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Buch: "Nachtfieber", Erzählung, von Karin Gayer PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 8
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Wednesday, 17. June 2009

fieber.jpgBuch: „Nachtfieber“, Erzählung, Karin Gayer 

Da ist Alina, zu Beginn der Erzählung, die an einem sommerheißen Montag, diesem Wochenanfangstag, den sie so hasst, erschöpft von der Hitze und vom Gehen auf einer schattigen Gemeindeparkband sitzt, wobei der Schatten hier kein Trost ist gegen die „immer giftiger werdende Sonne“. Alinas Schultern hängen und die Zigaretten sind ihr unentbehrlich, genauso wie später der Wein. Sie studiert seit drei Jahren Psychologie, „noch immer im ersten Abschnitt“, sprich, das Studium ist zur Alibihandlung geworden.
Zentraler Gedanke in Alinas Kopf: „Alle oder die meisten Menschen scheinen ihren Platz gefunden zu haben“. Zentrales Gefühl, in der Interpretation, dabei „Alle nur ich nicht“. 

Da ist Lukas, eigentlich Alinas Ex-Freund, der sich nach Jahren plötzlich wieder an sie erinnert und sie anruft („Weißt du, warum ich mich wieder bei dir gemeldet habe? Weil mich noch keine Frau so geliebt hat wie du.“). Eine der ersten Fragen, die er ihr stellt, ist „Hast du zurzeit einen Freund?“ (meint: „Schläfst du zurzeit mit jemandem?“) Nein, hat (tut) sie nicht, diese Antwort ist sie sofort bereit ihm geben, auch wenn sie angeblich seinen Namen im ersten Telefonat sekundenlang nicht zuordnen kann. Auch ihm sind Zigaretten unentbehrlich, mehr noch aber der Alkohol und der Himmel weiß was noch.Sie verabreden ein Treffen, nach all der Zeit. (Das ist wahrscheinlich gar nicht so unüblich.)Sie landen im Bett, nach all der Zeit. (Auch das kann man tun.) Und sie zieht bei ihm ein. 

Die Frage ist nur: Warum sollte man so was tun? Oder besser: Warum sollte Alina? Die gleich beim ersten Wiedertreffen feststellt, dass ihr sein überheblicher Tonfall nicht gefällt und sie ihm außerdem (wohlwissend also, wie dieses erste Treffen enden wird) sagt, sie habe sich damals sexuell wohl überfordert gefühlt … Und schlussendlich war sie diejenige, die ihn damals verlassen hatte und das aus guten Gründen, das erfahren wir sowohl durch die sich kapitelweise abwechselnden Erzählperspektiven aus 1. Hand (eingeschobene Rückblicke in der Ich-Form) als auch der laufenden Erzählung mit einem/r fragwürdig anmutenden Erzähler/in, hinter dem/r ich doch nur Alina bzw. im Umkehrschluss gleich die Autorin sehe: Schon hier fängt die ganze Geschichte an, ein bisschen schräg zu werden und ich ertappe mich als Leserin dabei, dass ich mich in die Rolle einer besserwissenden Autorität gedrängt sehe, die Alina (oder die Autorin) am liebsten auf jeder zweiten Seite an den Schultern packen und durchschütteln möchte, um sie zu Verstand zu bringen – und die andererseits beide Arme ganz fest um Alina legen, sie halten, festhalten, ja gar beschützen möchte; all dies, weil man (vermeintliche) Schwächen, Defizite, Fehler ja immer einfacher an anderen festzumachen können glaubt, die man bei sich selbst im Inneren nicht sehen kann und will, selbst wenn die Parallelen nie ganz Hand in Hand gehen. Missbrauch ist häufig, aber eben nicht überall.

Diese Doppelrolle gefällt mir ganz und gar nicht, nichtsdestoweniger ist sie mein Leitfaden durch das Buch – ich kann nicht aufhören, weiter zu lesen, auch nicht, wenn ich ständig gedanklich rufen muss „Hey, pass auf!“ oder „Siehst du nicht, was der mit dir macht!“. Auch, wenn ich mich ärgere. Auch, wenn ich manchmal schreien möchte, weil mir für manche Handlungen so plumpe Erklärungen vorgelegt werden, von denen ich nur denke „Okay, wenn das das Einzige ist, was sie aus ihrem Studium mitgenommen hat, dann war das wohl wirklich nix für sie“. („Sein Tonfall gefiel ihr nicht. Doch damit will er ja nur seine Unsicherheit überspielen, dachte sie“)

Andere Textstellen wie „Er wollte, dass sie sich auf den Boden kniete, dass sie sich vor ihn kniete, um ihm einen Liebesdienst zu erweisen. Mit Lippen und Zunge, während er breitbeinig vor ihr stand. Alina fröstelte auf dem kalten Linoleumboden, als sie tat, was er verlangte. Sie versuchte gegen die Übelkeit anzukämpfen, die langsam ihre Speiseröhre hinaufkroch. Er griff nach ihren Haaren und zog ein bisschen daran: „Ja, weiter so, du machst das gut … nur nicht aufhören … etwas tiefer noch …“, stöhnte er. Alina versuchte, an etwas anderes zu denken. Ihr war bereits so übel, dass sie sich zwingen musste, an etwas anderes zu denken. Aus Angst, sich sonst erbrechen zu müssen. (…) „Au, du tust mir weh!“, schrie sie auf. „Scheiße, so kann ich nicht“, sagte er ungehalten und ließ missmutig von ihr ab.“ lassen mich sprachlos, wenn es im weiteren Verlauf der Erzählung darüber nur heißt „Das heut Nacht, das hat mich total verletzt.“ (…) Mit teilnahmsloser Miene rührte Lukas eine Extradosis Zucker in seinen Frühstückstee. „Ich habe geglaubt, dass es dir auch gefallen würde“, sagte er nach minutenlangem Schweigen. (…) Das gehört doch auch zu unserem Spiel. Dass ich solche Sachen zu dir sage. Das willst du doch hören. Das macht dich doch geil. Du brauchst das. (…)“  

So seltsam es auch anmuten mag, das Gefühl, weiterlesen zu müssen, erhält seine Nahrung gerade in dieser Doppelbödigkeit, die die Erzählung ausstrahlt: einerseits ganz großen Raum für Identifikation, für Empathie, Mitgefühl und ähnliches anzubieten und auf der anderen Seite jegliche Ansätze gerade dafür in der Sekunde der Entstehung wieder zu vernichten. Damit manifestieren sich also auch sowohl die ganz große Stärke des Buches: die Leser anzusprechen, gefangen zu nehmen, nicht loszulassen; und gleichzeitig die große Schwäche: die Leser dann im luftleeren Raum mit den eigens dafür hervorgekitzelten Emotionen hängen zu lassen. 

Die Fragen, in denen - natürlich - schlussendlich alles für mich mündet, sind: Herrgottnochmal, warum denn nun lässt sie das mit sich machen? Wieder und wieder? Wider besseren Wissens! Wieso kriegt sie nicht endlich die Kurve? Da nützen mir auch keine weiteren Einblicke in Alinas Vergangenheit, in Missbrauch (Stichwort Vater). Schade, wie gesagt,  ist, dass der Leser so allein gelassen wird. Denn der Schmerz, den ich lese, die abgrundtiefe Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die elendigen Zweifel, Selbstvorwürfe, das Hinterfragen und die Trauer genau darüber, dass eben (wieder mal) eine Liebe oder das, was man dafür hält, scheitert und dass ein „Noch-nicht-ganz-aus-der-Beziehung-gelöst-haben-und-sie-deshalb-wieder-aufnehmen-im-tiefen-schon-vorher-Wissen-dass-man-sich-erneut-wird-trennen-müssen“ fast nahtlos übertragbar ist eben auf das Gefühl, seine eigenen Wurzeln zwar zu kennen, aber feststellen zu müssen, dass man nicht tief genug in der Erde verwurzelt ist, um den Stürmen des Lebens dauerhaft standhalten zu können.
Und die Stürme des Lebens sind allgegenwärtig, wenn das Leben selbst ein Sturm ist, der keine Verschnaufpausen lässt. Wenn das Leben daraus besteht, sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser zu halten, den Fernseher einzuschalten, um angewidert zu sein von den Nachrichten und der gebotenen Unterhaltung und vor allem der Gewalt.  

Als „Geschichte einer scheiternden Liebe“ und als „Geschichte einer (Selbst)Bewusstwerdung, in deren Verlauf sich die Protagonistin mit ihrer persönlichen Entwurzelung – welche sie jedoch auch eine grundlegende Entwurzelung der Außenwelt erkennen lässt – auseinandersetzt und es in Folge schafft, alte Muster zu durchbrechen und sich von ihrem (selbst)süchtigen Partner zu lösen“ beschreibt die Autorin ihre Erzählung „Nachtfieber“ in Kurzform.Ja, schön, wenns so wäre. Ich jedoch glaube das (noch) nicht. Auch wenn Alina zum Schluss den (erneuten) Absprung aus der Beziehung erst mal schafft, wenigstens räumlich gesehen. Für alles Weitere reicht eben ein Sich-selbst-Analysieren nicht und erst recht nicht die Kommunikation in einer von Beginn an sich selbst zerstörenden Beziehung. 

Wahrlich keine leichte Sommerlektüre, die uns die Autorin hier anbietet.
Aber das zu tun war auch ganz sicherlich nicht ihre Intention. 

Gayer, Karin, Nachtfieber, Arovell Verlag Gosau, Salzburg, Wien, Mai 2009, ISBN 9783902547842, www.arovell.at  

Über die Autorin:
- Jahrgang 1969, Studium der Psychologie an der Universität Wien
- schreibt Prosa und Lyrik, Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften
- im Arovell-Verlag bereits publiziert: „Flechtwerk“ (Lyrik und Kurzprosa 2002), Anthologie „Vorgänge im Labyrinth“ (als Herausgeberin und Mitautorin 2004) und die Lyrik für die Hör-CD „Erlesenes Hören“ (2006)
- Karin Gayer lebt und arbeitet in Wien 

(hhh)