Die aktuelle Ausgabe    
des Verstärkers -    
Auszüge jetzt    

hier!    
Musikrezensionen
Prädikat „Göttlich“: Sinead O'Connors „Universal Mother“ erzählt vom Häuten der Zwiebel PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 14
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Sunday, 4. January 2009
Prädikat „Göttlich“ – unter diesem Titel möchte ich in loser Folge Musikalben vorstellen, die für mich von nachhaltiger Bedeutung sind. In Teil 4 geht es um Sinead O'Connors „Universal Mother“. Nicht ohne Grund: das Album wird heuer 15 Jahre alt.
 
Von meinem Begrüßungsgeld habe ich mir 1989 nichts weiter gekauft als zwei LPs. „The Lion And The Cobra“ lichterte da schon zwei Jahre herum, und „I Do Not Want What I Haven't Got“ war gerade frisch in die britischen Top 10 gestiegen und entwickelte sich auch hierzulande zum Bestseller. Beide Platten sind von Sinead O'Connor, die damals mit ihrer Glatze für einen Affront sorgte, den heute keiner mehr versteht. Eine Bigband-Band-Scheibe und eine aufsehenerregende Papstfoto-Zerreiß-Aktion später, veröffentlichte sie 1994 ihr viertes Album. Und für "Universal Mother" gibt es von mir nur Superlative zu verteilen: dies ist das beste Album, das Sinead O'Connor je gemacht hat. Und es ist das vielseitigste. Und das intimste obendrein. Nie wieder (und nicht zuvor) offenbarte sie so tiefe Einblicke in ihr verletzbares und verletztes Innenleben wie auf diesem Album. Völlig zu Recht wurde es zum Klassiker.
 
Das Intime und Persönliche macht sich nicht nur an den Texten fest ("I'm not no red football / To be kicked around in the garden / No no / I'm a red christmastree-ball / And I'm fragile"), sondern auch in den Arrangements der Songs. Fängt sie bei "Fire on Babylon" mit einem modernen Popsong an (der im übrigen mit ihrer Mutter abrechnet und einiges von dem erklären könnte, warum Sinead O'Connor so ist, wie sie eben ist), so geht sie dann zum Kammermusikalischen über ("John I love you" und "My Darling Child" sind ineinanderfließende Liebeserklärungen an Lebenspartner und Sohn, wobei ihre Mutterliebe doch ganz schön mit ihr durchgeht) und wird im Mittelteil immer spartanischer: beim Nirvana-Cover "All Apologies" gibt es nur noch eine Gitarre, "A perfect Indian" kommt neben ihrer sphärischen Stimme nur mit Klavierbegleitung aus, "In This Heart" beschränkt sich auf eine mehrstimmige irische A capella-Interpretation, und bei "Tiny Grief Song" schließlich bleibt nur noch eine übrig: Sinead. Schicht für Schicht wird eine Zwiebel abgetragen. Beeindruckend und gänsehauterregend.
 
Und dann überrascht sie zum Schluss doch noch mal mit einem hiphop-lastigen politischen Song ("Famine"), mit dem sie musikalisch wieder auf der Höhe der damaligen Zeit ankommt. Intim auch der Schlusssong - hier wendet sie sich direkt an ihre Fans: "Thank you for hearing me". Das klingt fast nach Abschied. Manches stand auf dem Spiel, auf der Kippe gar.
 
Neben all dem Persönlichen beeindruckt die musikalische Vielfalt und Detailverliebtheit, z. B. die Trompete bei "Fire on Babylon" oder die Spieluhr in "John I love you". Mein Fazit kann auch nach 15 Jahren nur lauten: Grandios! Göttlich! Eine selten gelingende Melange aus großartiger Musik, großartigen Texten, großartigen Arrangements, großartiger Interpretation und großartiger Produktion - hier ist sie gelungen!
 
Danach gab es übrigens, von der Öffentlichkeit unbeachtet, noch ein paar Alben, bis sich O'Connor, müde und zunehmend ideenlos, Anfang des Jahrhunderts verabschiedete und zurückzog. Und auch wenn sie sich inzwischen wieder zurückgemeldet hat – zunächst mit einem Reggae-Album und letztes Jahr mit christlicher Erbauungsmusik: wer sie in Konzerten erlebt hat wie ich vor etwa zwei Jahren in Berlin, der weiß, dass ihr Abschied ein dauerhafter war. Was sie jetzt macht, macht sie nur für sich und schert sich keinen Deut mehr um ein Publikum. Innere Immigration in Vollendung kann man das nennen.
 
„Universal Mother“ aber spricht zu ihren Hörern. Die CD ist der Schlüssel zum Verständnis einer der talentiertesten Künstlerinnen der letzten zwanzig Jahre. Ich verneige mich.
 
Sinead O'Connor, Universal Mother, Ensign / Crysalis Records 1994, noch lieferbar