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Rezensionen
Wie man richtigen Kaffee kocht – das immerhin erfährt man in Jakob Heins „Vor mir den Tag“ PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 7
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Thursday, 21. May 2009
Was man nicht alles versucht, um seinen Platz im Leben zu finden und den Menschen kennen zu lernen, den man immer kennen lernen wollte. Boris versucht es mit einer Agentur für verworfene Ideen und hofft, in spätestens zwei Monaten am Ziel zu sein, denn so lange reicht sein Geld für die Ladenmiete. Und als tatsächlich ein äußerst attraktiver Fisch anbeißt, möchte ihn Boris gar nicht mehr von der Angel lassen und öffnet in seinen Erzählungen ein Fenster nach dem anderen. Und da dieses Buch ein Märchen ist, klappts auch mit der Nachbarin.
1001 Nacht trifft Goethes „Faust“: auf diese Formel könnte man Heins neuen Roman „Vor mir der Tag…“ bringen: ein Buch in einem Buch in einem Buch in einem Buch, eine literarische Matroschka, ein interessantes philosophisches Konzept mit wenigen Personen, aber auch eine Zumutung. Erst mit dem vierten Handlungsstrang, der Adaption von Faust und Mephisto (alias Heiner! Und Wolf!, so schwer will Hein es den Lesern dann auch wieder nicht machen) kommt das Buch in Schwung und offenbart echten philosophischen Tiefgang, den es wohl gern für den ganzen Text in Anspruch nehmen möchte. Die Zumutung für den Leser besteht indes in der ausgesprochen profanen Sprache, in der all die Geschichten präsentiert werden und die so gar nichts Literarisches an sich haben. So scheint es bisweilen, als sei der ganze Roman eine Schrift gewordene Agentur für die verworfenen Ideen von Jakob Hein, ein Pamphlet von seitenlangen Meinungsäußerungen über das Reisen, die Zukunft von Schallplattenläden oder die richtige Zubereitung von Tee und Kaffee. Oder treibt Hein gerade mit dieser Idee seinen Schabernack mit dem Leser? Immerhin lässt er eine seiner Personen, einen blinden Schriftsteller, ein wenig wie Thomas Bernhardt herumgranteln, was die Verlage heute so alles als Roman verkaufen (vor 20 Jahren hätte der Begriff auch auf diesem schmalen Buch nichts zu suchen gehabt). Viel zu spät jedoch bringt er interessante Ideen wie einen Computer mit thailändischer Tastatur ins Spiel, was mit wenigen Worten ein Drama unvorstellbaren Ausmaßes skizziert und eine der wenigen stimmigen Metaphern des Buches liefert.
Wie auch immer: Mich hat das Buch nicht überzeugt. Wenn das Tempo erst auf Seite 100 (von 170) stimmt, ist das zu wenig. Ein anderer Autor als der gelernte Arzt Hein hätte aus der Idee sicher mehr gemacht, und dann wäre der Stoff selbst dann interessant, wenn er auf die Königsdisziplin gestreckt würde: den 500 Seiten-Roman.
Jakob Hein, Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht. Piper München. 176 Seiten, 16,90 Euro, ISBN-13: 978-3492052078