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Per Mofa in die Inspiration PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Anja Rößler   
Saturday, 15. July 2006
Leseprobe aus Version 15

Per Mofa in die Inspiration
 
 

„Verdammt, die Zeit läuft ab“, dachte ich und drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag. Ich versuchte weiter, mich zu psychedelischer Musik in Trance zu tanzen, um endlich und kurz vor Schluss doch noch eine göttliche oder sonst eine Eingebung für diese Ausschreibung zum Thema 'Raum' zu bekommen. Da klingelte es Sturm.
Mit den Worten: „Die Musik ist bis in den letzten Kellerraum zu hören“ trat mein Vermieter unaufgefordert in den Flur. Er blickte mich scharf an, und ich spürte sofort, dass nicht nur er, sondern mit ihm auch wieder die Frage im Raum stand, ob ich es wirklich auf eine Kündigung anlege.
Ich legte es lieber nicht darauf an, gab klein bei, verließ kurz nach ihm ebenfalls meine Ein-Raum-Wohnung und schloss endgültig mit meinen auf Faulheit wie auch auf Esoterik basierenden mystizistischen Hoffnungen auf eine Eingebung ab.
So schwang ich mich auf mein Mofa, um mich vom Moloch Berlin animieren zu lassen. Los ging es. Doch schon nach wenigen Minuten wurde meine Fahrt in die Inspiration gestoppt. Dreiundvierzig Demonstranten, die am Potsdamer Platz gegen die Privatisierung öffentlicher Räume und für freies Demonstrieren in denselben demonstrieren wollten, wurden von ungefähr zweihundertsechzehn privaten Sicherheitskräften an ihrem Tun gehindert. Als der Platz geräumt war, erkundigte ich mich noch bei einem der Sicherheitsposten nach dem Sinn der Räumung. Nachdem er mir mit: „Das Volk da operiert doch so und so im luftleeren Raum“ geantwortet hatte, konnte ich, zwar unbefriedigt, aber endlich, wieder Gas geben.
Ich passierte ein Plakat, auf dem ein schwedisches Einrichtungshaus für raumsparende Lösungen warb: An einem 'Bjursta' genannten Küchentisch saßen kartenspielend Elche, die Namen wie Lindhult, Björsund, Hästveda und dazwischen sogar noch genügend Raum für ihre Geweihe hatten. Langsam wurde ich ungeduldig – eine Idee zum Thema 'Raum' musste her. Vielleicht sollte ich einfach eine fertige Geschichte umschreiben, dachte ich und sah das Elefantentor des Zoos auf mich zu kommen. Genau, ich hatte doch noch diese Geschichte von Libelle Kurt in der Schublade liegen. Ich suchte in der Unordnung meiner Gehirnwindungen, und wie immer gelang es mir, zufällig exakt dahin zu greifen, wo ich das Gesuchte hingeschmissen hatte. Da war die erste Szene:
-- Libellenfrau Linda versucht, ihren Mann Kurt in ein Beziehungsgespräch zu verwickeln. Doch der weicht aus. „Puh, die Sonne brennt heute wieder unerträglich“, meint er und lässt seine schimmernden Flügel kurz aufschwingen. „Die USA müssen sich endlich dem Abkommen von Kyoto anschließen – wusstest Du, dass die Staaten allein mehr als ein Viertel der schädlichen Treibhausgase...“, Linda unterbricht ihn: „Lenk nicht ab... Nun, was hältst Du von einer Paartherapie?“ --
Ich überlegte mir, dass ich die Fabel statt auf einem Seerosenblatt in einem Raum spielen lassen... oder, besser, ein Kammerspiel daraus machen könnte – sozusagen das Genre als Metapher. Ich verwarf den Gedanken schnell. Abgesehen davon, dass es ein blödsinniger Einfall war, wäre es ein an Arbeit grenzender Aufwand.
Um den Gefahren des Straßenverkehrs zu entgehen, fuhr ich auf dem Trottoir weiter. Ein Blick auf die Uhr. Mist, es war schon später. Langsam kam ich ins Schwitzen. Apropos Schwitzen, hatte nicht einer mal gesagt: Inspiration zehn Prozent – Transpiration neunzig Prozent? Woher bekäme ich die zehn Prozent? Von den neunzig hatte ich reichlich. Wie die klaustrophobische Businessfrau, die ihren Geschäftspartnern nicht die Hand geben konnte, da diese immer schweißnass war, und daraufhin Salbeizüchterin wurde; die Frau, meine ich. Nein, diese Geschichte war dämlich und gar nicht von mir – die gab es nicht mal.
Nachdem weitere kostbare Zeit und einige Auseinandersetzungen mit Fußgängern vergangen waren, spielte ich mit dem Gedanken, ein Potpourri aus meinen Werken zusammenzustellen und dem Ganzen den Titel 'Raum' zu geben. So wären alle mir im Kopf kreisenden Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Aber das wäre wenig originell, zu billig und zu durchschaubar oder das Gegenteil gewesen.
Inzwischen im Herzen des Prenzlauer Bergs angekommen, kehrte ich in der Raumerstraße in einem Café ein. Dort bestellte ich einen Tee, haderte mit mir, mit Gott und der ganzen Welt und schließlich mit dem Kellner, der mir einen Tee im Beutel servierte. Wie ich aus Beuteltee Kraft und Kreativität tanken solle, fragte ich erst mich, dann ihn: „Wie soll ich aus einem Beuteltee Kraft und Kreativität tanken?“ Seine Antwort war eine genervte Handbewegung, die den ganzen Raum umfasste. Widerwillig sah ich mich um. Was sollte mich hier inspirieren? In der Ecke ein knutschendes Pärchen, am Tisch vor mir ein Mann, der in einer 'Freundin' blätterte, und am Tisch nebenan eine Frau, die in einem Buch las. Es zeigte das Konterfei Einsteins, darunter stand etwas von Zeit und Kontinuum – den ersten Teil bedeckten ihre Finger.
Hier war nichts zu holen wurde mir schnell klar.
Wieder auf meinem Mofa ließ ich das Krankenhaus hinter mir, das Bezirksamt, das Planetarium, die Autoverleihfirma, viele Kilometer Trottoir, einige über die Autobahn... Stopp, da war doch was... Alles noch mal zurück: Da war das Krankenhaus, dann das Bezirksamt, dann das Planetarium. Ja, Planetarium, Gestirne, Kosmos, Weltraum, Raumfahrt... Jetzt hatte ich es:
Raumpatrouille Orion fordert Verstärkung der Verstärker-Crew an. Sie seien die einzigen, die Harry B-wie-Buch-und-Wegbeschreiber zur Strecke bringen könnten, rechtfertigt Commander Cliff Allister McLane die außergewöhnliche Entscheidung vor der Raumkommission, die sich nach vielen Diskussionen breitschlagen lässt. Zu Recht. Harry B-wie-Buch-und-Wegbeschreiber hatte schon Tausende von interkosmischen Literaturinteressierten so weit in die Irre geführt, dass sie statt in literarischen Bann in literarische Vakua gezogen wurden.
Auch diesen Plot verwarf ich gleich wieder. Man könnte mich versuchter Jurymanipulation und Arschkriecherei bezichtigen.
Während ich darüber nachgrübelte, überquerte ich die Stadtgrenze. Ich war im Lande Brandenburg. Hier konnte ich mal frische Luft in meine urbanisierten grauen Zellen blasen lassen.
Ich bog in einen Feldweg ein und genoss die Farbenvielfalt, die mir die Landschaft bot. Eine sanfte Brise wehte über das Land. Das Getreide auf dem Feld rechts von mir schlug leichte Wellen, die mich an die Olas der Fußballfans in den Stadien denken ließen. Die Rinder, die an einem kleinen Hügel links des Weges mir allesamt den Hintern zuwandten, schienen sich indessen nicht für Fußball zu interessieren, geschweige denn für mich. Auch nicht, als ich über den Zaun gestiegen war. Ich ließ den grimmig dreinschauenden blonden Stier, der im Schatten zweier Bäume stand, lieber mal stehen, um langsam auf die anderen etwas friedlicher und gleichsam agiler aussehenden Rinder zuzugehen. Plötzlich kam eine brünette Kuh, einen Ball am Huf, über den Hügel geschossen, spielte geschickt die anderen Rinder aus und schoss den Ball erst zwischen meinen Beinen und dann – für den grimmigen Stier unerreichbar – zwischen den zwei Bäumen durch. Jubel brannte auf. Die Brünette legte zwei Salti auf die Wiese. Aber dann rief ein Ochse, ganz in Schwarz: „Tor ist ungültig, fremdes Objekt im Strafraum“, und zog eine Rote Karte. Mich nach einem fremden Objekt umsehend, war ich gespannt auf das, was käme. Und das kam wild schnaubend und mit elf mal vier Hufen direkt auf mich zu. Endlich verstand ich, machte, dass ich davon kam, sprang über den Zaun und auf mein Mofa.
Beleidigt und resigniert gab ich Gas. Im Rückspiegel sah ich den Schlamm des Feldweges nur so spritzen.
In sicherer Entfernung beschloss ich, den Tag einen Tag sowie die Ausschreibung eine Ausschreibung sein zu lassen und fuhr weiter der prallen untergehenden Sonne entgegen. 'Raum', dachte ich, das war einfach nicht mein Thema – einfach zu weltfremd.


 
Anja Rößler, Berlin