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Nix ist fix - schon gar nicht DAS HAUS von Mark Z. Danielewski PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 14
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Wednesday, 28. October 2009

51hufsdxl._sl500_aa240_.jpgEin Fotograf und Pulitzer-Preisträger wagt den Neuanfang nach dem Ruhm. Er zieht sich mit seiner Familie von der Welt zurück und will eine kleine Dokumentation darüber drehen, wie ein neu erworbenes Haus in Besitz genommen wird. So wird eher zufällig dokumentiert, wie dieses Haus sich verändert und die Gesetze der Physik außer Kraft setzt. Zunächst ist es innen nur wenige Millimeter größer als außen, schließlich beherbergt es ein Labyrinth von gigantischen Ausmaßen, das in tagelangen Expeditionen nicht zu Ende erforscht werden kann.

Ein blinder alter Mann namens Zampanó schreibt eine wissenschaftliche Analyse des fertigen Dokumentarfilmes (The Navidson Record) inklusive über vierhundert Fußnoten, seine Abhandlung bildet den Kern des Buches; ein Hilfstätowierer namens Johnny Truant sichtet und ordnet das Material und versieht es mit weiteren Fußnoten, die Details zum Anlass nehmend, weitschweifig das eigene Leben zu reflektieren. Zu guter letzt gibt es noch „die Herausgeber", die sich im Hintergrund halten und nur behutsam lenken und korrigieren. So weit, so gut.

Was ist bei dieser Geschichte herausgekommen? Ein Buch mit sieben Siegeln für Liebhaber des Konspirativen, eine Travestie auf wissenschaftliche Analysen, deren Fußnoten nicht selten völlig sinnlos sind, dort aber, wo sie ganz offensichtlich sinnlos scheinen, oft versteckte Botschaften enthalten, wenn man z. B. die Anfangsbuchstaben aufgelisteter Nachnamen zusammenzieht, doch was sollen die Botschaften sagen? Oder der Index, der neben möglicherweise sinnvollen Stichwörtern wie „Braille" hauptsächlich Nonsens gewissenhaft auflistet, so die Wörter „alles", „aus" oder „Kaffee".

Das Grauenhafte liegt wie so oft im Alltäglichen. Interessant und nachgerade genial an diesem Buch ist, dass das Grauen langsam - immer wieder aber angekündigt, um den Leser bei der Stange zu halten - und in Form einer seriösen Filmanalyse daherkommt, also überhaupt nicht den Eindruck des Fiktionalen erweckt.

Danielewski hat ein Buch geschrieben, das außen die Maße eines 800 Seiten-Kloppers hat, innen aber viel größere Ausmaße annimmt und mindestens drei Bücher dick ist: bei Tristram Shandy entlehnt es die Geschwätzigkeit und Formenvielfalt bis hin zum Fehlen von Seiten, bei Umberto Ecos „Name der Rose" entlehnt es die sich überlagernden Erzählerebenen, was allein schon die Authentizität des Gesagten in Zweifel zieht und die Tatsache, dass alles mit Metaphorik aufgeladen ist oder aufgeladen zu sein scheint (und von Ecos blindem Bibliothekar ist es nicht weit zu Jorge Luis Borges, der ganz offenbar Pate stand). Und bei „Blair Witch Project" wird die Videoästhetik des Grauens entliehen, die hier genial auf Papier übertragen wird.

Genial auf Papier übertragen wird auch die Art, wie mit dem Text visuelle Labyrinthe oder Korridore entstehen, die ellenlang oder klaustrophobisch eng sind. Dadurch ändert sich ständig das Lesetempo, auch muss man das Buch öfter mal drehen, um weiterlesen zu können, oder Randnotizen schweifen zehn Seiten voraus, nur um in einer weiteren Fußnote wieder an den Ausgangspunkt zurückzuführen.

Irritierend war zunächst, dass der Autor selbst immer wieder darauf hinweist, man möge nicht alles glauben, was da steht. Überhaupt werden sehr häufig und sehr auffallend Schlüssel dargeboten, dass es schon fast wieder zu einfach erscheint, dass der Autor seinen Lesern nichts zutraut, obwohl er ihnen mit dem Buch ja eine Menge zutraut.

Doch der Autor setzt nicht nur die Gesetze des Raumes außer Kraft. Mehr als einmal hatte ich das Gefühl (ohne konkrete Beispiele zu entdecken), dass insbesondere in den Schilderungen Truants, die oft mit Datum versehen sind, etwas nicht stimmt. Tagebuchaufzeichnungen im Anhang sind denn auch nicht chronologisch und gehen über den Zeitraum der eigentlichen Arbeit am Buch hinaus. Offensichtlich wird das Spiel mit der Zeit jedoch, wenn in Briefen seiner Mutter an Truant als Jungen verschlüsselt der Name Zampanós auftaucht (den Schlüssel liefert sie wenig später selber nach), oder der Fotograf im Film das Buch liest, das von ihm handelt, und Gesteinsproben aus dem Labyrinth älter datieren als die Erde.

Noch bevor es um den Film selbst geht, wird die erste Assoziation zu einem Film gegeben: Zampanó tritt auf, ein alter blinder Mann, der „allerdings einen Akzent" hatte. Das könnte ein Hinweis auf den gebürtigen Mexikaner Anthony Quinn sein, der in Hollywood lebte wie Johnny Truant und zu dessen bedeutendsten Rollen die des Zampanó in Fellinis „La Strada" zählt, es könnte aber auch ein Hinweis auf den (ebenfalls blinden und ungeheuer gelehrten) Jorge Luis Borges aus Argentinien sein.

Bereits Eco hat in seinem „Namen der Rose" mit einer Reihe von Herausgebern, Augenzeugen und Bearbeitern des eigentlichen Stoffs die Frage nach der Authentizität seiner Geschichte gestellt, hat die Authentizität in Frage gestellt. Auch hier geht es um Authentizität. Was soll man zum einen halten von jemandem, der seit Jahrzehnten blind ist und dann einen Film analysiert, der keine zehn Jahre alt sein soll? Oder von einem Junkie, der selbst immer wieder darauf hinweist, wie versiert er im Flunkern ist? Andererseits - und viel interessanter - ist, worauf die verschiedenen matroschka-haft übereinander gesetzten Herausgeberschaften a la Eco hinweisen: einer bezieht sich auf den anderen und interpretiert das Gesagte - doch wo bleibt die Wahrheit? Die zwei Dinge, die mir dazu spontan einfielen, sind 1) die Bibel und 2) das Internet. Beide haben vielfach Legitimationsprobleme, weil die ursprüngliche Information durch Weitergabe und/oder Übersetzung oft nicht mehr erkennbar ist.

Nix ist fix. Raum und Zeit nicht, und auch die Assoziationsketten nicht. Vieles führt ins Nichts wie ein Irrgarten. Und vieles wird möglicherweise mit Bedeutung aufgeblasen, wo keine ist, und kann damit immer noch Bedeutung erhalten als moderne Kunstkritik. Besonders perfide Truants Hinweis gleich am Anfang: über zwei Seiten warnt er, was das Buch mit dem Leser anstellen kann. Erst wird man nichts spüren, irgendwann aber einmal wird etwas ganz Banales eintreten, und der Leser wird erkennen, dass schon die ganze Zeit über nichts so war, wie er dachte, dass das Buch bereits Macht über ihn hat und ihn in den Wahnsinn treibt wie alle, die sich damit beschäftigt haben.

Und wer möchte das Eintreten solcher Banalitäten für sich ausschließen? So trägt der Roman seine Botschaft ins Leben des verunsicherten oder amüsierten Lesers: alles könnte Bedeutung haben.

 

Mark Z. Danielewski, Das Haus. Roman, ca. 800 Seiten. Klett-Cotta (Hardcover) und btb Verlag (Taschenbuch). ISBN-10: 3442739705, 18 Euro.