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Monti PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von Judith Stadlin van Orsouw   
Saturday, 15. July 2006
Leseprobe aus Version 14

Monti
 
 

Lasse, Liv und ihr Vater Bernd sind am Strand, nahe am Wasser, dort, wo der Sand ziemlich nass ist, weil nahezu jede sanfte Welle ihn beleckt. Das Wetter lässt keine Urlaubswünsche offen, die Sonne scheint kräftig, brennt jedoch nicht zu heiß, denn eine angenehme herbstliche Brise dämpft die Hitze. Ebenso präsentiert sich das Meer: Hier am kleinen, nicht überladenen Strand sieht es genau so aus wie jeweils auf den Badeferien-Prospekten: türkisblau und klar bis weit nach draußen. Außerdem ist auch das Wasser warm.
Es ist ein idealer Tag für den Strand-Baumeister Lasse Möller.
Die Mutter, Maite, erholt sich auf der Schilf-Matte mit einem neuen Buch, nachdem sie ihren Sohn, einen blonden Fünfjährigen, von der Notwendigkeit, Sonnencrème aufzutragen, nur überzeugen konnte, indem sie ihn vor die harte Entscheidung stellte: Anziehen oder eincrèmen! Nun ist Lasses Körper glänzend vor Sonnenschutz, ebenso der noch etwas babyhafte Körper der 3-jährigen Liv, die ein blendend rotes Kopftuch trägt. Lasse, obwohl auch er blond ist, kann keine Energie für die Montage eines Kopfschutzes aufwenden, er ist viel zu beschäftigt damit, die erste grosse Wand einer Sandburg zu bauen. Unentwegt lädt er Sand, stark verdünnt mit Meerwasser, in seinen durchsichtigen Plastikbottich mit Deckel. Dazu schreit er „Monti!“ und trägt seine Ladung dorthin, wo seine Burg entstehen soll und wo auch Bernd und Liv sind.
Sein Vater Bernd ist erleichtert und zufrieden, dass die beiden Knirpse sich gut unterhalten. Heute ist sein Kindertag, und das Wetter spielt, gottseidank, optimal mit. Er braucht die beiden Kleinen eigentlich nur zu beaufsichtigen, kann sich also prima entspannen und seinen eigenen Gedanken nachhängen, genauso wie es sich im Urlaub gehört. Töchterchen Liv singt Lieder, die sie soeben erfindet, schaufelt mit ihren kleinen Fingern ruhig etwas Sand zu Lasses Mauer hin und wird höchstens dann aufgeregt, wenn ihr Bruder die Sand-Wasser-Ladung seiner Büchse lustvoll genau in Richtung ihres Bauches knallt. Aber auch dann eher deshalb, weil Bernd sich aufregt und mit seinem Sohn schimpft.
Lasse hört dann jeweils sofort mit dem Unfug auf, eilt weiter zwischen Wasser und Burg hin und her und ruft: „Ich bringe Monti, hier ist Monti!“, oder: „Platz da, Monti kommt!“
Die Kinder bauen beide an Lasses Burg, Lasse eifrig, Liv eher beiläufig, Maite ist im Schatten nun auf Seite 102 ihres Buches angekommen, Bernd lässt seine Gedanken schweifen und schaut den Kindern mit einem Auge beim Spielen zu. „Monti, Monti, Monti ist hier, seht nur mein vieles Monti!“ Mehr, um überhaupt etwas zu sagen, als aus echtem Interesse, erkundigt sich Bernd: „Monti? Was ist denn Monti?“ „Das hier ist Monti, mein monti Monti, hier in diesem Bottich, ist doch monti, Papa, Monti!“, antwortet Lasse und rennt.
„Monti? Nie gehört!“, antwortet Bernd und blickt wieder aufs Meer hinaus.
Der Wellengang hat etwas zugenommen. Lasse füllt und rennt und leert aus und „Monti“ und rennt, gegen den Wellengang, der seine Mauer weglecken will, und holt „Monti“, und füllt den Plastikeimer mit Wasser, Sand, Monti und rennt und „Monti“ und freut sich auf seine Burg. Auch Livs Lieder heißen nun alle „Monti“ – oder jedenfalls kommt „Monti“ in jedem Refrain vor. Auch sie schaufelt nun Monti und freut sich an Monti. Lasse und Liv und Mauer und Monti. Etwas anderes gibt‘s nicht, höchstens noch den Papa, den Zuschauer, den Beaufsichtiger, den Retter für die Not. Bernd hat festgestellt, dass die Wellen stärker geworden sind und hat seinen Körper am Strand etwas weiter nach oben verschoben, wo es bislang noch ziemlich trocken ist. Er blickt auf die Mauer, die zur Zeit aber eher kleiner wird als grösser, obwohl Lasse doch noch immer mit Feuereifer rennt und Monti hinführt. „Es wellt stärker, wenn‘s so weitergeht, dann nützt auch dein Monti bald nichts mehr, Lasse“, warnt Bernd. Da wird Lasse böse: „Doch, Monti nützt, Monti ist Klasse, hier ist Monti, Monti ist superspitze! Mein Monti-Monti-Monti nützt was, Monti nützt viel!“
Und weiter geht‘s, auch wenn die Mauer kein bisschen wächst. – Aber sie wird auch nicht mehr kleiner, das muss Bernd zugeben.
Interessiert beobachtet er jetzt, wie sein Sohn unentwegt eifrig zwischen seiner Burg und dem Meer hin und her eilt, Monti holt, Monti ausleert und die Mauer mittels Tempo und Monti tapfer gegen die gierigen Wellen verteidigt. Liv ist auch schneller geworden, sie hat mit dem Singen aufgehört und arbeitet stattdesssen, die Zunge konzentriert zwischen die Lippen geklemmt, daran, Lasses Monti auf der Mauer zu verteilen. Selbst Bernd greift nun ein, der Wind ist stärker geworden, das Meer bewegter, er beginnt, leicht zu frösteln. Es geht darum, im Wettlauf gegen die Wellen zu gewinnen.
Lasse, Liv, Bernd – alle drei arbeiten sie nun an der Burg, greifen tief in den Sand, schaufeln hin, feuern sich gegenseitig an und spüren kaum, dass die Sonne nun hinter dicken, grauen Wolken verschwunden ist. Selbst als es anfängt, in vereinzelten dicken Tropfen zu regnen, und Liv ihr rotes Kopftuch abnimmt, damit es nicht nass werde und die Farbe verliere, hören sie nicht auf: Lasse rennt und bringt Monti her, Liv klebt Monti an die Mauer, und Bernd hält die Mauer mit seinen großen Händen zusammen, bis die nächste Ladung Monti folgt.
Maite hat, sobald der erste Tropfen auf Seite 216 ihres Buches gefallen ist, die ganzen Sachen zusammengepackt und ist aufgestanden, um im trockenen Hotelzimmer weiter zu lesen.
Mehrfach hat sie nach den drei Baumeistern gerufen. Aber alles, was sie zu hören bekommen hat, ist von Liv: „Monti, Mutti, Monti!“, von Lasse: „Komm und hilf doch bauen, hilf mit Monti!“ und von Bernd: „Geh ruhig schon mal vor, wir müssen hier unbedingt noch etwas fertig machen.“
Der Wind zerzaust ihr Buch und ihr Haar, ihr ist kalt und Maite drängt: „Was um Himmels Willen macht ihr denn eigentlich so Wichtiges? Seid doch vernünftig, es regnet gleich in Strömen.“ Da hebt Bernd kurz den Kopf und antwortet: „Was wir machen? Monti! Das siehst du doch, oder!“, und wendet sich umgehend wieder der Mauer zu.

 
Judith Stadlin van Orsouw, Zug (Schweiz)
 
monti_jakob
Illustration von Jakob Höper, Berlin