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Die allgemeine Ödnis des Wirklichen beschreibt W. Genazino in "Das Glück in glücksfernen Zeiten" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Saturday, 11. April 2009

Gerhard Warlich ist promovierter Philosoph, im praktischen Leben jedoch hat es ihn in eine Großwäscherei verschlagen, in der er sich trotz - oder gerade wegen seiner Überqualifizierung - immerhin inzwischen zum Organisationsleiter hochgearbeitet hat. Und er lebt gemütlich zusammen mit Traudel, einer Bankfilial-Leiterin.

Sie ist die Macherin (er nennt es „starken Gestaltungsdrang"), er der Grübler und Sezierer; sie lässt seine Möbel in den Sperrmüll entsorgen, er beschäftigt sich damit, „hinter der ersten Wirklichkeit eine zweite und eine dritte" zu entdecken, in seiner Beziehung, seiner Arbeit, seinem Leben, das er gern halbtags leben würde, um sich in der zweiten Hälfte von der ersten erholen zu können. Sein Leben: „eine unhaltbare Sache". Und so ist der Roman und der Alltag eine Aneinanderreihung von Banalitäten, denen Warlich auf traurig-komische Art Bedeutung verleiht, ist ein inneres Aufbrausen, das nie nach außen gerät: bevor sein Zorn auf seine Umwelt trifft, ist er niederanalysiert. Er sei, sagt der Ich-Erzähler gleich am Anfang, dafür noch nicht verrückt genug.

Der Leser ahnt, dass das nicht ewig gut gehen kann. Heirats- und Kinderwunsch der Lebensgefährtin bringen ein sorgfältig austariertes Innenleben aus dem Gleichgewicht, die „unhaltbare Sache" eskaliert. Stellt sich Warlich zunächst noch vor, bei einer Begrüßung statt seiner Hand eine Scheibe Brot zu geben oder erfindet eine Notlüge mit dem Plan, eine „Schule der Besänftigung" zu gründen, so drängen die sorgfältig unterdrückten Manien schließlich doch nach außen: er reicht beim Kulturamt ein Konzept für seine Schule ein, und als er schließlich einer alten Bekannte tatsächlich zwanghaft eine Scheibe Brot in die Hand drückt, landet er in der Psychiatrie, wo nur die Medikamente ihn erneut niederhalten.

Genazinos Sprache ist, seinem Antihelden angemessen, klar und präzise, es dominieren Hauptsätze, Wörter und Wortgruppen werden geschliffen und abgeklopft auf ihren absurden und komischen Grundgehalt, immer wieder stehen sie wie schelmische Definitionen im Text, von der „allgemeinen Ödnis des Wirklichen" ist die Rede, von einem „Zwangsabonnement der Wirklichkeit", er vergleicht das Fernsehprogramm mit seinem Friseur ... Bisweilen wirkt die Sprache - etwa wenn es um Intimitäten geht - merkwürdig staubig: Warlich kann mit dem Heute wenig anfangen.

Das Buch pendelt zwischen Komik und Tragik, und Genazino tut in beide Waagschalen ein gleiches Maß hinein. Warlich findet das Glück in glücksfernen Zeiten ausgerechnet, als es ihm am dreckigsten geht, als er feststellt, dass er, trotz allem und immer wieder besonders im Kleinen, eine Wahl hat.

Wilhelm Genazino, Das Glück in glücksfernen Zeiten, Hanser Verlag München 2008, 158 Seiten, ISBN-13: 978-3446232655, 17,90 €