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Buch: Andreas Kuhlmann - An den Grenzen unserer Lebensform - Texte zur Bioethik und Anthropologie PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Heike Hartmann-Heesch   
Friday, 8. February 2013

Buch: „An den Grenzen unserer Lebensform – Texte zur Bioethik und Anthropologie“ von Andreas Kuhlmann; mit einem Vorwort von Axel Honneth 

hieraus die Aufsätze „Schmerz als Grenze der Kultur. Zur Verteidigung der Normalität“ (Seite 173-179) und „Krankheit und Freiheit. Überlegungen zu einer Ethik der Lebensführung“ (Seite 135-141) ethik.jpg

Im Zentrum von Kuhlmanns Arbeiten steht ein sehr weit gefasster Begriff von personeller Autonomie, der im Wesentlichen besagt, dass zur individuellen Selbstbestimmung auch (trivialerweise, wie Axel Honneth es bereits im Vorwort bemerkt) auch die Fähigkeit gehört, ungeschmälert über seinen Körper verfügen zu können, und dass eine Person, bei der eben wichtige Elemente dieses Vermögen entfallen, nicht einfachhin als Gleicher unter Gleichen, gemeinhin als autonomes Individuum betrachtet werden kann: Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung ist bei Betroffenen häufig viel stärker beeinträchtigt, als es in offiziellen Diskursen oft unterstellt wird.

Kuhlmann selbst litt an einer durch eine kurzzeitige Beeinträchtigung der Hirnfunktionen bei der Geburt spastischen Lähmung, die ihn seinen Körper stets als Grenze erfahren ließ, und die Herausforderung seines Lebens ist wohl gewesen, die Unverfügbarkeit seines Körpers „durch Aufbietung von Vorstellungsvermögen und intellektueller Phantasie zu kompensieren“.

Die konkreten Erfahrungen körperlicher Begrenzung führten ihn zu einer veränderten Konzeption von Autonomie. Er glaubt, dass jedem, dem durch Krankheit oder Behinderung ein Element der spielerischen Beherrschung des eigenen Körpers genommen ist, auch ein gewichtiger Teil jener Kommunikationsfähigkeit fehlt, der für eine soziale Realisierung von Freiheit unerlässlich ist und dass wir den Sinn des von uns sprachlich gemeinten mittels körperlicher Expressionen vervollständigen: Wir werden im kommunikativen Austausch nur durch unsere leiblich-körperliche Präsenz zu der Person, die wir wirklich sein wollen und deshalb besitzen wir in der Interaktion mit anderen umso mehr Chancen, uns in unserer Individualität zu artikulieren, je ungezwungener und spielerischer wir dabei unseren Körper einsetzen und unsere leiblichen Reaktionen empfinden können. Sind wir nun aber durch Krankheit oder Behinderung oder wie auch immer in unsere Physis beeinträchtigt, wird dadurch nicht nur unsere Bewegungsfreiheit, sondern auch unsere Freiheit der Selbstartikulation eingeschränkt: Wir vermögen uns nicht mehr in der Interaktion mit anderen in der gewöhnlichen Weise zu verhalten, als die wir öffentlich zu erscheinen uns wünschen.

Was nun ist „normal“? Nach welchen Mustern leben wir?

Er sagt, aus der Innenperspektive einer behinderten Person, die nach Möglichkeit ihr „eigenes" Leben führen möchte, ist es ebenso legitim wie unvermeidlich, sich an „Üblichkeiten" auszurichten; auch Individuuen, die sich mit widerstrebender Physis auseinandersetzen müssen, können gar nicht anders, als sich an Lebensplänen zu orientieren, die sie in der Gesellschaft nun mal vorfinden, schließlich muss man sich ja an irgendwelchen Mustern orientieren. Da ist dann wahrscheinlich zunächst mal der Wunsch da, einfach ein halbwegs normales Leben führen zu können, die Welt auf vielfältige Weise zu erfahren, sich freizügig und unbeschwert bewegen zu können, nach Belieben kommunizieren zu können und anderes mehr. Denn gerade da, wo elementare Lebensvollzüge in Mitleidenschaft gezogen sind, erscheint die Möglichkeit, ein durchschnittliches Leben zu führen als etwas, das sich eben keineswegs von selbst versteht und genau deshalb besondere Attraktivität besitzt.

Er hält die oft vielgepriesene Devise, betroffene Menschen sollten sich halt mit den veränderten Umständen arrangieren und sich neue Entfaltungsmöglichkeiten suchen für wenig aussichtsreich,sagt aber, dass, wenn bei einem Menschen nur einzelne Funktionen gestört sind oder die Störung nur einen mittelschweren Grad annimmt, diese Beeinträchtigung schon besondere Energien freisetzen kann: Gerade da, wo man sich unnachsichtig auf den Körper verwiesen, aber zugleich von ihm behindert fühlt, kann es zu besonderen kompensatorischen Leistungen kommen. Da aber viele Behinderte in Situationen, in denen sich ihre Konstitution als besonders hinderlich erweist, sich selbst mehr oder minder fremd werden, nehmen solche Anstrengungen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit den Charakter der Selbstobjektivierung und Selbstinstrumentalisierung an. Sich mit einer Situation zu arrangieren bedeutet deshalb nicht, sich mit einer andersartigen Physis einfach abzufinden (und darauf zu hoffen, dass die Gesellschaft bestehende Barrieren beiseite räumt): Arrangieren kann man sich mit einer gestörten Physis erst dann, wenn sie nicht permanent Störfeuer aussendet und die eigenen Intentionen zunichte macht. Hochspannende Gedanken!

Äußerst lesens- und diskussionswert! 

Kuhlmann, Andreas: An den Grenzen unserer Lebensform – Texte zur Bioethik und Anthropologie, herausgegeben von Axel Honneth, Campus Verlag Frankfurt/Main 2011, ISBN: 978-3-593-39515-9, € 29,90 

hhh, www.papiersinfonie.de