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Joseph von Westphalen erzählt "Aus dem Leben eines Lohnschreibers" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Tuesday, 19. January 2010

westphalen.jpgEs ist gesellschaftlich anerkannt, als Dachdecker oder Informatiker sein Geld zu verdienen, aber als Autor? Spitzweg hat das Dilemma einst treffend bebildert: der arme Poet, immer kreativ, ein bisschen von der Rolle, aber um Himmels Willen kein Geld verdienend. Wenn man heute die Diskussionen zum Thema Urheberrecht verfolgt, stellt man fest: an diesem Bild hat sich wenig geändert. Und dann kommt da einer und plaudert aus dem Nähkästchen, „aus dem Leben eines Lohnschreibers". Koketterie hin oder her - eine solche Offensive ist erst einmal charmant. Warum sollte man als Schriftsteller nicht auch sein regelmäßig Brot und seinen italienischen Landwein verdienen?

Joseph von Westphalen, Jahrgang 1945, beleuchtet in vierzehn Geschichten unaufgeregt und mit Esprit Aspekte seiner Arbeit, vom Redenschreiben über Schreibblockaden bis zur Kleiderwahl bei Buchmessen, und amüsiert sich über eine Gesellschaft, „die einiges Geld dafür ausgibt, sich von Künstlern verspotten zu lassen." Das liest sich recht unterhaltsam. Für mich war es eine schöne Sommerlektüre. Mehr allerdings nicht.

Mehrmals schreibt der Autor, scheinbar abgeklärt, dass die großen Literaturpreise an ihm vorbeigingen und er deshalb auf Auftragsarbeiten angewiesen sei. Als Küchenpsychologe erkennt man leicht, dass ihn das durchaus wurmt. Doch ganz zu Unrecht ist es auch nicht geschehen. Gar zu routiniert und sprachlich unauffällig kommt manches daher, gerade zu Beginn. Er teilt seine Geschichten in „halbwahr", „fast wahr" und „ganz wahr" ein und gibt nicht zuletzt durch einige Nachbemerkungen einen authentischen Blick in seine Schreibwerkstatt. Dabei wird er besser, je weiter das Buch fortschreitet: am pointiertesten sind ausgerechnet die Texte, die nach eigenem Bekunden nichts als die Wahrheit kundtun. Der Anfang ist, wie gesagt, bisweilen etwas schnöde; auch stört mich dort - das mag durchaus geschmäcklerisch sein - das Altherrenhafte mancher Passagen. Ewig lockt das Weib, und jung muss das Weib sein, natürlich. Der Autor lebt ja nicht vom Lohnschreiben allein.

Zu Hochform läuft er in der vorletzten Geschichte auf, dem Resümee eines Vortrags auf einer von Maxim Biller organisierten Tagung, dem er hintersinnig-provokant den Titel „Für Geld schreibe ich alles (so, wie ich es will)" gibt. (Gleichzeitig das Motto seiner ganzen Arbeit: auch wenn er seinen Auftraggebern, ob Bank oder Feinschmecker-Postille, zunächst ostentativ herablassend entgegentritt und deren Offerte dann doch akzeptiert, lässt er sich nicht verbiegen, und im Notfall gibt es ja immer noch die herrliche Erfindung des Ausfallhonorars.) Nicht ganz Unrecht hat er, wenn er den Tagungsteilnehmern polemisierend zuruft, es tue einem Text besser, nach Belohnung durch Geld zu schielen als ausschließlich auf Belohnung durch das feine Feuilleton. Der eine Text sei an klare Abgabedaten gebunden und konsequent auf seine Leser abgestellt - was freilich auch als Ausrede benutzt werden kann -, der andere komme oft gestelzt daher oder werde womöglich nie fertig. „Du lässt dich vom Markt erziehen", maßregelt ihn einer der Zuhörer, und von Westphalen kontert: „Nein, ich zahle es dem Markt heim!" Wie es wäre, Leser wie Feuilleton gleichermaßen zu begeistern, wird hier freilich nicht erörtert.

Der Autor bricht mit seinen Erzählungen eine Lanze für seinen Berufsstand und demonstriert trotz seines Understatements immer wieder, wie belesen er ist. Ich fürchte, für die großen Preise wird es auch diesmal nicht reichen. Unterhaltsam und aufschlussreich ist das Buch aber allemal.

Joseph von Westphalen: Aus dem Leben eines Lohnschreibers. 251 Seiten. Sammlung Luchterhand, München. 8,00 €