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Wer Geschichte schreibt, ist längst kein Held: Ingo Schulze und „Adam und Evelyn“ PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 9
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Sunday, 15. February 2009
Mit „Adam und Evelyn“ hat Schulze sich bereits im letzten Jahr überpünktlich zum Mauerfall-Jubiläum in Stellung gebracht und empfiehlt sich so als wichtiger Gesprächspartner für Podiumsdiskussionen und Fernseh-Talkshows aller Art. Und doch wäre es unfair, ihm Kalkül vorzuwerfen, denn am Thema Wende arbeitet sich Schulze seit Jahren am liebsten ab.
 
Diesmal setzt er die Lupe im Sommer vor dem Mauerfall an und begleitet den Damenschneider und Schürzenjäger Adam und seine Lebensgefährtin Evelyn, die nach dem Entdecken einer der zahllosen Affären aus dem gemeinsamen Haus auszieht und den geplanten Ungarn-Urlaub statt mit ihm zusammen mit der besten Freundin nebst West-Cousin antritt. Doch Adam liebt Evelyn, trotz aller Seitensprünge, und reist der Urlaubsgesellschaft in seinem Wartburg "Heinrich" via Dresden und Prag hinterher.
 
Ungarn, das war immer ein exotischer und durchaus auch privilegierter Ort für DDR-Bürger, um Urlaub zu machen. 1989 jedoch war es für viele auch die Chance zur Republikflucht. Und so treffen im Roman verschiedene Ansichten aufeinander, die Verzweiflung mancher DDR-Bürger treibt schauerliche Blüten, und die schließlich geglückte Flucht bringt auch nicht nur Gewinner: neues Spiel, neues Glück.
 
Schulze hat einen ungewöhnlich leichten Roman zu einem gewichtigen Thema geschrieben. Das liegt daran, dass sich weite Teile der Handlung, der Motivationen und der Charakteristiken über Dialoge erschließen, Dialoge jedoch, in denen nicht philosophische Bonmots ausgetauscht werden, sondern in denen „frei Schnauze“ geredet wird und mit denen Schulze zeigt, wie banal doch selbst der Alltag von Republikflüchtlingen in spe war, bevor sie wissen konnten, dass sie damit Geschichte schreiben würden. Schulze geht das Wagnis ein, für trivial gehalten zu werden, und doch habe ich in letzter Zeit kaum ein Buch gelesen, das so nah an seinen Personen war wie dieses. Und Schulze zeigt auch, wie sich eine Menge Leute recht kommod in der Diktatur eingerichtet hatten und wie der eigentliche Mauerfall der Vorhut durchaus auch zu schaffen machte, weil dem einen zufiel, was der andere unter Gefahren, mindestens aber unter großen Ungewissheiten ertrotzt hatte.
 
Die schriftstellerische Qualität des Romans zeigt sich in der Verquickung mit der biblischen Geschichte von Adam und Eva, die einmal – schon in einer österreichischen Pension untergekommen – beim Lesen einer Bibel sehr direkten Bezug bekommt (herrlich: „Adam zog die Nachttischschublade auf. …’Da hat jemand was vergessen. Ne Bibel, ist ja komisch.’“), meist aber durch Analogien zustande kommt. So gibt es gleich zu Beginn eine dralle Kundin mit dem Kosenamen Lilith, eine Person freilich, die ob ihrer feministischen Haltung einst aus der Bibel herausgestrichen wurde. Und die Vertreibung aus dem Paradies: für Adam ist sie tatsächlich der Untergang des Abendlandes, es ist absehbar, dass er einer der sogenannten „Wendeverlierer“ sein wird, sein Einfluss lässt sich in der neuen Ordnung nicht aufrecht erhalten, zumal in einer neuen Heimat. Für andere wie Evelyn ist der Auszug aus dem, was ihnen Gott oder der Staatsratsvorsitzende als Paradies vorgaukeln, durchaus eine Chance. Und die biblischen Analogien setzen sich über jene Geschichte hinaus fort, erinnern doch Schulzes endlose Dialoge durchaus an die Metapher der babylonischen Sprachverwirrung, denn die flüchtig hingeworfenen Sätze lassen mitunter nicht beim ersten Lesen erkennen, wer gerade was sagt.
 
Auch wenn dich das Leben Geschichte schreiben lässt, macht es selten einen Helden aus dir. Das zeigt Ingo Schulze konsequent, und somit hat er sich seinen Platz in den diesjährigen Podiumsdiskussionen und Fernseh-Talkshows zum Mauerfall-Jubiläum verdient.
 
 
Ingo Schulze, Adam und Evelyn, Berlin Verlag 2008, 314 Seiten, ISBN-13: 978-3827008107, 18 Euro