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Langeweile, analog - zu Alfons Huckebrinks Roman "Königsberger Küsse" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Monday, 9. March 2009

Immer wieder wird Autoren die leidige Frage gestellt, wie viel der Stoff ihrer Bücher mit dem eigenen Leben zu tun hat. Wenn sich Alfons Huckebrink im Einband seines Romans Königsberger Küsse für ein Reisestipendium des Auswärtigen Amtes bedankt und seinen Helden dann vermittels Stipendium von Hannover nach Kaliningrad reisen lässt, kann man sich seinen Teil denken. Ein alter ego also?

Huckebrink macht sich jedenfalls erst einmal etwas jünger und räsoniert einleitend über das Altern. Und wie man im Alter versucht ist, sentimental zurückzublicken, ist auch der Roman sentimental: Kaliningrad, das hieß früher Königsberg, und der Held mit dem arg konstruierten Namen Crispin Farwick („Farwick" steht für „Heimweh") reist dorthin, um vor Ort für einen Roman über den napoleonischen Arzt Jean-Dominique Larrey zu recherchieren, der hier im Winter 1812/13 beim Rückzug der französichen Armee den Abtransport der Verletzten organisierte. Was Huckebrink für seine Geschichte nach Kaliningrad trieb, liegt auf der Hand, doch was sein Held dort zu finden hofft, bleibt unklar. Denn natürlich hat die Stadt seither nicht nur ihren Namen geändert. Und so ist dieser Roman einer Reise abgesehen von gelegentlichen Einsprengseln des Histörchens um Larrey eigentlich ein Reisebericht. Was im Lonely Planet auf 10 Seiten abgehandelt wird, walzt der Autor auf 162 Seiten aus: die Besichtigung der Sehenswürdigkeiten, die im Reiseführer jedoch durchaus unterhaltsamer beschrieben werden. Fast scheint es, als habe der Autor lediglich alle dort angegebenen Orte pflichtschuldig abgelatscht und in eine leidlich konstruierte Handlung ohne Konsequenz und rechten Höhepunkt gepackt: da fährt einer nach Kaliningrad, und am Ende reist er wieder ab. Dazu ein an den Haaren herbeigezogener Auftakt (zu dem ihm ein Fremder quasi die Aufsicht über eine schöne Russin aufträgt, in die Farwick, man ahnt es, sich verliebt), ferner ein bisschen Sehnsucht und ein bisschen Sex.

Den Eindruck der Lustlosigkeit und Einfallslosigkeit vermittelt in erster Linie die Sprache, die an keiner Stelle frisch oder poetisch ist. Metaphern missglücken meist, wie die in Betrachtung eines Hundes gemachte Bemerkung, „dass die russische Seele auf den Hund gekommen zu sein schien." Darin erschöpft sich denn der Humor des Buches. So zählt die Bemerkung einer „abnehmenden Lenindichte" und die Beobachtung der Menschen, die einen neu gestalteten Platz in Beschlag nehmen, zu den wenigen Höhepunkten des Buches. Und so stolpert die Geschichte durch eine sprachliche Wüste, ein Busfahrer „tobte sich immer öfter an der Hupe aus", besagter Hund ist ein „Leckermaul", Tomaten „wetteifern um ein ertragreiches Gedeihen", und bisweilen erreicht die Sprache gar jene Bräsigkeit, die man sonst nur von den Volksmusiksendungen des MDR gewöhnt ist: das Wort „beschaulich" hat Inflation, am Strand befindet man sich „im Kreis der Familie" und „die zahlreichen Sorgen blieben zu Hause". Da retten auch Spitzfindigkeiten den Roman nicht mehr, etwa dass die Perspektive Farwicks im Präteritum, die der geliebten Russin Valentina jedoch im Präsens geschrieben steht und dass der historische Teil im Winter, die Gegenwart jedoch im Sommer spielt und damit mehr oder minder subtil vermittelt wird, dass Farwick im Gestern wühlt (und natürlich noch immer analog fotografiert), die Russin jedoch im Heute verwurzelt ist, und beide selbstredend für ihre Nationen stehen. Und bei der blassen Sprache stecken eingestreute Fremdwörter wie „frugales Mahl" oder „olfaktorisch" wie Fremdkörper im Text.

Beim Lesen dachte ich, dass ich es hier mit dem verbesserungswürdigen Debüt eines Mittdreißigers zu tun habe. Weit gefehlt: Huckebrink hat die Mitte dreißig längst hinter sich gelassen, ist Autor mehrerer Bücher und scheint insbesondere in und um Münster sehr umtriebig zu sein. Damit bekam die ganze Sache für mich dann doch noch eine überraschende Wendung.

Alfons Huckebrink, Königsberger Küsse, 162 S., Sonderpunkt Verlag,12,90 €