“, freute sich Carla, ohne wirklich verstanden zu haben, wer oder was diese Nelli für ihren Bruder war. „Und wann kommt sie?“
„Irgendwann wird sie zufällig hier vorbeikommen, und so lange bleibe ich hier sitzen.“ Carla fand die Vorstellung romantisch, dass eine Frau ihren eigenbrötlerischen Bruder zu einem derartigen Verhalten veranlasste.
„Ah, Telepathie“, kicherte sie. „Du willst herausfinden, ob sie spürt, wo sie dich finden kann.“
„Mm“, machte Tomberg und sah nachdenklich hinaus zu den großen Trockendocks.
Am Dienstag saß Tomberg noch immer da - von Nelli keine Spur. Wenn sie dann irgendwann endlich kommen würde, dann, wusste Tomberg, dann beginnt etwas, dann geht es richtig los. Dann wird er ein paar grundlegende Dinge ändern, die Werkstatt verkaufen, die Balkonkästen bepflanzen, den Segelflugschein machen, das Bandoneon stimmen lassen und natürlich mit dem Rauchen aufhören.
„Meinen alten Kachelofen reparieren, und wieder mit Konrad reden?“ Carla konnte kaum glauben, wie diese Nelli ihren Bruder verändert hatte oder verändern würde, wenn sie denn endlich käme. Aber sie begann auch, sich Sorgen zu machen, ob Nelli in der unübersichtlich großen Stadt tatsächlich irgendwann zu jener einen Bank finden würde, auf der Tomberg wartete.
„Warum rufst du sie nicht an und gibst ihr wenigstens einen Tipp? Dass sie dich suchen soll, oder so.“
„Sie soll mich gar nicht suchen, sondern zufällig vorbeikommen. Irgendwann kommt jeder hier mal vorbei, weil man von hieraus den besten Blick auf den Hafen hat.“
Und außerdem habe er ihre Telefonnummer auch gar nicht, erklärte Tomberg.
„Sie ist gar nicht deine Freundin?“ Carla wurde schlagartig bewusst, dass sich unter den neuen Umständen der Verweigerungszustand ihres Bruders noch geraume Zeit hinziehen konnte, weit über die Betriebsferien seiner Fahrradreparaturwerkstatt hinaus.
Tatsächlich baumelte das Schild „geschlossen bis 31.08.“ auch noch Mitte September in Tombergs Ladentür, und Nelli schien bislang keine Sehnsucht nach dem stadtbesten Hafenblick verspürt zu haben. Tomberg hingegen kannte mittlerweile jeden Werftkran und jede Verladebrücke so gut wie seine eigenen vier Wände, die selbst er seit drei Wochen nicht mehr betreten hatte. Der Zustand des Wartens behagte ihm und entschädigte ihn adäquat für den entgangenen Angelurlaub. Hier, wo er tagein, tagaus Zeuge steter Bewegungen unzähliger Schiffe aus weit entfernten Ländern werden konnte, wuchs in ihm eine Vorfreude auf das Leben, das er beginnen würde, wenn Nelli eines Tages käme. Nun war es nur noch eine Frage der Zeit, wann er aufstehen und die Sache in Angriff nehmen würde. Das versuchte er auch Carla zu erklären, die alle zwei Tage vorbeikam und mit Blick auf die nahende kalte Jahreszeit besorgt nach Nelli fragte.
Steffen Tomberg war an sich kein einfältiger Mensch. Er hatte das Leben immer pragmatisch betrachtet, und seine Entscheidung, von nun an auf Nelli zu warten, gehorchte im Grunde dem gleichen Pragmatismus.
Er hatte Nelli auf einer WG-Party in Görlitz kennen gelernt. Sie war ihm aufgefallen, weil sie beobachtend in einer Ecke gestanden und schließlich Nick Hornby aus dem Bücherregal gezogen hatte. Später hatte sie ihm ein Bier geöffnet und einem der anderen Gäste erzählt, dass sie bald nach Kanada auswandern werde. Es hatte ihm gefallen, wie sie dabei auf den Füßen gewippt und dass sie nicht pausenlos geredet oder an ihrer Kleidung gezupft hatte, wie all die anderen Frauen.
Ja, nun auf dieser Bank zu sitzen und die Zukunft von Nellis Ankunft abhängig zu machen, war aus Tombergs Sicht eine sinnvolle Entscheidung gewesen.
Er wunderte sich, dass er nicht schon viel eher auf diesen Gedanken gekommen war, denn jetzt, da er Pläne schmiedend auf deren Erfüllung wartete, nahm er den Zustand des gefahrlosen Wartens als einen ihm von jeher zugehörigen Ausdruck war.
Gelegentlich kamen Freunde vorbei, brachten etwas zu Trinken oder ein Kartenspiel mit und ließen sich von Tombergs Plänen erzählen. Einen Kutter werde er bauen, seine alten Platten verkaufen und wieder mit dem Zeichnen beginnen. Und sie machten Baupläne für den Kutter, Finanzierungspläne für die Zeit nach der Fahrradwerkstatt und warteten auf Nelli. Fast jeder kommt in seinem Leben einmal an dieser Bank vorbei, Einheimische wie Touristen. Das versicherte Tomberg jedem Skeptiker. Er hielt es jedoch für ratsam, Nellis neue Heimat vor seinen Freunden und seiner Schwester unerwähnt zu lassen. Wenn auch in den sechs Wochen, die er jetzt auf dieser Bank saß, bereits zwei kanadische Studenten vorbeigekommen waren, hielt sich die Wahrscheinlichkeit, dass er mit dem Leben in absehbarer Zeit beginnen würde, doch in überschaubaren Grenzen.
Im November war es vorübergehend einmal unangenehm feucht geworden, und Tomberg nahm sich vor, wenn Nelli käme mehr für seine Abwehrkräfte zu tun.
Im Dezember hatte Carla wiederholt versucht, ihn von seiner Entschlossenheit abzubringen, aber Tomberg hatte sie mit obskuren Wahrscheinlichkeitstheorien hinhalten können.
Im Januar, als Tomberg sich schon gänzlich sicher wähnte, kam Nelli.
Er hatte gerade ein paar Tabakfäden aus dem Päckchen gezogen, als er sie in der Ferne erblickte, sofort erkannte und erschrocken innehielt.
Einen Kutter bauen, die Balkonkästen bepflanzen, wieder mit Konrad reden ...vielleicht erkennt sie mich nicht! Das Bandoneon stimmen lassen, Carlas Kachelofen reparieren, mit dem Rauchen aufhören... vielleicht biegt sie vor der Brücke noch ab!
Nelli bog nicht vor der Brücke ab. Sie näherte sich seiner Bank, blieb überrascht stehen - „Hey, haben wir uns nicht im Sommer auf Andis Party kennen gelernt?“ - und nahm Tomberg alle Gründe.


 
Dorothea Beckmann