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Legoland ist abgebrannt - Katharina Bendixen und ihr Erzähldebüt "Der Whiskyflaschenbaum" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Wednesday, 17. June 2009

Seit Jahren lichtert der Name Katharina Bendixen durch die Literaturszene: hier ein Preis, dort ein Stipendium, dazu Kurzgeschichten in zahlreichen Zeitschriften. Mit ihrem Erzählband Der Whiskyflaschenbaum versammelt sie nun ihre besten Erzählungen auf 132 Seiten. Auffallend ist, dass Bendixen schon jetzt, am Anfang ihrer Karriere, ihren persönlichen Stil ausgeprägt hat; man liest eine Geschichte und erkennt sofort: klar, eine Bendixen. Augenfällig natürlich, dass ihre Personen niemals Namen tragen. Wie glücklich darf sich Frau Z. in der kafkaesken Geschichte „Ich bin froh, dass mein Name Frau Z. ist" schätzen, dass sie immerhin einen Anfangsbuchstaben verpasst bekommen hat, wenngleich das natürlich nicht der Grund zum Frohsein ist. Mit der Namenlosigkeit eine Allgemeingültigkeit zu postulieren, wäre literarisch allerdings nicht so unverwechselbar, doch bei Bendixen wird daraus mehr: die Frau, der Mann, das Negerkind - Bendixen bedient sich aus einem Setzkasten, sie stellt Legofiguren auf den Tisch. Die Figuren bleiben schemenhaft, und ihr Handeln ist selten von Leidenschaft geprägt; eher entsteht der Eindruck, dass hier tatsächlich Statisten übers Spielfeld geschoben werden und sich nicht wehren können. Einzig in der letzten Geschichte („Nur Italien, nur eine Straße") bricht die Ich-Erzählerin am Ende aus dem Geschiebe aus.

Das zwanghafte Handeln der Personen wird unterstrichen durch ein weiteres Bendixensches Erkennungsmerkmal: die permanente Wiederholung. Die Personen sagen mantraartig dasselbe, um sich nicht mit der eigenen Schuld an einem tödlichen Unfall auseinanderzusetzen („Der Grashalm"); Sätze wie „Erst spät hatte das Kind das Insektenspray unter der Spüle gefunden" bekommen durch ihre Wiederholung etwas Bedrohliches („Sittichgrab"); und in „Der Hund isst kaltes Fleisch" werden Wörter wie „Tee", „Kartoffeln" oder „Herd" wieder und wieder als Spielsteine in den Text geworfen, um zu verdeutlichen, wie für eine demenzkranke Frau alles an Bedeutung und Inhalt verliert.

Wer jedoch glaubt, diese Versuchsanordnungen seien naive Spielchen, der irrt grandios. Denn natürlich erzählt die Autorin ihre Geschichten deshalb, weil der ganze Budenzauber namens Leben nicht funktioniert und die mühsam errichteten Legosteinkulissen krachend in sich zusammenfallen: Familien brechen auseinander (u. a. in „Ein Hamster schlägt gegen die Wand"), Fremde brechen in die eigene Ferienwohnung ein („Sonnengötter"), und eine ganze Riege Haustiere muss in unterschiedlichen Erzählungen dran glauben.

Und natürlich gehört es zu Bendixens Stil, ihren Geschichten etwas Surreales zu verpassen: sie wirken grotesk, wenn eine Bastelanleitung für eine Mutter ausgehändigt wird, oder albtraumhaft wie die Geschichte von dem Sohn, der sich in einer Laube aktiver vermehrt als Mäuse auf einem Kornspeicher und dessen Kinder scheinbar gleich nach der Ejakulation ins Haupthaus krabbeln und dort Raum um Raum in Besitz nehmen.

Dieses Buch ist ungeheuerlich und trotz der strengen Komposition der Geschichten ein Lesegenuss, denn Bendixen kann erzählen. Legoland ist abgebrannt und brennt noch, doch die Autorin schafft es, all der Trostlosigkeit eine gehörige Ladung trockenen Humor abzuringen. Ein Highlight dieses Halbjahrs.

 

Katharina Bendixen, Der Whiskyflaschenbaum. Erzählungen. poetenladen Leipzig 2009. 132 Seiten. 15,80 €