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Buch: Daniel Glattauer "Alle sieben Wellen" PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 6
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Tuesday, 10. March 2009
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Dieser Roman ist die Fortsetzung zu Glattauers „Gut gegen Nordwind“ von 2006, dem Bestseller, prompt übersetzt in zahlreiche Sprachen und der auch als Hörspiel, Hörbuch und Theaterstück zum Erfolg wurde. Und wie das ja so ist bei Fortsetzungsdingern: Ich hab da ja immer so meine Vorbehalte.

Um es gleich vorwegzunehmen: Diese Vorbehalte waren hier nicht berechtigt.

Das sage ich nicht, weil ich momentan eh etwas angeschlagen und sehr nah am Wasser gebaut bin und mir so eine anrührende, berührende Story dann doppelt ans Herz geht, nein, wirklich nicht.

Kritisierte ich bei „Gut gegen Nordwind“ noch, dass die Story etwas konstruiert klingt und die Protagonisten letztlich Stereotype bleiben, so gelingt es dem Autor hier gleich zu Beginn, den Lesern das Gefühl zu vermitteln, er treffe jetzt gleich zwei gute alte Bekannte, die das Schicksal und die verschiedenen Lebenswege nun mal für neun Monate getrennt haben und nun aber wieder zusammenführen. Leo also kehrt nach knapp einem Jahr aus Boston zurück und ihn erwarten daheim diverse Nachrichten von Emmi auf seinem E-Mail-Konto, das die ganze Zeit seiner Abwesenheit deaktiviert gewesen ist. Nun aber suchen beide wieder den Kontakt zueinander, nehmen ihn wieder auf, intensivieren ihn gar, weil beide bemerken, dass sie die Gefühle füreinander nicht losgeworden sind. Nur: Emmi ist immer noch verheiratet (oder?) und auch Leo ist inzwischen ebenfalls liiert.

Wieder besteht der Roman nur aus den E-Mails, die zwischen Emmi und Leo (und ein paar Mal mit dessen automatisierten Systemmanager) hin- und hergehen, mit dem klitzekleinen Unterschied, dass sie sich zwischendurch wirklich und wahrhaftig treffen. Persönlich kennen lernen. Sich gegenübersitzen. Reden. Kaffee trinken. Sich zufällig berühren. Und sogar einmal, ja, einmal, Sex haben. Wie es dazu kam und warum danach dann erst mal Funkstille ist, die aber ja auch wieder aufgehoben wird, das lesen Sie besser selbst nach.

Die Dialoge sind wieder durchaus scharfsinnig, mit viel Witz und Charme. Diesmal allerdings nicht immer nur kurz und knapp, oft zwar, aber auch manchmal länger und richtiggehend tiefsinnig. Besonders – wie aber auch schon im 1. Buch – wenn Herr Leike sich (zuviel) seines Rotweins genehmigt oder Emmi drei Whiskeys nacheinander kippt. Scheint, als hätte sich der Herr Glattauer meine Kritik bzgl. klarerer und präziserer Zeichnung der Charaktere, tieferen psychologische Einblicken und Erklärungsversuchen zu Herzen genommen (ähem…).

Wunderschön diesmal auch die Wort- und Sprachspiele bzw. eher Wortkreationen (auch, wenn Sie diese jetzt vielleicht ad hoc nicht verstehen): „Handinnenflächenpunktberührung“ oder „Phasenaufklärungsbedürfigkeitsexperten“ (ersteres wird von Word nicht einmal unterkringelt!), die einfach nur Spaß machen zu lesen und die zeigen, dass Autor Glattauer auf jeden Fall eines hat: Sich genau so in seine Protagonisten verliebt wie die sich ineinander. Rettungslos und against all odds.

So lesen sich zauberhafte Liebesdialoge! So liest sich eine Geschichte, von der Sie auch dann alles mitbekommen, wenn Sie das erste Buch nicht gelesen haben.

Danke schön, Herr Glattauer, für ein paar kurzweilige und anrührende Stunden! Und: Ich will auch so einen Leo, der mir solch E-Mails schickt. Ich verspreche, emmigleich zu antworten! Ehrlich!


Glattauer, Daniel: Alle sieben Wellen, Deuticke in Zsolnay Verlag Wien 2009, ISBN 978-3-552-06093-7


PS: Schön fand ich auch, dass das Ende so ist, als würde es keine Fortsetzung der Fortsetzung geben. Oder aber Glattauer baut sich seine Brücken im nächsten oder übernächsten Jahr mit den Worten von Emmi: „Wo waren wir? Ach ja, beim „Ende“, warum ich mich nicht an „Ende“ halte, wenn ich „Ende“ sage: (…) Weil eben Ende nicht gleich Ende nicht gleich Ende nicht gleich Ende ist, Leo. Weil jedes Ende letzten Endes auch ein Anfang ist.“


© hhh 3-2008