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Kowalski Geschichten
Morgen treffe ich Kowalski. PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Jochen Heller   
Saturday, 15. July 2006
Morgen treffe ich Kowalski.
 
 
Morgen treffe ich Kowalski. Seit unserer letzten Begegnung sind Jahre ins Land gegangen. Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten, was ich sagen soll. Das letzte Mal, als wir uns sahen, stand so viel zwischen uns. Wir mussten uns nicht einmal ansehen, um zu spüren, dass eine Mauer uns trennt, über die wir nur einen scheuen Blick zu werfen wagten, anstelle die Mauer einzureißen und die Vorbehalte aus längst vergangener Zeit zu vergessen.

Morgen treffe ich Kowalski. Ich bin älter geworden seit unserer letzten Begegnung. Mein Bauch ist runder - meine Arme und Beine hingegen dünner, eine Kastanie auf Zahnstochern. Wie er wohl aussehen wird? Einen leicht kränklichen Teint hat er ja nie ganz ablegen können seit damals, in Sibirien. Und trotz der leichten Blässe und den Ringen unter den Augen, er bleibt immer derselbe, immer jung, immer - er.

Morgen treffe ich Kowalski. Er spürt sofort, wenn ich ihm etwas vormachen will, ein X für ein U, Äpfel mit Birnen vergleiche, vorgebe, etwas zu wissen, von dem ich keine Ahnung habe - er sagt dann nie etwas, er sieht mich nur so sonderbar an. Und dann weiß ich, er hat mich durchschaut. Er durchschaut mich, noch bevor ich selber meinen Betrug bemerkt habe. Dann wird mir heiß und kalt zugleich, und ich wünsche mir ein Loch in den Boden. Am Grunde des Loches soll ein Bett stehen, mit einem Nachttisch und einer Lampe. In dem Nachttisch sollen liegen: ein Roman, ein Sachbuch, eine Rolle Klopapier und eine Pornozeitschrift. Dort will ich dann die nächsten Tage zubringen, bis Kowalski seinen verächtlichen Blick von dem Loch, an dessen Rande er steht, weit, weit über mir, abgewendet hat und geht.

Morgen treffe ich Kowalski. Mir will nicht in den Sinn, was er von mir will. Da höre ich seit Jahren nichts von dem Kerl, und auf einmal ruft er mich an und glaubt, ich springe für ihn, wenn es ihm gerade gefällt. Überhaupt, was fällt dem überhaupt ein? Mal kommt er, mal geht er, wie es ihm gerade passt, ohne „Hallo!“ und „Auf Wiedersehen.“ Nein, nicht Kowalski. Plötzlich steht er vor der Tür, seine Stimme knarzt im Telefon, und er bittet sich aus, pünktlich zum von ihm genannten Treffpunkt zu erscheinen.

Morgen treffe ich Kowalski. Warum eigentlich? Was soll ich da? Was will der Kerl von mir? Wieso kommt er nicht einfach vorbei, wenn er was will? Ich war nicht die ganzen Jahre weg und hab nichts von mir hören lassen. Ich war die ganze Zeit hier, hier in diesem Loch, das ich mir das letzte Mal gegraben habe. Und hier werde ich bleiben, bis er eingesehen hat, dass ich Recht hatte, dass seine Meinung überhaupt nichts zählt, dass ich wichtig bin und nicht er - ich - Ich - ICH!

Morgen treffe ich Kowalski? - Bestimmt nicht!


 
Jochen Heller