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Kowalski
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Geschrieben von Sabine Kurth   
Saturday, 15. July 2006
Seine letzte Zigarette
 
 
Ich lernte Kowalski während eines Lehrgangs kennen... was heißt, ich lernte ihn kennen... es war nur einmal, dass wir miteinander zu tun hatten... na ja, so richtig zu tun hatten wir eigentlich auch nicht miteinander.
Es war kurz vor Ende des Lehrgangs und spät in der Nacht. Ich konnte nicht schlafen und war auf der Suche nach Zerstreuung in den Aufenthaltsraum hinunter gegangen.
Als ich den Raum betrat, brannte das Licht. Es hatte wohl jemand vergessen, das Licht auszumachen. Die Wände waren nikotingelb, die zu kurzen Vorhänge vor den vier Fenstern hatten die Farbe von getrocknetem Tabak. Ich hatte gerade erst aufgehört zu rauchen und stand nun in einem Raum, in dem mich alles an mein altes Laster erinnerte. Der kalte Rauch stach unangenehm in meiner Nase. Von den 12 Neonröhren waren 5 kaputt und 2 flackerten hektisch vor sich hin. Auf den Tischen waren volle Aschenbecher, Krümel, Flecken und Ränder von Gläsern und Flaschen zu sehen. Die Stühle standen unordentlich herum.
Das Fernsehgerät, die Hoffnung meiner schlaflosen Seele, stand gegenüber der Tür. Ich ging zu dem Apparat und drückte auf den Einschaltknopf, aber nichts tat sich. Der Stecker war in der Steckdose. Ich gab nach ein paar halbherzigen Versuchen auf und drehte mich um, um wieder zu gehen.
Kowalski saß in der Ecke hinter der Tür unter einer der flackernden Neonröhren, ein aufgebautes Schachspiel vor sich auf dem Tisch. Ich sah ihn erst, als ich mich umdrehte und zuckte unwillkürlich zusammen. Wäre ich rückwärts hinaus gegangen, hätte ich ihn nicht bemerkt.
Ich lächelte ihn unbeholfen an, und er winkte mich zu sich.
" Spielst du Schach?" fragte er tonlos.
" Ja," sagte ich,"ein bisschen. Ich verliere meistens."
" Das stört mich nicht. Du hast die Weißen. Die sind noch vollständig", gab er zurück. Während ich mich setzte, fiel mein Blick auf sein Namensschild. Jeder Lehrgangsteilnehmer trug eins. Auch Kowalski.
Von den schwarzen Figuren, die vor ihm aufgebaut waren, fehlten ein Turm und die Dame. Er ersetzte den Turm durch eine Streichholzschachtel und die Dame durch eine leicht zerknitterte Zigarette.
Bevor er die Zigarettendame auf ihren Platz stellte, hielt er sie zwischen uns in die Luft und fixierte erst mich und dann die Zigarette mit seinen Augen und sagte: "Das... ist meine letzte Zigarette."
Wir spielten schweigend. Ich verlor eine Figur nach der anderen, aber irgendwann im Laufe des Spiels hatte ich die Gelegenheit, ihm den richtigen Turm zu nehmen. Kowalski tauschte daraufhin den Turm gegen die Streichholzschachtel und die Streichholzschachtel gegen die Zigarettendame aus, weil diese immer wieder umfiel. Die Zigarette rauchte er genüsslich mit tiefen Atemzügen. Mit Hilfe der nunmehr Streichholzschachteldame setzte er mich Schach-Matt. Das Spiel war mehr oder weniger schnell vorbei. Kowalski erhob sich mit den Worten: "Du spielst Hausfrauenschach, eh? War aber trotzdem nett.“
Er ging hinaus, und ich folgte ihm. Er kramte während des Gehens mit beiden Händen in seinen Hosentaschen und beförderte einige Münzen zu Tage, die er in den Zigarettenautomaten warf, der auf dem Flur hing, und zog sich ein neues Päckchen Zigaretten.
„Ich dachte, du hast Deine letzte Zigarette beim Schachspiel geraucht?" fragte ich.
" Nein," antwortete er. "Das war die letzte Zigarette von meiner vorherigen Schachtel. Schlaf gut."
Damit ging er, und ich sah ihn nicht wieder, genauso wie ich ihn vorher nicht gesehen hatte.


 
Sabine Kurth