| Buch: Darwins Nightmare – Klaus Ebner lässt seine „Hominide“ reden wie junge Leute von heute. |
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| Geschrieben von Steffen Roye | |
| Montag, 11. Januar 2010 | |
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Es ist schon einige Wochen her, dass ich „Hominide" von Klaus Ebner gelesen habe. Damals konnte man in der Mittagspause noch draußen im Park sitzen. Eine andere Zeit. Aber als notorischer Handy-Gegner saß ich im Grünen fest und hatte keinen Zugriff auf das umfangreiche Glossar zum 100seitigen Buch - das gibt's nämlich nur im Internet. Dass ausgerechnet eine Geschichte über die Frühgeschichte der Menschheit so modern vernetzt ist, hat seinen Witz. Und doch sind Glossare in der belletristischen Literatur immer auch problematisch. (Ebner selbst bewegt sich im Netz offenbar recht ungezwungen, hält sogar Lesungen im Second Life.) Es ist ja alles schon irgendwann mal geschrieben worden, und wenn man die definitiv erste Liebesgeschichte der Welt verfassen möchte, muss man schon sehr weit vorn ansetzen. Das macht Ebner, indem er seine Geschichte ein paar Millionen Jahre in die Vergangenheit zurückverlegt, an die Wiege der Menschheit, hinein in eine Sippe Menschenaffen der Gattung Australopithecus afarensis, die am Rande des afrikanischen Regenwaldes lebt. Sieben Tage umfasst die Erzählung und orientiert sich damit sehr klar an der Schöpfungsgeschichte.
Ein Buch über
Menschenaffen, die in einem modernen Slang sprechen – nun Im Anfang
war der Zweifel, ob das gut gehen würde. Es ging, weitgehend jedenfalls. Wir
begleiten die Sippe sehr unterschiedlicher Individuen beim Philosophieren über
den Sinn des Lebens, beim Kopulieren, beim Taktieren. Auch Pitar, der Erzähler
der Geschichte, möchte damit beginnen, seiner „Clique" das Licht zu bringen, „eine
Kerze anzuzünden, nach der Devise, es werde Licht und so". Doch anders als der
liebe Gott fängt Pitar nicht mit Himmel und Erde an, er weiß, „im Anfang ging
es bloß darum, Aufmerksamkeit zu erregen". Die bekommt er, um seine
fortschrittlichen Ideen von Vorratswirtschaft, Schutz, Beerdigung,
Sesshaftigkeit vorzubringen. Wir begleiten Pitar bei seinem mühevollen
Unterfangen, den Pöbel vom Fortschritt zu überzeugen. Wohin die Beschäftigung
mit dem Fortschritt oder dem, was dafür gehalten wird, die Gemeinschaft führt,
das erzählt Ebners Geschichte. Und wir begleiten Pitar dabei, wie sich eine
mehr oder weniger zarte Liebesgeschichte zu Mitäffin Maluma entspinnt.
Problematisch ist dabei weniger, dass der Autor an einigen Stellen sehr
rührselig wird, denn er ist so klug, den Kitsch auch als Kitsch zu benennen. Ein
Problem hatte ich damit, dass dem Autor oder seinem Protagonisten im
Reformeifer ganz gehörig die Pferde durchgehen. Ebner gibt seinen Affen Zucker,
bis diese über Streiks, Arbeitsverträge, Gewerkschaft und Betriebsrat und
Parlament debattieren. Das wirkt dann bisweilen burlesk, klamaukig und gehörig übertrieben.
Die Evolutionstheorie
wird abgehandelt, die moderne Fortbewegung auf Straßen, die Sprache: „Ich nahm
den Schädel in die rechte Hand ... und ... rief: „Sprache oder nicht Sprache, das
ist hier die Frage." Es ist nicht schwer, die Analogien zu entdecken, die
Spuren zu lesen, die der Autor legt. Auch Faust respektive Mephisto lassen sich
dechiffrieren (Pitar als „Lichtbringer"), und eine bekannte Szene aus „Jenseits
von Afrika" mit Meryl Streep und Robert Redford wird zitiert: „Die Umgebung kam mir
ruhiger vor als sonst,; so still, als hätte das Land auf die ankunft des
Menschen, eines Homo poeticus gewartet. Was wollte ich also mehr? Ein
Grammophon und Musik von Mozart?" Die Erzählung wird mit fortschreitender
Handlung dadurch zur Nummernrevue.
Gelungen finde ich hingegen, wenn Ebner/Pitar die Brustbehaarung der männlichen Sippenmitglieder mit ihrer Rangfolge in Verbindung bringt - ein kleines Trauma etwa? Oder wenn er Latein schon damals „verzopft und altertümlich" findet, einen Menschen sich ins falsche Buch verirren lässt und dem Big Boss schließlich mit großem Selbstbewusstsein in die Parade fährt und behauptet: „Es war die Katze, die uns vertrieb, und nicht die Schlange, wie manche gedacht." Was das zu bedeuten hat: nachlesen! Ebners Veröffentlichung ist Teil eines Preises, den er bei einem Literaturwettbewerb der Zeitschrift „freie zeit art" aus dem fza-Verlag gewonnen hat. Man merkt, wie vielseitig gebildet der Autor ist, und doch wird vielerorts nur an der Oberfläche gekratzt. „Hominide" - ein originelles und kurzweiliges Buch, doch ich hätte lieber noch hundert Seiten mehr gelesen, auf denen sich Autor und Leser etwas mehr in diese Geschichte vertiefen können. Und dabei hätte Ebner den Leser wie seine Sippe trotzdem nicht überfordern sollen: weniger revolutionäre Ideen und weniger Zeitgeistkritik wäre mehr gewesen.
Klaus Ebner: Hominide. Erzählung. fza Verlag Wien 2008. 100 Seiten. ISBN 978-3-9502299-7-4 |



