Verstärker Inside

Forum
Fotos
Verstärker auf Reisen

Wer ist Online

Aktuell sind 2 Gäste Online





Passwort vergessen?
Registrieren
Die aktuelle Ausgabe    
des Verstärkers -    
Auszüge jetzt    

hier!    
Kowalski Geschichten
Wie Teer PDF Drucken E-Mail
Benutzer Bewertung: / 1
SchlechtSehr gut 
Geschrieben von Steffen Roye   
Saturday, 15. July 2006
Wie Teer
 
 
Gegen drei Uhr fuhren sie endlich erschöpft nach Hause. Aus dem Radio wünschte bereits jemand heiter „Guten Morgen“. Kowalski war Nicole zuliebe zum Faschingsball gegangen, wie jedes Jahr als Aristokrat, pomadisiert, mit Halstuch und Monokel, immerhin eine nette Abwechslung zu seiner drögen Buchhalterexistenz. Nicole hingegen hatte sich seit Weihnachten auf nichts anderes gefreut und gab diesmal eine Filmdiva, frisiert wie die Dietrich, einen falschen Pelz über dem Paillettenkleid.
Für Nicole war dies der Hauch der großen Welt. Kowalski verstand sie. Sie war vor zwanzig Jahren einmal Miss Eppach gewesen. Weil die Miss-Wahl vom örtlichen Busunternehmer finanziert wurde, durfte sie damals ein Jahr kostenlos Bus fahren. Die Welt hatte ihr offen gestanden, doch sie stieg bereits im Nachbarort aus. Und wurde Hausfrau.
Auf halbem Weg schnitt die Straße einen Acker entzwei, der wie eine Tischdecke über einem Hügel lag. Dort, auf der Kuppe, versperrte plötzlich ein ---
Ja, träumte er? Kowalski bremste scharf vor einem Schlagbaum. Nein, ganz ohne Zweifel, hier war ein Grenzübergang. Ein Uniformierter trat aus der Baracke und bedeutete Kowalski, das Fenster herunterzulassen.
„’n Morgen, die Pässe bitte!“ brummte er. Sein Atem bewölkte die Luft.
„Ja, hm. Guten Morgen. Seit wann gibt es denn… das hier?“
Der Beamte blickte Kowalski über seine Brille hinweg mit Schulmeisterblick an: „Wenn Sie mir bitte Ihre Pässe aushändigen würden!“
’Meinen Pass, verdammt, den hab ich doch bestimmt nicht mit auf den Ball geschleppt!‘, dachte Kowalski erschrocken. Seine Kehle war plötzlich wie Schmirgelpapier. Er begann die aussichtslose Suche trotzdem und war umso überraschter, als er ihn in der Innentasche seines Smokings fand. Der Grenzer studierte das Dokument aufmerksam, und plötzlich änderte sich sein Tonfall. „Graf Kowalski zu Schönborn, habe die Ehre!“, sagte er respektvoll und gab den Pass mit einem leichten Kopfnicken zurück.
Kowalski traf fast der Schlag. Wollte sich der Grenzer über ihn lustig machen? Unsicher blickte er zu seiner Frau, doch die hatte offenbar nicht zugehört. Nervös kramte sie in ihrer Handtasche und förderte ebenfalls ihren Reisepass zutage.
Ungläubig nahm Kowalski seinen Pass an sich und starrte hinein, während seine Frau sich halb über ihn beugte und ihren Ausweis ebenfalls nach draußen reichte. Tatsächlich! Das war eindeutig sein Foto. Daneben stand „Ferdinand Johann Philipp Karl Maria Graf Kowalski zu Schönborn“, und die laminierte Seite gehörte zweifelsfrei zu einem echten Pass. Zu seinem Pass. Vor Verblüffung hörte er nur mit halbem Ohr, wie sich der Uniformierte etwas unbeholfen an seine Frau wandte, die er schon vor dem Blick in den Ausweis zu erkennen glaubte: „Ah, Nicole Schwartz!“ (Das war ihr Mädchenname.) „Ich habe ihren letzten Film im Kino gesehen.“ Nicole lächelte unsicher. „Tatsächlich? Hat er Ihnen gefallen?“
„Wirklich Klasse, wie sie diese Krebskranke gespielt haben. Das macht Ihnen keiner nach, Oskarverleihungen hin oder her.“
Nicole senkte kokett ihren Blick. Der Grenzbeamte warf einen flüchtigen Blick in den Pass und reichte ihn zurück. „Könnte ich wohl ein Autogramm …?“
„Aber natürlich.“
Sie suchte in ihrer Tasche nach einem Kugelschreiber und fand ein bereits signiertes Foto. Der Grenzer bediente umständlich den Schlagbaum.
„Tja, dann gute Weiterfahrt!“, räusperte er sich.
Kowalski zwang sich zu einem verbindlichen Lächeln und gab Gas. Er verstand nicht, was eben passiert war. Und Nicole? Sie verbarg ihr Gesicht, indem sie aus dem Fenster starrte. Wie ein Soldatendenkmal blieb der Zollbeamte regungslos zurück und wurde im Rückspiegel schnell kleiner. Stumm rollten sie den Hügel hinab und verschwanden im angrenzenden Wald. Kowalski nahm seine Existenz hin, die so überraschend an ihm kleben geblieben waren wie Teer. Das Erlebte war so undeutlich wie sein übriger Alltag. Und was sollte es schon: es war besser, in Schönborn verflossener Macht nachzuträumen, als beispielsweise jämmerlich in Sibirien oder am Südpol zu erfrieren. Zum Glück hatte er sich nicht als Robert F. Scott verkleidet.
Langsam fiel die Anspannung ab, der Smoking passte wieder, auch der Autositz wurde wieder bequemer.
Jetzt, darin waren sich Kowalski und Nicole schnell einig, brauchten sie jedenfalls erst einmal dringend ihren Schlaf.


 
Steffen Roye