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Buch: Kai Havaii - Hart wie Marmelade PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 21
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Sven-Andre Dreyer   
Wednesday, 13. July 2011
 
kai_havaii__hart_wie_marmelade.jpgKai Havaii – Hart wie Marmelade

Ich kenne jemanden, der als Jugendlicher gemeinsam mit einem Freund im Jahre 1985 auf einem Klapprad (!) von Wuppertal nach Hagen gefahren ist, um nach Kai Havaii, dem Frontmann der Gruppe Extrabreit, zu suchen. Sie wussten gar nicht, wo sie nach ihm suchen sollten – aber sie wollten es unbedingt tun. Die Strecke entspricht einer Länge von ca. 40 Kilometern durch das Bergische Land – und was so heißt, das ist auch so: es ist bergig. Kai Havaii haben sie 1985 auf ihren Klapprädern nicht gefunden, aber dafür die Grenzen ihrer körperlichen Belastbarkeit - und im besten Falle findet Kai Havaii nun die beiden Freunde mit seinem Buch „Hart wie Marmelade“.
Unprätentiös schildert Havaii, in 42 mitunter sehr kurze Kapitel gegliedert, so manches Anekdötchen aus seiner Jugendzeit. Er berichtet von politischen Strömungen und nicht selten von ausgefallener Kleidung. Und er schildert stringent den Aufstieg seiner Band Extrabreit. Und ihren Fall. Er beschreibt plastisch und sehr nahegehend die Achterbahnfahrten in der Musikbranche, die Begegnung mit weiteren bedeutenden Musikern der Zeit und nicht selten die Begegnungen mit Frauen. Oftmals werden speziell diese Begegnungen als experimentelle Liebschaften, hin und wieder jedoch auch als aufrichtig empfundene und grundfeste Beziehungen beschrieben. Havaii gibt sich dem Leser gegenüber zudem gnadenlos offen bei der Ausführung der wahrscheinlich gefährlichsten Begegnung im Musikzirkus: der Begegnung mit den Drogen. Was zunächst harmlos in seiner WG, der legendären Hagener B 56, beginnt, wird für Havaii schließlich zu einem gefährlichen, zu einem lebensbedrohlichen Spiel. Havaii, 1957 in Hagen geboren, entkommt schließlich nur knapp dem sowohl finanziellen, als auch körperlichen Ruin.

Sorgfältig führt der Autor, der heute neben seiner Tätigkeit bei Extrabreit auch als freier TV-Autor für u.a. ZDF und Arte tätig ist, zu Beginn fast jedes Kapitels geschichtliche Zusammenhänge auf. Die Auswirkungen u.a. politischer Entwicklungen auf seine künstlerische Haltung werden benannt. Und mit dem Leben in der WG kommt er schließlich mit Menschen in Kontakt, die ihm neue Impulse liefern – und u.a. in der Gründung der Band Extrabreit gipfeln. Auftritte der Band, gute wie schlechte, Szenen hinter den Kulissen und tiefe Einblicke in sein Privatleben, das auch geprägt ist von großem Leid und dem Tod ihm sehr nahestehender Menschen, werden von Havaii eindringlich erzählt. Offene Einblicke, auch in das Leben seiner Bandkollegen, lassen das Buch „Hart wie Marmelade“, erschienen im wunderbaren aufbau-Verlag Berlin, zu einem zwar kurzweiligen, nicht aber zu einem nur und ausschließlich amüsanten Buch werden. Havaii ist zu intelligent, als dass er seine Geschichte – und damit immer wieder eng verknüpft auch die Geschichte der Band – rosarot darstellt. Er konfrontiert den Leser nicht selten mit schonungslos offenen Schilderungen der oftmals eher negativen Begleiterscheinungen des Musikbusiness und verbindet diese sehr anschaulich mit seiner eigenen Haltung. Somit gelingt Havaii ein Buch, das endlich einmal von einem beobachtenden, wachsamen und emotionalen Insider der Branche Bericht an Außenstehende liefert - und letztlich tut Havaii dabei nur eines: er schildert sein unglaublich aufregendes Leben.

Und stehe ich heute hin und wieder auf einem Extrabreitkonzert, so höre ich die Stücke anders; Texte ergeben einen neuen Sinn und die Musik treibt stärker denn je – wesentlich stärker noch als 1985. Zu Klappradzeiten.


Kai Havaii – Hart wie Marmelade
Ein Rock`n`Roll-Roman aus der Provinz,
aufbau Verlag, 1. Aufl. 2008,
ISBN 978-3-7466-2459-4
287 Seiten, broschiert,
8,95 Euro inkl. gesetzl. MwSt.


sad, Juli 2011