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Clemens Meyers "Die Nacht, die Lichter": A man's man's man's world PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 10
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Geschrieben von Steffen Roye   
Friday, 26. December 2008
Afrika, sagt man, habe starke Frauen, die die Familie versorgen und für Einkommen sorgen, und schwache Männer, die dem Alkoholismus verfallen sind und trotz ihrer desolaten Lage den Macho raushängen lassen. Kitsch? Folklore? Und bei uns? Wundert es, dass Clemens Meyers (ost)deutsche Stories in „Die Nacht, die Lichter“ bis auf eine („Es kommt ein Schiff“) von gestrandeten Männern handeln? Überhaupt, das muss an dieser Stelle einmal festgestellt werden und betrifft auch sein Debüt, ist Meyers Literatur männlich: die Themen, die Art zu schreiben. Man spürt, diese Stories haben Eier. Die Nacht: It's a man's man's man’s world.
 
Selten habe ich nach der Lektüre eines Buches einen Titel für so treffend befunden wie bei dieser Kurzgeschichten-Sammlung, auch wenn er vordergründig dem Titel einer der Geschichten entlehnt ist. Er gibt doch einige Assoziationen auf.
 
Zunächst (soviel Plattitüde muss sein): wer Meyers Debütroman „Als wir träumten“ mochte, wird auch etwas mit seinen Stories anfangen können. Sie kreisen – nicht immer, aber oft - um dieselben Milieus, streifen immer wieder einzelne Aspekte des Romans, wie Laternen an einer nächtlichen Ausfallstraße, die vorbeiziehen und kurz das Wageninnere ausleuchten; Drogen, Knast, Boxen, Liebe gegen Geld spielen wieder eine Rolle. Und apropos: in welche Zeit verortet man denn Träume gemeinhin: in die Nacht.
 
Die Nacht, die Lichter, das bedeutet: jede Story ist eine Reise in nachtfinstere Abgründe, die der Autor nach Belieben für diesen oder jenen Ausriss ausleuchtet, doch jeder Figur wird auch das Menschliche belassen. Ist es gerade das, was sie scheitern lässt?
Oft geht es darum, sich und den anderen etwas vorzumachen, und es bleibt Meyers Aufgabe, Licht ins Dunkel zu bringen. Oder dem Leser zumindest Hinweise zu geben, denn nicht immer legt der Autor sich eindeutig fest, er lässt Geheimnisse, unausgeleuchtete Ecken, lässt einem Schicksal die Wahl, außerhalb von Meyers Schlaglichtern die Geschicke der Helden in die eine oder die andere Richtung zu biegen.
 
Die Nacht, die Lichter: der Titel ist poetisch, fast zärtlich – es irren also jene, die den Autor wie Amelie Fried für einen Literatur-Proll halten. Sicher, Meyer hat seinen Protagonisten aufs Maul geschaut, und man kann sich nie ganz sicher sein, wie viel in seinen Geschichten authentisch, selbsterlebt ist. Doch darum muss es auch nicht gehen. Hinter der sprachlichen Authentizität verbirgt sich Poesie, nicht Gosse, verbirgt sich eine Liebe zur Sprache, zum Fabulieren, zum Schleifen von Sätzen.
 
Um die Nacht und ihre Lichter geht es in fast allen Geschichten auch ganz vordergründig. Clemens Meyer ist eindeutig ein Nachtmensch. Immer wieder spielt Dunkelheit eine Rolle, Nacht, auch geistige Umnachtung, etwa durch Drogensucht. Und immer wieder ziehen die Lichter einer Nacht die Aufmerksamkeit der Erzählerpersonen auf sich, als würden die Laternen das Licht anziehen, statt es auszustrahlen: Männer, die unter Laternen warten wie in einem Humphrey Bogart-Film, verrauchte Kneipen und Boxringe, verschlafene Straßen, die jeden Schritt widerhallen lassen, Männer, die in unbeleuchteten Zimmern sitzen oder in Zugabteilen. Meyer findet viele beeindruckende Bilder für die Einsamkeit und die Vereinsamung der Menschen und dafür, wie sie versuchen, mit dieser Einsamkeit klarzukommen, wie sie versuchen, ihr bisschen Würde zu bewahren, zu verteidigen.
 
Die Anordnung der fünfzehn Geschichten ist auch ein Spiel mit den Erwartungen der Leser: nee, nee, so einfach macht es Meyer eben doch nicht. Denn entgegen der gängigen Kritik am Buch endet beileibe nicht jede Geschichte dramatisch und schlimm. Und doch hat jeder Plot, wie es Meyer in Talkshows formuliert, eine Relevanz. Das unterscheidet ihn von dem anderen großen sächsischen Autor dieser Tage, von Ingo Schulze. Dass Meyer in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, war nur folgerichtig. Er hat ihn verdient, trotz seines bislang noch überschaubaren Oeuvres.
 
Licht, mehr Licht, soll der größte deutsche Dichter gesagt haben, bevor er in die ewige Nacht hinüberdämmerte. Meyer beleuchtet, was beleuchtet werden muss. Ist es perfide Absicht des Autors oder nur mein persönliches Empfinden, dass ausgerechnet die deprimierendste Geschichte, „Der alte Mann begräbt seine Tiere“, die auch den Schluss des Buches bildet, um die Mittagszeit spielt? Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht und die Schatten am kürzesten sind, wenn alles für kurze Zeit klar und bestens ausgeleuchtet vor dem Betrachter ausgebreitet liegt – doch was nützt das einem wie dem alten Witwer Albrecht, was seinen Hühnern, seinem Hund Kurt?
 
Clemens Meyer, Die Nacht, die Lichter, S. Fischer Frankfurt a. M. 2008, 266 Seiten, ISBN 978-3-10-048601-1