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Alles atmet Bedeutung in Thomas Pletzingers Debütroman "Bestattung eines Hundes" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Steffen Roye   
Tuesday, 19. January 2010

pletzinger.jpgDirk Svensson, Autor eines von der Feuilleton-Kritik gefeierten Kinderbuches, lebt zurückgezogen am Luganer See und hat sich überraschend zu einem Interview bereit erklärt, das der studierte Ethnologe Daniel Mandelkern führen soll. Skeptisch, ob er der Aufgabe gewachsen ist, begibt dieser sich auf die Reise zu dem Autor. Auch die attraktive Finnin Tuuli besucht Svensson, und schnell ist klar, dass beide durch eine alte Dreiecksbeziehung verbunden sind. Und auch Mandelkern hat Beziehungsarbeit zu leisten, hat er doch seine Hamburger Wohnung im Streit mit seiner Frau verlassen („Wir waren einmal: wir."). In Italien versucht er nun vergeblich, die Geschichte hinter Svensson freizulegen und stößt auf ein unveröffentlichtes Manuskript.

Unaufhaltsam bewegt sich Thomas Pletzingers Debütroman „Bestattung eines Hundes" auf das titelgebende Ereignis zu, Kapitel um Kapitel zieht sich das Geschehen um die Akteure zusammen.

Borromäische Ringe seien sie gewesen, Svensson, Tuuli und der gemeinsame Freund Felix, „drei miteinander verbundene Reifen, wenn einer wegfalle, seien auch die anderen beiden nicht mehr verbunden." Und das gilt auch für den Roman. Pletzinger verwebt drei Handlungsstränge (Svenssons Geschichte, Mandelkerns Geschichte, ihr Zusammentreffen) ebenfalls zu borromäischen Ringen, alles hängt miteinander zusammen, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft. Bindeglied ist ein sprechender Hund: „Lua ist fast immer dabei gewesen, hat das meiste gesehen und gehört." Er tritt in derselben Nacht in Svenssons Leben wie die schöne Finnin, und mit seinem schleichenden Sterben wartet auch die Vergangenheit darauf, beschlossen zu werden. Nicht von ungefähr geschieht dies am Luganer See, denn „Zeit ist ein See und die Erinnerung ein trauriger Hund."

Kunstvoll werden Kleinigkeiten zu Parallelen verwoben: Fische in Wachspapier, Uwe Johnsons „Jahrestage" (auch dieser Roman nicht ohne Grund erwähnt), ein Kuss, mit dem eine andere gemeint sei - was als Mosaikstein im Bericht Svenssons auftaucht, erscheint auch als Steinchen in der Geschichte Mandelkerns. Und der Journalist muss irgendwann erkennen:„Ich bin in Svenssons Manuskript geraten, ich habe eine seiner Figuren geküsst und einer anderen gerade die Hand geschüttelt." Die Unterschiede zwischen beiden Männern fallen kaum ins Gewicht: während der eine gern verbindlich der Vater eines Kindes wäre, raucht der andere beharrlich seine Spermien zu Tode. Was Pletzinger für seine Hauptperson reklamiert, gilt auch für ihn selbst: „Svenssons Welt ist ein Netz aus Gründen und Verweisen. Eine Welt, in der jede Geste, jedes Wort, eine Bedeutung hat, die ich nur ahnen kann." Auch wenn Pletzinger es mit den Analogien bisweilen etwas übertreibt, muss ich doch sagen, dass ich kaum je ein so kluges Debüt gelesen habe. Mir ist unverständlich, wie Iris Radisch dem Roman in der ZEIT pauschal einen „Fick-und-Bierdosen-Ton" attestieren konnte, der „an seiner eigenen Banalität und Langeweile zu verrecken" drohe. Hat sie das ganze Buch gelesen? Der Roman ist im Gegenteil artifiziell, und doch erzählt Pletzinger leichthändig (nicht banal) und versteht es, die einzelnen Ebenen stilistisch voneinander abzusetzen.

Kaum eine Seite ohne denkwürdige Sätze oder Splitter, oft über das Schreiben: „Die Geschichten sind zu einem Drittel Wahrheit, zu einem Drittel Erfindung und zu einem Drittel der Versuch, die anderen beiden mit Worten zusammenzukleben." Das trifft sicher auch auf Pletzingers Arbeit zu, lassen sich doch durchaus Parallelen zu seinem eigenen Leben erkennen. Bemerkenswert ferner die eindringlichen Skizzen der brasilianischen Pampa oder vom New York des 9/11: „Ein Mädchen mit roten Haaren und einem Vogelkäfig ohne Vogel geht hinter uns die Treppe hoch und sagt, ich habe die Hoffnung verloren." Pletzinger verwendet eine frische Sprache, wirft dem Leser nonchalant Metaphern zu, „Svenssons Ruine liegt wie ein abholbereiter Müllsack", jemand „hob sein Bier, wie andere Leute einen Anker werfen". Er hat einen Schlüsselroman über die Generation der heute Mittdreißiger geschrieben, eine Generation von „Heimwehtouristen", die alle Möglichkeiten hat, aber nicht in der Lage ist, sie zu nutzen, und obendrein erkennen muss, dass sie diese Möglichkeiten wieder verlieren kann, und die deshalb ruhelos in der Welt herumreist auf der Suche nach sich, auf der Suche nach Erfüllung. USA, Brasilien, Finnland, Italien, Frankreich heißen die Stationen dieses Romans, und es gibt schnellen Sex unter einem Wolfgang-Borchert-Denkmal mit der Inschrift: „Wir sind die Generation ohne Bindung und Tiefe." Borchert meinte die Kriegsgeneration, doch haben auch Pletzingers Helden ein ähnliches Problem.

Auffallend ist, dass im Verlauf der Handlung jede Menge Tiere zu Tode kommen, Mandelkern spricht gleich am Anfang von den „getretenen Tieren der Schöpfung". Und doch leiten sie nur zu den Menschentoten dieses Buches und zum Tod Luas. Svensson „sammelt das Tote, weil ihm das Lebende zu sehr in Bewegung ist. Die Dinge vergehen, aber Svensson bildet sich ein, dass seine Geschichten bleiben."

Ein ambitioniertes und gelungenes Debüt. Ein Buch zum Mehrmalslesen. Ein Entdeckerbuch.

Thomas Pletzinger: Bestattung eines Hundes. 352 Seiten. Kiepenheuer & Witsch. Köln 2008. € 19,95