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Kowalski Geschichten
Feuer, Kowalski? PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Olaf Stichtenoth   
Saturday, 15. July 2006
Feuer, Kowalski?
 
„Feuer?“
Der junge Kowalski friert und zittert. Eine dünne Schicht Raureif hat sich um seinen Dreimonats-Bart gelegt, der in den letzten Monaten der Kriegsgefangenschaft wie von alleine gewachsen ist. Der Viehtransport ist längst im Nichts der sibirischen Steppe verschwunden. Kowalski kauert zwischen zwei der weit verstreuten Büsche, als ob ihn ihre blattlosen Zweige vor der hereinbrechenden Kälte beschützen könnten.
Kowalski denkt an die letzten Stunden. Nachdem der Zug mit den Anderen sich in der endlosen Weite verloren hatte, hatte Kowalski ihm noch lange nachgesehen. Dann war er fort gegangen von dem von seinen Kameraden vollgeschissenen Ort. Er war jetzt frei, kein Kriegsgefangener mehr, sondern Herr seiner selbst. Er begann zu begreifen, warum die Russen sie nicht bewacht hatten, sondern in ihrem Waggon Karten spielten. Er kann sich über seine gewonnene Freiheit nicht freuen. Verzweiflung macht sich in ihm breit.
Kowalski atmet weiße Wolken – ,Noch!‘, denkt er. Seine Gedanken kreisen um sein Leben und das Erfrieren und Alles, was er darüber weiß. ,Zum Schluss friert man nicht mehr, sondern wird müde und schläft ein.’, rezitiert er im Geist die Worte eines Buches, dessen Titel ihm längst entfallen ist. Kowalski nimmt sich vor, sich nicht gegen das Einschlafen zu wehren. In ihm ist zuwenig Hoffnung auf Rettung, als dass es sich lohnen würde zu warten...
, Wenn ich wenigstens ein Streichholz hätte, um die Büsche zu verbrennen!‘, denkt Kowalski, aber seine Taschen sind leer. Der Rucksack mit den letzten drei Zigaretten und den Zündhölzern liegt im Viehtransporter, der uneinholbar weit weg ist. Wieder und wieder sieht Kowalski die Hand seines Freundes, und wieder und wieder versucht er, sie zu greifen...
Kowalski atmet flach und langsam, um sich möglichst wenig zu bewegen. Jede Bewegung führt ihm Kälte zu. Die Luft ist schneidend und eisig. Die sibirische Sonne senkt sich hinter den Wolken Millimeter um Millimeter. ,Die Dunkelheit’, weiß Kowalski, ,wird das Ende bringen.‘ Er spürt die Müdigkeit der anstrengenden Monate, die hinter ihm liegen.
„Hast Du Feuer, Kowalski?“, frage ich den Alten mir gegenüber jetzt eindringlicher und wische mit einer Hand vor seinem abwesenden Gesicht herum, während ich mit der anderen hilflos gestikulierend auf die Kerze auf unserem Tisch in dem kleinen Café deute. Da klärt sich plötzlich das faltige Antlitz und wird wieder so lebhaft, wie ich Kowalski kenne. Seine flinken Augen nehmen einen Spott an, der mich nichts Gutes ahnen lässt. Ich ducke mich vor seinen Worten, wie vor einem Schlag. Nach einer Pause spricht Kowalski unvermutet mild zu mir: „Feuer? Feuer trage ich doch seit Sibirien nicht mehr mit mir herum!“
Dann beugt sich Kowalski vor, nur ganz leicht, und zündet die Kerze an, gerade so, dass ich das Feuerzeug, das ich in seiner Hand vermute, nicht sehen kann.
 
Olaf