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Rezensionen
Roman des Beinahe - Ulla Lenze: Archanu PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 10
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Thursday, 1. January 2009
„Keine Gewissheiten bitte“ steht am Beginn des neuen Romans von Ulla Lenze in einer E-Mail der 18jährigen Marie an Ganto. Der ist Sektenberater mit eigener esoterischer Erfahrung und soll sie davon abhalten, nach Morgenstadt zu fahren, dem Zentrum einer heilsverkündenden Kommune auf einer Tropeninsel, vielleicht bei Thailand. Natürlich fährt sie trotzdem: der Roman erzählt auf zwei Ebenen von ihren Erlebnissen und dem Verhältnis, das sich zwischen Marie und Ganto entwickelt. Hier wie dort drohen die Dinge zu entgleiten: auf Archanu, der Insel, eskalieren die Spannungen zwischen den Heilssuchern („Menschen mit ungeschnittenen Fußnägeln und gelber Hornhaut vom langen Knien“) und den Einheimischen, denn „auf der ganzen Insel ist der Kolonialismus Vergangenheit“, so Ganto, „nur nicht in Morgenstadt, diesem etwas zu groß geratenen Bioladen, diesem Pseudo-Utopia, in dem das Morgen ungestört am Gestern hängen kann“. Und Marie fühlt sich von Ganto angezogen, auch wenn sie erst auf Seite 202 (von 235) das Wort findet, „das so gut erklärte, warum Ganto die Macht hatte, mich zu verletzen: Liebe.“ Selten wird Marie so konkret. Keine Gewissheiten bitte - das ist jedoch nicht nur ihr Problem. Und so ist „Archanu“ auch ein Roman des Beinahe.
 
Lenze schreibt aus der Sicht eines Teenagers und wendet einen Kniff an, um sich trotzdem komplex artikulieren zu dürfen. Maries Eltern sind Spezialisten für antike Philosophie: „Daher meine Neunmalklugheit.“ Und der Sektenberater ist ein Deal: „Sonst gebe es kein Geld für die Reise.“ Auf diese Art werden beiläufig Verbindungen geknüpft, die anderswo bemüht wirken. Das ist, was mir an dem klug komponierten Roman besonders gefällt: hier entsteht eine komplexe Geschichte aus sich selbst. Und Marie behält trotzdem das Jugendliche, das Suchen und Irren, die Unsicherheit, das möglichst Unverbindliche: „Ich würde mich nie trauen, Endgültigkeiten zu stiften, ich lasse mir lieber so viele Türen offen wie möglich.“
 
Auffallend ist, dass die Personen um Marie meist Männer sind. Ihr Freund Simon ist dabei der am wenigsten plastische; warum sie mit ihm zusammen ist, erschließt sich nicht. Neben Ganto nehmen ihr Soziologielehrer (sic!) Reich und später, in Morgenstadt, vor allem der Journalist Aidan und Toskim, einer der Lenker der Enklave, sowie der etwa gleichaltrige Post-Hippie Hendrik wesentlichen Raum ein. Nicht nur die (eigentlich rein „geschäftsmäßige“) Beziehung zu Ganto, auch die zu Aidan und Hendrik, ist stark sexuell aufgeladen, aber – selten genug in der modernen Literatur! - die Autorin nutzt die Gelegenheit nie zu Schlüpfrigkeiten, es bleibt beim Ätherischen, beim Möglichen: keine Gewissheiten bitte.
 
Gern habe ich Lenzes Roman auch deshalb gelesen, weil die Sprache – abgesehen von den etwas einfältig wirkenden Namen für Insel und Sektenstadt - frisch und aufregend sind: sie erzählt von „Frauen wie verlassene Häuser“ oder von Haaren, „auftoupiert wie geschlagene Sahne“; sie beschreibt „eine geschlossene Sänfte, die auf mich zuschwebt wie ein Walfisch über Land“ und lässt ihren Lehrer in seiner Tasche wühlen „wie in einem Topf mit Losen, aber heraus holt er stets Brille und Buch, die Nieten seiner Zunft“.
 
Ulla Lenze erzählt leichthändig, unterhaltsam, konsequent. Und natürlich, auch wenn Marie immer wieder betont, dass sie nur „aus Spaß den Ton einer bereits Gehirngewaschenen anschlage“, ist sie doch mehr infiltriert, als ihr lieb ist, und so endet der Roman offen und ganz in Maries Sinne: „Fang du an“ - eine Aufforderung zu allem Möglichen, nur keine Gewissheiten, bitte.
 
Ulla Lenze: Archanu. 235 Seiten. Ammann Zürich 2008. 19,90 €