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Geschrieben von Pascal Baltzer   
Sunday, 16. July 2006
Leseprobe aus Version 11

Zwei Corretto


Was macht einen guten Corretto aus? Ohne mich lange über Grappa und Bohnenröstverfahren auszulassen, erwähne ich nur eines: heiß muß er sein. Wie oft wird der Grappa einfach lieblos in den an sich einwandfreien Ristretto aus dem Vollautomaten gegossen, so dass eine lauwarme Brühe resultiert. In diesem Café ist er einwandfrei und gibt seine Hitze in sich umwindenden Dampffäden an die Umgebung ab. Draußen regnet es, und blasses Nachmittagslicht fällt durch die großen Fenster, welche vermutlich im Sommer weit offen stehen und dem Besucher das Gefühl geben, am Straßenleben teilzunehmen. Mein Blick streift durch das Halbdunkel. Denkt man sich eine gerade Linie von den Augen bis zu dem Punkt, wo die Sicht verdeckt wird, hat man eine Art suchenden Strahl, der durch die Umgebung wandert. So kann man sich auch das Spürbare an Blicken erklären. Wie oft dreht sich eine angesehene Person um und sucht nach dem auf ihr ruhenden Augenpaar? Den Gedanken weitergesponnen erfüllt sich der ganze Raum mit umherstreifenden Blicklinien, die sich kreuzen und zuweilen treffen. Natürlich ist es um diese Zeit leer und still, und der geschäftig Gläser polierende Mann hinter der Bar mit seinen absichtlich etwas ungepflegt wirkenden halblangen Haaren und die unbesetzten Tische mit ihren zuweilen flackernden Kerzen warten auf den Betrieb des frühen Abends. Trotzdem treffen sich Blicke, nicht wirklich zufällig, denn der meine bleibt immer wieder auf dem Profil der jungen Dame am Tresen hängen. An ihr ist alles schwarz und damenhaft. Von den Lackschuhen, der undurchsichtigen Strumpfhose, dem halblangen Rock und dem am Hals hochgeschlossenen Oberteil bis zu den zu einem eleganten Seitenscheitel frisierten Haaren. Ihr Gesicht ist winterlich blass, und ihr Profil mit dem zart geschwungenen Mund, dem etwas konkaven Nasenrücken und den langen Wimpern zieht mich magnetisch an. Natürlich merkt sie es und wirft mir von Zeit zu Zeit einen abschätzigen Blick zu. In den meisten Fällen lasse ich meine Augen rechtzeitig weiterwandern, gebe vor, die in großen Töpfen stehenden Farne mit den dahinter versteckten Lichtstrahlern zu bewundern, doch manchmal erwischt sie mich. Mit leisem Lächeln greift sie dann in ihre Schachtel mit blauen Gauloises und zieht mit spitzen Fingern eine Zigarette hervor. Der junge Mann hinter der Bar hat in einem solchen Moment meist sein Feuerzeug griffbereit und hält ihr hinter fachmännisch vorgehaltener Hand die Flamme entgegen. Natürlich rauche ich nicht. Ich sollte nicht natürlich sagen, denn die meisten Nichtraucher haben andere Gründe als ich. Sie denken an Krebs, natürlich. Da gab es doch letztens diese böse Werbung, wo ein Mann und eine Frau Blickkontakt aufnehmen, und das Ganze im unvermeidlichen Angebot einer Zigarette endet. Nur verdeckte das Halstuch der Frau ihr Atemventil, und sie holte einen Schwingungen erzeugenden Apparat heraus, um ihn darüber aufzuklären, dass sie nicht mehr rauche. Als ich sie zum ersten Mal sah, ärgerte ich mich. Zigarettenwerbung verband ich seit jeher mit Kinobesuchen, und trotz oder gerade wegen des abschließenden warnenden Spruches konnte man sie als Nichtraucher mit gutem Gewissen genießen. Rauchern zuzusehen finde ich entspannend, als fließe die Coolness und Entspannung, die sie in der Zigarette suchen, direkt in mich über. Und ist eine Schachtel Zigaretten auf dem Tisch nicht ein schönerer Anblick als ein blinkendes und jeden Moment die Ruhe zerstörendes Handy? Auch vorbei, schwarze, absichtlich Todesanzeigen ähnlich gestaltete Aufschriften diffamieren den Raucher als kranken Abhängigen, mehr noch, als Kriminellen, der seine Umgebung schädigt. Mag alles wahr sein, mir zerstört das Ganze die Atmosphäre. Zigaretten gehören wie Kaffee und Alkohol einfach zum Abend dazu. Und diese Frau an der Bar: ich liebe schöne junge Frauen, die rauchen. Ich liebe die oftmals manierierte Haltung der Hände, die wie zum Kuss vorgewölbten Lippen, wenn sie den Rauch ausatmen. Dieses Zerstörerische unterstreicht die Vergänglichkeit ihrer Schönheit. Ich nippe an meinem Corretto. Köstlich der Geschmack. Das ist der Grund, warum ich nicht rauche: der Geschmack. Wieviel einem Raucher da entgeht, diese feinen Nuancen, die er niemals wahrnehmen wird, weil die Geschmacksnerven durch den parfümierten Rauch gelähmt sind. Ich liebe auch den Geschmack einer rauchenden Frau auf der Zunge, wenn wir uns küssen. Natürlich gibt es starke Raucher oder solche mit der Veranlagung zum Mundgeruch. Ihr Atem riecht nach kalter Asche und lässt einen würgen. Solche meine ich natürlich nicht. Aber dieser metallisch harte Geschmack vermischt mit dem nachgiebig weichen Gefühl ihrer Lippen erfüllt mich mit stillem Glück. Man könnte meinen, ich achtete nur auf das Äußere und den Geschmack der Dinge, man könnte fragen: was ist mit der Liebe?

Neben der Schachtel Gauloises steht jetzt ein Corretto. Ist da ein weiteres Lächeln auf ihren Lippen, als sie einen kleinen Schluck davon nimmt? Die Tür öffnet sich, und zwei junge Männer betreten das Café, der eine untersetzt und gut gekleidet, der andere größer mit blitzender Brille auf der Nase. Vermutlich Studenten, siebtes, achtes Semester möchte ich meinen. Sie setzen sich in meine Nähe, nur durch eine große Pflanze von mir getrennt, und bestellen zwei Hefeweizen. Insbesondere der eine hat eine kräftige Stimme, so dass ich ungewollt ihr Gespräch mitbekomme. Mit ihren Freundinnen zu Besuch in der Stadt haben sie sich von deren Einkaufstour losgesagt und möchten sich hier von den vorangegangenen Besichtigungen erholen. Sie stoßen an, bald quillt der Geruch von Zigarettenrauch zu mir hinüber. Ihre wachen Blicke streifen durch das Lokal und bleiben auch auf mir hängen, wenn auch die Frau an der Bar mehr Eindruck auf sie macht. „Hast du die Dinger gesehen?“ fragt der mit der Brille den anderen. Dieser verzieht wegen der Lautstärke seines Gegenübers das Gesicht. Vermutlich hat selbst das Mädchen an der Bar den Spruch gehört, doch lässt sie sich bis auf ein überlegenes Lächeln und einen weiteren Schluck Corretto nichts anmerken. Ich richte meine Augen wieder in die Zeitung auf meinem Tisch und werfe nur ab und an einen Blick in Richtung der jungen Dame, den sie zuweilen mit angedeutetem Lächeln quittiert. Die Jungs am Nachbartisch werden lustiger, ihre Themen wandern von den unverschämt hohen Zigarettenpreisen über ihre Freundinnen zur Abendplanung. Dann, irgendwann höre ich genauer hin. „Natürlich habe ich aufgehört, dennoch möchte ich es nicht missen. Wie anders wäre alles verlaufen.“ Sie unterhalten sich über Drogen im Allgemeinen und Kiffen im Speziellen. Der eine hat vor Jahren damit aufgehört, der andere raucht noch zuweilen. „Stell dir diese magische erste Zeit ohne das Rauchen vor, welches den Moment in goldene Stille taucht. Die Parties. Was wäre eine Party ohne das Verbotene gewesen, ohne den Rausch, der unsere Jugend unterstrich und für den Moment unsterblich werden ließ?“ Der Kleinere bekommt einen verträumten Blick. „Wie die Zeit sich dehnen konnte. Meine damalige Freundin und ich lagen damals im Sommer auf einer Tischtennisplatte. Wir hatten vorher das erste Mal miteinander geschlafen.“ Sein Gegenüber lacht. „Und es war beschissen, oder?“ Wehmütig lächelt der andere. „Der Sex war beschissen, klar. Ich glaube, sie war enttäuscht. `Schon fertig?`, meinte sie ungläubig. Aber dann, dort auf der Tischtennisplatte, rauchten wir, und wir reichten uns den Joint immer wieder hin und her. Es war, als würde er nicht kürzer werden. Es war, als sei der Moment mit uns beiden unter diesem mit unendlich vielen Sternen gesprenkelten Himmel in warmer Watte gefroren. Gott, ich hab sie geliebt. Ich habe den Moment geliebt und auch die danach. Es war eine unglaublich zarte und neue Zeit. Manchmal habe ich das Gefühl, sehr alt zu sein. Manchmal denke ich, alles ist grau. Manchmal fürchte ich, überhaupt nicht mehr lieben zu können.“ Der mit der Brille lacht. „Weil du gar nicht mehr rauchst. Aber wenn ich ehrlich bin, geht es mir auch so. Die Süße, das perlende Gefühl und die Überempfindlichkeit des Körpers, während die Zeit sich in die Länge zieht, das alles sind nur noch kurze Augenblicke, die stets lediglich größere Traurigkeit hinterlassen.“ Der Kleinere nickt. „Wenn Traurigkeit das richtige Wort ist. Leere trifft es besser. Als wenn die Emotionen von Jahren durch die Drogen konzentriert und in viel kürzerer Zeit verbraucht würden, so dass irgendwann einfach nichts mehr übrig ist, verstehst du? Manchmal glaube ich, den ganzen Frohsinn meines Lebens schon verbraucht zu haben.“ Nach wenigen weiteren Worten wechseln sie das unangenehme Thema und ergeben sich in die stumpfsinnige Lustigkeit des vierten oder fünften Bieres.

Es schüttelt mich. Wie können diese so jung wirkenden Männer schon so alt reden? War das jetzt ein Dialog für oder wider die Drogen? Vermutlich kann man ihn so oder so verstehen. Mich hat er erschrocken. Aber was rede ich, bin kaum älter als sie und sitze allein im Café. Die Frau an der Bar steht auf und sucht in ihrer Tasche nach Geld. Dabei wirft sie mir einen weiteren Blick zu. Jetzt oder nie. Wenn sie geht, folge ich ihr und spreche sie an. Der Abend ist jung, gerade erst ist das Licht der Straßenlaternen aufgeflammt. Ich trinke den letzten Schluck meines mittlerweile kalten Correttos. Als ich die Augen hebe, sehe ich die Frau, die dem Mann hinter der Bar einen Kuss gibt, eindeutig zu intensiv und lang für den Abschied unter Bekannten. Dann schwebt sie hinaus, unerreichbar und schön wie eine Filmfigur. Seufzend suche ich mein Kleingeld zusammen und gehe zum Tresen. Als ich das Café verlasse, kommen mir zwei lachende Mädchen mit vollen Einkaufstaschen entgegen. Meine Schritte führen mich fort unter dem azurblauen Himmel, während mein Schatten mir vorauseilt.

 
Pascal Baltzer