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Das Finden von Stränden, von Steinen, von Glück - neue Bücher von Martina Hefter u. Jens Wonneberger PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 9
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Friday, 12. June 2009

Martina Hefters Roman Die Küsten der Berge beginnt mit einem Bild: jemand kommt aus einer Tankstelle und steckt sich eine Zigarette an. Die explosive Stimmung wird jedoch nicht aufrecht erhalten. Im Gegenteil: Die Küsten der Berge ist ein ereignisarmer Roman, angefüllt mit Reflexionen und der Suche nach einer verschollenen Freundin, die nur die Hauptperson selbst sein kann, der Teil in ihr, der wagemutig ist und aus dem Trott ausbricht und in die Welt zieht, während sie selbst zurückbleibt und sich irgendwie durchschlägt und immerhin vom Allgäu nach Leipzig zieht. Die Freundin, „die uralte Doppelgängerin", hat sich zu stets neuen Ufern aufgemacht und ist nicht zurückgekehrt, und die Heldin scheitert bereits am seichten Wasser, das die Küsten der Berge ihrer Heimat umspült. „Umherschauend hatte sie ausgehalten, während die Freundin auf die Schuhspitzen blickend durch die Welt flog."

Nicht nur die Beschreibung eines Popstars gerät erstaunlich konturlos: „der Keyboarder, oder war es der Gitarrist". Auch der Mann, mit dem die Hauptperson in Leipzig zusammenlebt, ist stets M., selbst eine kurze Sequenz aus den Tagen ihres Kennenlernens wird nüchtern wiedergegeben, als werde von einem Fremden berichtet. M. stammt  aus der ehemaligen DDR und hat mit der Allgäuerin zwei Töchter - eine Metapher für unser Land? Immerhin wird Martina Hefter zumindest an einer Stelle politisch und beschreibt, wie sich „das ältere Land" manchmal „senkrecht stellte, ... bevor es wieder zurücksank in die alten, aber komplett sanierten Gründerzeithäuser."

Selbst die Heldin kommt über die Bezeichnung N. N. nicht hinaus, als sie nämlich durch eine Räumungsklage (?) ihr Haus im Allgäu verlassen muss und eben an einem anderen Ort landet. Das ist für mich das Bemerkenswerteste an diesem Roman: wie weit der innere Rückzug dieser Hauptperson fortgeschritten ist, der die Autorin so beklemmend anhängt und doch immer auf Distanz bleibt.

Auch wenn nicht viel passiert - im Prinzip kommt eine vierköpfige Familie von einem Rügen-Urlaub zurück in die Wohnung in Leipzig - erfährt man doch einiges über die Frau, die hier so eng begleitet wird: wie sie sich durchschlug als Ungelernte in einer Souvenirfabrik und später als Putzfrau in Leipziger Hotels, und natürlich erfährt man von ihren Sehnsüchten, projiziert auf das Treiben ihrer Freundin, die selbstredend auch keinen Namen hat. Statt einer großen Handlung wimmelt es von „kleinen Vorfällen (wenn es welche waren)"; die Suche nach einem Fischrestaurant auf Rügen und das kurzzeitige Verschwinden der Kinder am Steilhang geraten zu Abenteuern, und es bleibt die Erfahrung, man könne tatsächlich „Strände finden, wie man einen schönen Stein findet, oder sein Glück." Eine Behauptung, die der Roman widerlegt: Strände werden gefunden auf Rügen, sicher auch Steine, aber kein Glück und keine Spur von der Freundin wie erhofft, natürlich nicht.

Mit klarer, harter und geschälter Sprache schreibt Hefter ihre Geschichte in Moll, und man merkt, dass hier eine Könnerin am Werk ist, eine, die immerhin unlängst den Meraner Lyrikpreis erhielt. Da ist die Rede von einem „schmetterlingshaften Hinsetzer", einem „Fischschuppen-Aufglitzern" des Boddens; die Freundin „schleierte davon", die Heldin wird beschrieben als eine, „die in dem Haus schon nicht mehr mit dem Bleiben aufhören konnte", und „ganz von Silbernem durchwirkt, träumte sie nachts von etwas Antisilbernem." Überhaupt werden die Dinge oft als Gegenteil von etwas anderem benannt: die Rede ist von „Nicht-Wetter" oder einem „nichtrabenschwarzen Dach", eine Puppe ist ein „Niemand-Anblicker". Und streng genommen kann man auch nicht von einer Heldin sprechen, sondern eben von einer Nicht-Heldin. Die Sprache, das Artifizielle des Romans machen den Text lesenswert, wer kurzweilige Zerstreuung sucht, ist dagegen mit diesem Buch nicht gut beraten.

Von Leipzig nach Dresden. Auch in Jens Wonnebergers neuem Roman Gegenüber brennt noch Licht passiert wenig, doch immerhin bekommen die Protagonisten nach und nach Namen: da beobachtet jemand seine Nachbarn durchs Fenster, gefahrlos aus der Ferne, als aber die neue Arbeitskollegin Anna-Sophie sich für ihn zu interessieren scheint, ist kein schützendes Fensterglas zwischen ihnen, was den Ich-Erzähler Andreas Plaschinski schnell überfordert.

Eine beklemmende Grundstimmung auch hier. Gezeichnet wird das Porträt eines einsamen Misanthropen, der sich gut analysieren und trotzdem nicht aus seinen Verhaltensmustern ausbrechen kann: „Ich arbeite stetig und gewissenhaft, aber leidenschaftslos. Es hat etwas Beruhigendes, dass auf dem Schild neben der Tür mein Name steht, dass die Zeit vergeht und jeden Monat pünktlich ein Gehalt überwiesen wird." Der Versuch, statt über andere über sich selbst Tagebuch zu führen, scheitert an der Auseinandersetzung mit seiner Gefühlswelt, er hält es für besser, sein „Leben als gegeben zu akzeptieren. Außerdem habe ich sowieso geschummelt. Noch eine Woche, und du nimmst dir einen Strick, denkt man und schreibt etwas von schlechter Laune."

Eine Erklärung für seine Gefühlsarmut liefert das Verhältnis zum liebesunfähigen Vater: „Als ich geboren wurde, sei ihm der Tod ein Stück näher gerückt, habe ich ihn einmal sagen hören." Der andere Schlüssel ist Monika, „meine große Liebe, zumindest war sie meine erste längere Beziehung." Was sie verbindet und entzweit, ist eines der Überraschungsmomente des Buches und bleibt wie alles andere doch eine hinnehmbare Aktennotiz, erklärt aber z. B., warum er sich zwar detailgetreu an die Zugfahrt zu einer Anzeigenbekanntschaft erinnert, nicht aber an den Inhalt seiner Briefe an die Frau: Gefühle werden verdrängt.

Und auch Anna-Sophie scheint beziehungsgestört. Die Begegnungen mit ihr sind in ihrer Leidenschaftslosigkeit schon fast komisch: „Es war eine Umarmung, die jede Zärtlichkeit vermissen ließ, eher ein Würgegriff, doch ich vermisste nichts. Es hatte in diesem Moment etwas von Ratlosigkeit, dass ich sie küsste."

Also observiert er lieber seine Nachbarn und führt darüber Protokoll. „Das Wenige, was ich in den letzten Jahren erlebt habe, habe ich an meinem Fenster erlebt." Von einem Drang ist die Rede, von einem Reflex. Der Blick geht von Fenster zu Fenster, von Kosmos zu Kosmos, und Wonneberger verknüpft geschickt die Ergebnisse der Observationen mit den persönlichen Erinnerungen Plaschinskis, bindet sie als Landmarken in sein Leben ein und macht den Leser zum Voyeur des Ich-Erzählers.

Doch Plaschinski protokolliert nur Äußerlichkeiten. Und ihm ist bewusst: „Was macht den Menschen aus, wenn nicht seine Gedanken und Geheimnisse?" Da an diese nicht heranzukommen ist, bleibt Raum für Spekulationen und einen ganzen Bauchladen an Vorurteilen und Ressentiments, die dem Leser anschaulich verdeutlichen, wie fließend die Grenze ist zu Hass und rechter Gewalt, deren Opfer Plaschinski selbst schon geworden ist. Im Gegensatz zu Martina Hefter ist Jens Wonnebergers Roman politisch. Eines der Themen des Buches: wie geht eine Gesellschaft miteinander um. Wonneberger lässt seinen Helden stellvertretend versagen. Dessen Oberflächlichkeit erweist sich als Prinzip, sein Voyeurismus bleibt - anders als etwa bei James Steward in Hitchcocks Fenster zum Hof - ohne Relevanz und Konsequenz. Als er vermutlich den Machenschaften eines Neonazis auf die Schliche kommt, zieht er es vor wegzusehen und sich die Lage schönzureden.

Wonneberger nutzt die handlungsarme Geschichte, um seine detailgenaue Beobachtungsgabe unter Beweis zu stellen. Der Sprachfluss ist elegant und dem Autor erklärtermaßen wichtiger als eine opulente Handlung, nur einmal im letzten Viertel kommt er für ein paar Seiten ins Stocken. Und Wonneberger ist wie Hefter ein Spracharbeiter: seine Worte sitzen, wo sie hingehören. In den besten Fällen keimt zwischen den Worten sogar Humor, etwa wenn Plaschinski sinniert: „Bin ich nicht immer im Dunkeln getappt, wenn ich mich als Hellseher versucht habe?"

Auch wenn es gegen Ende dieses vielschichtigen Romans nach einer Katharsis des Helden ausschaut: seine Protokolle und sein Fernglas verstaut er zwar, aber sie bleiben griffbereit. Für alle Fälle.

 

Martina Hefter: Die Küsten der Berge. 216 Seiten. Wallstein Verlag Göttingen 2008. € 19,00

Jens Wonneberger: Gegenüber brennt noch Licht. Steidl. Göttingen 2008. € 18,00